Der FC St.Gallen auf Gegentore-Jagd

Während sich die Schweizer Sportler an den Olympischen Winterspielen fleissig mit Lorbeeren schmückten, waren die St.Galler Fussballer auch nicht untätig. Allerdings könnte die Erfolgsbilanz gegensätzlicher nicht sein.

Drucken
Teilen
Der Lausanner Miha Mevlja (in weiss) trifft zum 3:0. Die St.Galler Stéphane Nater (links), Goalie Daniel Lopar, Marco Mathys (Zweiter von rechts) und Matias Vitkieviez (rechts) haben das Nachsehen. (Bild: Keystone)

Der Lausanner Miha Mevlja (in weiss) trifft zum 3:0. Die St.Galler Stéphane Nater (links), Goalie Daniel Lopar, Marco Mathys (Zweiter von rechts) und Matias Vitkieviez (rechts) haben das Nachsehen. (Bild: Keystone)

Elf Medaillen der Eidgenossen stehen in der Sotschi-Zeit elf Gegentoren der St.Galler Leidgenossen gegenüber. Was mit einem einzigen Gegentreffer in Aarau begann, kumulierte sich mit den fünf Einschüssen in Lopars Tor im Match gegen GC. Nur noch drei waren es am Sonntag in Lausanne, so dass man sich nun vielleicht auf dem Weg der Besserung befindet.

Zu beschönigen gibt es wenig. 2:11 lautet die Tordifferenz nach der Winterpause. Weiter auf unglückliche Umstände hinzuweisen, wäre am Ziel vorbeigeschossen. So wie auch die St.Galler Angreifer das Tor nicht mehr treffen, wenn sie denn überhaupt zum Schuss kommen. Glauben Sie mir, dass die Gegner bei fast allen ihren Torchancen jubeln konnten, ist nicht dem Zufall zuzuschreiben. Es ist ein Symptom. „Wir machen dem Gegner das Toreschiessen zu leicht“, sagte Captain Philippe Montandon nach dem Spiel in Lausanne. Wie wahr. Kommt ein Gegner einmal gefährlich vor das St.Galler Gehäuse, dann stehen ihm meistens alle Möglichkeiten offen. Nochmals abspielen, doch besser die Chance selber nützen, die linke oder die rechte Ecke avisieren. Nicht selten entscheidet er sich für das „Tor des Monats“ – so je beim zweiten Treffer von Lausanne und des FC Zürich.

Wenn es einmal anfängt…
Auf die einzelnen Spiele bezogen, gibt es wahrlich keine Ausreden. Fragen können wir uns, ob die Negativspirale nun tiefere Gründe hat, die von aussen nicht erkennbar sind, ober ob die Mannschaft einfach der Floskel gehorcht „Wenn’s einmal anfängt, dann läuft alles schief“. Ein Beispiel vom Sonntag: Mutsch fällt früh verletzt aus. Ein zweites Beispiel: Als Lausanne das 2:0 erzielte, hätte es nur noch mit zehn Mann auf dem Feld stehen dürfen. Kurz davor hatte der bereits verwarnte Ekeng in einer einzigen Aktion einmal und dann noch einmal Janjatovic von hinten in die Beine getreten. Beim dritten Mal erreichte er sein Ziel: das Foul. Dessen Wirkung sei ihm nicht als Absicht unterstellt. Doch Janjatovic musste sich humpelnd auswechseln lassen, derweil Mathys wenig später für ein Dutzendfoul gelb sah. Aber eben: Solche Vorfälle und auch das holprigen Terrain reichen nicht als Erklärung für eine ungenügende Leistung ohne jede Kreativität.

Gegen Luzern am nächsten Sonntag hat St.Gallen eine wahrscheinlich letzte Möglichkeit, die Weichen auf erfreulichen Saisonabschluss zu stellen. In der Bundesliga haben wir als kleinen Trost ein Pendant, ebenfalls mit grünem Anteil in den Clubfarben, ebenfalls mit einem Erfolgstrainer. Lucien Favre ist mit Borussia Mönchengladbach (Gegner des FC St.Gallen während Trainingslagers in der Türkei) mit nur zwei Punkten aus fünf Spielen und ähnlicher Ausgangslage wie Saibenes Team (Blick auf die oberen Plätze) in die Rückrunde gestartet. Bei den St.Gallern dürfte nun unter anderem der so oft gelobte Mannschaftsgeist gefordert sein, der erst in schwierigen Phasen Bewährungsproben ausgesetzt ist. An Leadertypen sollte es nicht fehlen, ich denke da an Montandon und Lopar.

Moskau-Video hervorgeholt
Irgendwann tief in der Nacht nahm es mich dann doch wunder: Ich schaute mir ausgiebig Szenen vom gespeicherten Spiel des FC St.Gallen in Moskau an. Sind denn die Unterschiede derart markant? Das 4:2 gegen Spartak war im September das grosse Aha-Erlebnis, dass diese Saison auch nach Scariones Abgang vieles möglich ist. Zunächst gab es eine Parallele: Moskau ging ebenfalls mit der ersten Chance in Führung. Der Unterschied: St.Gallen traf noch bis zur Pause dreimal. Stichwort Effizienz. Die spielte in Lausanne keine Rolle, weil St.Gallen gegen den defensiveren Gegner als Spartak erst zu Chancen kam, als der Match entschieden war. Einsatz, Wille: Die Spieler waren in Moskau wesentlich wacher, präsenter, ahnten Aktionen des Gegners voraus. Die St.Galler waren gespannt wie Federn, sich der Besonderheit des Anlasses bewusst. Die wohl grösste Differenz. Weiter: St.Gallen pflegte in Moskau sehr häufig den flachen Pass, der dann auch flach blieb. In Lausanne hüpfte der Ball, als ob sich ein Frosch darin befände, Kurzpassspiel zwecklos. Die Aufstellung: Fast dieselbe. Einzig Rodriguez spielte in Russland von Beginn weg für Wüthrich.

Jubel und Enttäuschung
Ich weiss nicht, wie Sie es halten mit Olympia. Trösten elf Medaillen über elf Gegentore hinweg? Nun, vielleicht hängt Ihr seelisches Gleichgewicht nicht derart vom Geschick nationaler und lokaler Sportgrössen ab. Ausgeprägte Identifikation mit einer Fussball-Mannschaft hat wohl auch mit dem Alter zu tun. Wer während Jahrzehnten schon dem FC St.Gallen als Anhänger gefolgt ist, kennt die jetzige Situation, kann ein wenig gelassener sein als das Jungvolk. Die Enttäuschung, die in Spott und Häme mündet, ist immer so gross wie zuvor der Jubel.

Fredi Kurth

Aktuelle Nachrichten