«Der Club ginge an Krücken»

Der FC St.Gallen hat ein turbulentes halbes Jahr hinter sich. Präsident Dölf Früh über Transfers, Entlassungen und Väter, die angeblich Einfluss nehmen.

Patricia Loher/Christian Brägger
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St. Gallens Präsident Dölf Früh sagt, der Club habe das vergangene, turbulente halbe Jahr gut gemeistert. (Bild: Urs Bucher)

St. Gallens Präsident Dölf Früh sagt, der Club habe das vergangene, turbulente halbe Jahr gut gemeistert. (Bild: Urs Bucher)

Herr Früh, als Sie das Amt des Präsidenten des FC St.Gallen übernahmen, sagten Sie, dass Sie sich fünf Jahre Zeit geben, um den Club wieder auf Kurs zu bringen. Nun läuft Ihr fünftes Amtsjahr. Ist es Ihr letztes?

Dölf Früh: Im vergangenen November wurde ich für zwei weitere Jahre gewählt. Das heisst, meine aktuelle Amtszeit endet 2016.

Machen Sie sich Gedanken darüber, was nach Ihnen kommen wird?

Früh: Jeder Chef muss sich über seine Nachfolge Gedanken machen.

Gehen Sie davon aus, dass dies Ihre letzte Amtszeit ist?

Früh: Darüber mache ich mir momentan keine Gedanken, wobei grundsätzlich nichts für ewig ist.

Was möchten Sie mit dem FC St.Gallen nächste Saison erreichen?

Früh: Wir gehen unseren Weg weiter. Wir sind wirtschaftlich gesund. Es ist jeden Tag eine Herausforderung, damit das so bleibt. Sportlich erhoffen wir uns nach den vergangenen zwei durchzogenen Saisons eine Steigerung. Ein grosses Ziel ist es aber auch, nun sukzessive die Früchte unseres Nachwuchsprojektes Future Champs Ostschweiz zu ernten.

In welche Richtung entwickelt sich Future Champs Ostschweiz? Der Technische Leiter Roger Zürcher hat gekündigt, Patrick Winkler und Luca Fiorina müssen gehen. Es scheint Unruhe zu herrschen.

Früh: Die Richtung bleibt dieselbe. Mit Ferruccio Vanin haben wir im vergangenen Jahr einen Geschäftsführer eingestellt, der den Technischen Leiter unterstützen soll. Nach dem Abgang von Roger Zürcher war es normal, dass die neue Leitung eine neue Mannschaft zusammenstellt.

Das Zugpferd ist aber noch immer die erste Mannschaft. Am Montag ist Trainingsstart, mit Alain Wiss gab der Club erst eine Verpflichtung bekannt. Zudem sind einige Personalien, wie zum Beispiel diejenige von Goran Karanovic, noch immer nicht geklärt. Sind Sie nervös?

Früh: Das würde nichts bringen. In diesem Geschäft weiss man oft sehr lange nicht, ob ein Spieler den Club noch verlässt. Offiziell wird es jeweils erst, wenn ein konkretes Angebot auf dem Tisch ist. Zudem ist es ein langer Prozess, bis ein Spieler zu uns wechselt. Wird ein Akteur von uns umworben, müssen wir davon ausgehen, dass er auch für andere Clubs interessant ist.

Konkrete Angebote für einen Ihrer Spieler haben Sie also noch nicht erhalten?

Früh: Nein. Bis jetzt noch nicht.

Und der Fall Karanovic? Irgendwann muss der Club doch wissen, woran er ist.

Früh: Da bestehen nach wie vor unterschiedliche Rechtsauffassungen. Wir sind der klaren Überzeugung, Karanovics Vertrag habe sich verlängert. Sein Berater geht vom Gegenteil aus. Wir hoffen, dass der Fall nicht vor Gericht endet.

Ist die Beurlaubung von Heinz Peischl mit ein Grund, dass der FC St.Gallen im Hinblick auf die neue Saison Zeit verloren hat?

Früh: Der Übergang hat uns keine Zeit gekostet. Als Teammanager war Christian Stübi in fast alle Prozesse involviert. Er hat die Arbeit von Heinz Peischl nahtlos weitergeführt. Wenn man meint, zum Trainingsstart die ganze Mannschaft beisammen haben zu müssen, erhöht das die Gefahr von Schnellschüssen. Wir schauen uns nicht nur Videos an, die man uns zuschickt. Wir investieren mehr Zeit, um einen Spieler beurteilen zu können. Zudem: Wir verfügen über eine Mannschaft, die funktioniert. Das hat sie in der Hinrunde und auch in den letzten drei Spielen der Meisterschaft bewiesen. Wir möchten sie einfach auf ein paar Positionen verändern und verstärken.

Mit dem Ziel?

Früh: Auch wenn das langweilig tönt: Das Ziel ist es, dass wir uns souverän in der Super League halten können. Und das wird nicht einfach. Viele unterschätzen das. Trotzdem sind wir ambitioniert. Wir wollen in der Tabelle selbstverständlich so weit nach vorne kommen wie möglich.

St.Gallen beginnt Mitte Juli die vierte Saison in der Super League seit dem Wiederaufstieg. Es wäre doch an der Zeit zu sagen, nun muss sich rangmässig ein Fortschritt einstellen. Thun hat bewiesen, dass es trotz bescheidener Mittel möglich ist, den vierten Platz zu erreichen.

Früh: Da bin ich ehrlich: Es hat mich geärgert, dass der FC Thun – in bezug auf die Mittel etwas schlechtergestellt als wir – vor uns klassiert war. Das war ein Zeichen, dass wir unsere Arbeit noch besser machen müssen. Wenn Clubs wie Basel, die Young Boys, der FC Zürich, Sion oder sogar Luzern, die alle über ein höheres Budget verfügen als wir, vor uns sind, müssen wir das akzeptieren. Aber wir versuchen dennoch alles, um auch mit diesen Teams auf Augenhöhe zu sein.

Was waren die Gründe, die nun zwei Mal in Folge nach der Winterpause zu diesen Abstürzen in der Tabelle geführt haben?

Früh: Vor einem Jahr waren es andere Gründe als in dieser Saison. Nach der Europa League war die Luft draussen und wir litten unter Verletzungspech. In dieser Rückrunde fehlte ein Leader wie Philippe Montandon mehr, als wir erwartet hatten. Die nächste Saison wird zeigen, ob es gelingt, auf die richtigen Knöpfe zu drücken. Wir stehen vor der Herausforderung, die Lage richtig zu analysieren. Deshalb nehmen wir auch die eine oder andere Veränderung vor.

Keine Veränderung geben wird es auf der Trainerposition. Was ist der Grund, dass der Club trotz viel Gegenwind hinter Trainer Jeff Saibene steht?

Früh: Weil wir sehen, wie er arbeitet. Es gibt keinen Grund, mit dem Trainer zu brechen. Das Problem der vergangenen zwei enttäuschenden Rückrunden war nicht der Trainer.

Wie haben Sie persönlich das vergangene halbe Jahr, das sportlich nicht wie gewünscht lief und mit Peischls Beurlaubung auch turbulent endete, wahrgenommen?

Früh: Es war ein spannendes halbes Jahr. Wir alle waren nicht zufrieden mit der Rückrunde. Aber von aussen wurde doch zu viel Unruhe in unseren Club hineininterpretiert. Vielleicht war es früher nicht so ruhig, wie man immer glaubte. Und zuletzt war es nicht so unruhig, wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Wir haben all das, was passiert ist, gut gemeistert. Auch bei Future Champs Ostschweiz kommen wir gestärkt aus einer Phase der Unruhe.

Sie sagen, Christian Stübi sei das neue sportliche Gewissen des FC St.Gallen. Was zeichnet ihn aus?

Früh: Er ist teamfähig. Er kennt dieses Geschäft. Er war Spieler in der höchsten Liga und hat gute Beziehungen sowohl im Inland als auch ins Ausland. Er war schon Sportchef in Schaffhausen, in der Super- und der Challenge League. Im Team ist er beliebt. Stübi hat einige Vorzüge.

Die Qualität von Peischl als Sportchef war stets unbestritten. Haben Peischl und Stübi die gleiche Flughöhe?

Früh: Es ist schwierig, die beiden zu vergleichen. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Heinz Peischl hat sich bewiesen, indem er gute Arbeit abgeliefert hat. Christian Stübi hat sich in Schaffhausen schon bewiesen, bei uns muss er sich als Sportchef noch beweisen, wobei wir vollstes Vertrauen in ihn haben.

Als Sie den Club übernahmen, sagten Sie, dass Sie den FC St.Gallen führen wollten wie ein Unternehmen. Es dürfe nicht mehr ausgegeben werden, als eingenommen werde. Der Club präsentierte seither stets schwarze Zahlen. Wie gross ist Ihre persönliche finanzielle Mithilfe?

Früh: Die Medien müssten einfach ein bisschen besser recherchieren. Wir präsentierten in den vergangenen Jahren stets ausgeglichene Rechnungen.

Natürlich. Aber ohne Sie wäre das doch nicht möglich in diesem Geschäft.

Früh: Ich finanziere keine Spieler, ich stopfe keine finanziellen Löcher. Ich bin Mitglied im Ambassador-Club, wo ich meinen Beitrag bezahle. Ich bezahle auch meinen Beitrag in den Nachwuchs mit einer Firma, an der ich beteiligt bin. Ansonsten funktioniert dieser Club seit drei Saisons selbsttragend. Sagen wir nun aber, wir wollen zwingend an die Spitze kommen, müssen wir mindestens fünf, sechs Millionen Franken mehr in die erste Mannschaft investieren. Dann ginge der Club jedoch schon wieder an Krücken. Für den Fall einer schlechteren Saison ist es uns auch gelungen, Reserven zu schaffen. Der FC St.Gallen soll bei einem Misserfolg nicht gleich wieder am Abgrund stehen. Wenige Clubs in der Super League verfügen über eiserne Reserven. Wir schon.

Wie gross sind denn diese Reserven?

Früh: Vier bis fünf Millionen Franken.

Ist die Wirtschaftlichkeit mit ein Grund, dass Future Champs Ostschweiz für Sie so wichtig ist?

Früh: Das ist ein wichtiger Aspekt. Als grösster Club in der Ostschweiz haben wir eine Verpflichtung gegenüber den jungen Spielern. Wer sollte den Lead übernehmen, wenn nicht der FC St.Gallen? Wenn wir es schaffen, junge Spieler so auszubilden, dass sie in der Super League eingesetzt werden können, wird Geld frei, das wir dann möglicherweise in einen teureren Akteur investieren können. Und natürlich: Es ist auch das Ziel, mit eigenen Spielern dereinst Transfererlöse zu erzielen.

War der Grund für die Umstrukturierungen bei Future Champs Ostschweiz vor allem die Ungeduld?

Früh: Nein. Einiges kam in Bewegung, als wir den neuen Geschäftsführer einstellten. Danach folgte die Neubesetzung des Technischen Leiters mit Marco Otero, der ein ausgewiesener Fachmann ist. Es ist nicht beunruhigend, wenn Leute, die lange bei uns arbeiteten, ersetzt werden müssen. Das kommt in jedem Unternehmen vor. Bekannt ist ja, dass wir beim FC St.Gallen auf Kontinuität setzen. Jetzt mussten wir halt einmal einige Retuschen vornehmen.

Es gibt Vorwürfe, Väter, deren Söhne bei Future Champs Ostschweiz spielten, hätten über Bekannte im Club Druck ausgeübt. Zudem nehme ein Spielervermittler, dessen Sohn bei FCO spiele, Einfluss. Weshalb halten sich diese Gerüchte hartnäckig?

Früh: Ich muss dem nichts entgegnen. Wir haben eine klare Haltung und eine klare Strategie. Wir lassen uns nicht unter Druck setzen und beeinflussen – ich schon gar nicht.