Der FC St.Gallen nach der grossen Rückkehr gegen Lugano – ein Zeichen, dass die Stärken der Vorrunde noch immer vorhanden sind

Dank einer spektakulären Wende vom 0:1 zum 3:1 gegen Lugano rückt der FC St.Gallen auf den zweiten Rang vor.

Patricia Loher
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Der Spanier Victor Ruiz lässt sich als Doppeltorschütze feiern.

Der Spanier Victor Ruiz lässt sich als Doppeltorschütze feiern.

Bild: Urs Bucher

Ein harziger Beginn, eine starke Reaktion, zwei Tore von Victor Ruiz, das gute Début des neuen Torhüters und Platz zwei vor der Auswärtspartie gegen Basel: Gleich zum Rückrundenstart war es wieder ein St.Galler Spiel mit vielen Geschichten und grossen Emotionen.

Noch nach 45 Minuten und viel Geknorze hatte es im Heimspiel gegen Lugano düster ausgesehen. Nach einem Gegentor in der 40. Minute durch Mattia Bottani stand es 0:1, die Ostschweizer hätten gegen aufsässige und schnell konternde Tessiner sogar noch deutlicher im Rückstand liegen können. Zur Pause wurde auf den Tribünen im Kybunpark schon wieder ein St.Galler Rückrundenblues vermutet, ehe Erstaunliches passierte.

Die Show von Victor Ruiz

Nachdem Ermedin Demirovic in der 55. Minute aus einer schwierigen Position kaltblütig das neunte Saisontor erzielt hatte, präsentierte St.Gallen plötzlich wieder sein Sonntagsgesicht der Vorrunde. Innerhalb von nur zwei Minuten schaffte es die Mannschaft von Trainer Peter Zeidler, ein 0:1 in ein 2:1 zu verwandeln.

Das 2:1 war der Anfang der Show des Spaniers Ruiz, der eine Viertelstunde nach seinem Führungstreffer mit einem Traumtor aus 20 Metern auf 3:1 erhöhte. St.Gallen spielte wieder wuchtig, das Team war wieder dominant und streifte alle Unsicherheiten der ersten Halbzeit ab. St.Gallen war nun wieder die junge, unbeschwerte Mannschaft mit dem grossen Kämpferherzen. Mittelfeldspieler Lukas Görtler sagte:

«Es war unglaublich, wie wir den Schalter umlegen konnten, auch dank des Publikums.»

Dabei sei noch die erste Halbzeit eine grosse Enttäuschung gewesen, man habe sich im Winter nicht so gut vorbereitet, um dann derart aufzutreten. «Ausser Goalie Zigi hat keiner sein Niveau erreicht.»

Zeidler: «Wovor habt ihr Angst?»

Zur Pause habe es nicht viele Worte gebraucht, sagte Zeidler. «Ich fragte die Spieler nur: Wovor habt ihr Angst?» Er habe die Risikobereitschaft vermisst, der Trainer bemerkte, wie seine Mannschaft zu viele Quer- und zu wenig Vertikalpässe spielte. «Vielleicht war es die Nervosität», sagte der 21-jährige Demirovic. Als eine Kombination aus Angst und Erwartungsdruck bezeichnete der Trainer den ungenügenden Auftritt seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit.

Präsident Matthias Hüppi jubelt nach der Wende gegen Lugano.

Präsident Matthias Hüppi jubelt nach der Wende gegen Lugano.

Urs Bucher

Der FC St.Gallen hatte gleich in den ersten Minuten nach der Winterpause zu spüren bekommen, was sich bei den Gegnern aufgrund seiner starken Leistungen in der ersten Saisonhälfte verändert haben könnte. Lugano leistete sich jedenfalls kaum Fahrlässigkeiten, verteidigte sehr aufmerksam und blieb fast ohne Aussetzer.

Es schloss die Räume und ging kompromisslos in die Zweikämpfe. Die St.Galler fanden keine Mittel, weil ihnen viel zu viele Fehlzuspiele unterliefen. Das Überraschungsteam der Vorrunde erarbeitete sich lediglich eine gute Torchance, in der 17. Minute setzte Cedric Itten einen Ball knapp neben das Tor. St.Gallen wirkte jedenfalls nicht mehr so unbeschwert wie noch in der ersten Saisonhälfte. Die Mannschaft nahm zwar immer wieder einen Anlauf, um die Tessiner in Bedrängnis zu bringen, schien aber gehemmt.

Der neue Goalie zeichnet sich zweimal aus

Lugano setzte nebst auf Stabilität in der Abwehr vor allem auf Konter. St.Gallens Glück war es in jener Phase, dass die Tessiner ebenfalls zu wenig präzis spielten – und sich der neue Goalie Lawrence Ati Zigi zweimal auszeichnete.

In der 22. Minute hielt der Nachfolger von Dejan Stojanovic gegen den allein auf ihn zustürmenden Filip Holender die Null fest, ehe er wenig später auch bei einem durch Yannis Letard abgefälschten Ball gut reagierte. Der Einstand des neuen Torhüters verlief vielversprechend. Der 23-Jährige spielte gut mit, strahlte Ruhe aus und war auch bei Flanken stark.

Reflexstark: St.Gallens neuer Torhüter Lawrence Ati Zigi.

Reflexstark: St.Gallens neuer Torhüter Lawrence Ati Zigi.

Urs Bucher

Schon Sprechchöre für Zigi

Die Zuschauer haben Zigi bereits ins Herz geschlossen und feierten ihn nach Spielschluss. «Ich fühle mich hier schon zu Hause», sagte er und fügte an:

«Das Publikum gibt mir die Kraft, um so weiterzumachen.»

Auch Zeidler sprach von einem guten Début des Goalies und lobte die Körpersprache sowie die Ausstrahlung des 1,89 m grossen ghanaischen Nationalspielers. Ohne ihn wäre der Rückstand St.Gallens zur Pause möglicherweise deutlicher gewesen.

So war das Tor von Demirovic ein Weckruf. St.Gallen jedenfalls präsentierte sich danach wie verwandelt. Es war eine spektakuläre Wende und ein Signal, dass die Stärken der Vorrunde noch immer vorhanden sind. Demirovic sagte:

«Keiner liess zur Pause in der Kabine den Kopf hängen. Wir wissen, dass wir eine richtig gute Mannschaft haben.»

Ein weiterer Härtetest steht schon am nächsten Sonntag auf dem Programm. St.Gallen gastiert in Basel, das zum Rückrundenstart das Spitzenspiel gegen die Young Boys 0:2 verloren hat – und die Ostschweizer deshalb an sich vorbeiziehen lassen musste. St.Gallen muss im St.-Jakob-Park auf die beiden gelb-gesperrten Letard und Demirovic verzichten.