GC-Präsident Anliker: «Wir rechnen mit gegen 10'000 Fans pro Spiel im neuen Stadion»

Für Stephan Anliker geht es am Sonntag um weit mehr als drei Punkte gegen St. Gallen. Ein «Nein» zum Hardturm-Stadion wäre für die Grasshoppers desaströs. Der Präsident über die Fussballstadt Zürich, über Machtkämpfe – und Fehler in der Vergangenheit.

Interview: Ralf Streule
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«Dass die Stadiongegner mit falschen Zahlen arbeiten, ärgert mich», sagt Stephan Anliker. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus)

«Dass die Stadiongegner mit falschen Zahlen arbeiten, ärgert mich», sagt Stephan Anliker. (Bild: Daniela Frutiger/Freshfocus)

Seit Wochen weibelt Stephan Anliker gemeinsam mit FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa für das neue Stadion im Hardturm-Areal. Am Sonntag fällt der Volksentscheid. Das Projekt sieht neben dem Stadion rund 200 gemeinnützige Wohnungen vor – und zwei Hochhäuser mit 570 Wohnungen. Das Projekt würde privat finanziert von der Credit Suisse und dem Generalunternehmer HRS Real Estate AG. Geht es nach dem «Ja»-Lager, steht das Stadion mit 18000 Plätzen bis im Jahr 2022.

Stephan Anliker, wissen Sie vor lauter Abstimmungskampf gegen wen Ihr Club am Sonntag spielt?

Natürlich. Mein Wunsch wäre es, ein «Ja» zum Stadion mit einem Sieg gegen St. Gallen feiern zu können. Der Entscheid dürfte nach der ersten Halbzeit bekannt sein. Ich werde das Resultat also im Stadion erfahren.

Ist eine spezielle Aktivität im Letzigrund geplant, sollte das Stadionprojekt angenommen werden?

Ein Sieg gegen St. Gallen. (lacht) Darüber hinaus ist nichts Grosses geplant.

Was passiert mit GC, wenn das Stadion wieder abgelehnt wird?

Wir würden bei einem «Nein» versuchen weiterzumachen, aber es würde alles sehr viel schwieriger. Wir müssten uns fragen: Wie macht das alles noch Sinn? Die grosse Perspektive wäre plötzlich weg, für die Sponsoren, für die Aktionäre, für die GC-Anhänger.

Stephan Anliker und FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa begutachten das Projekt des Fussballstadions Hardturm. Geplant sind neben dem Fussballstadion 174 gemeinnützige und 670 private Wohnungen. (Bild: Walter Bieri/KEY)

Stephan Anliker und FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa begutachten das Projekt des Fussballstadions Hardturm. Geplant sind neben dem Fussballstadion 174 gemeinnützige und 670 private Wohnungen. (Bild: Walter Bieri/KEY)

Wäre dann Ihr Rücktritt absehbar?

Ich bin kein Präsident, der wegrennt, wenn’s heikel wird. Aber auch nicht der, der sich um jeden Preis festklammert. Ich müsste mir ernsthafte Überlegungen machen, klar. Direkt nach der Abstimmung werden wir drei Hauptaktionäre (Anliker, Heinz Spross, Peter Stüber, Red.) besprechen, wie es weitergeht. Es geht nicht um mich, sondern um GC.

Der Abstimmungskampf wurde zuletzt sehr heftig geführt. Ein Teil der SP kritisierte das Projekt, sprach von «Milliardenabzocke» – und fordert ein Projekt mit mehr Genossenschaftswohnungen.

Man kann bei Abstimmungen immer unterschiedlicher Meinung sein. Dass die Gegner mit falschen Begriffen und Zahlen arbeiten, ärgert mich sehr. Um es mit den Worten der Projektgegnerin und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran zu sagen: Es wurde von den Gegnern viel «Bullshit» erzählt. Das privat finanzierte Projekt mit Genossenschaftswohnungen sehen wir – und auch viele aus dem linken Lager – als guten Kompromiss. Laut Umfragen wird es aber knapp.

Viele sagen: Zürich ist schlicht keine Fussballstadt – ein neues Stadion hat es deshalb schwer.

Zürich ist sehr wohl eine Fussballstadt! Fast alle Leute, die hier aufwuchsen, verbindet etwas mit dem einen oder anderen Club. Das höre ich oft, und ich höre es gern. Aber Zürich ist sehr international, heterogener als andere Schweizer Städte. Ich bin sicher: Fast jeder Zürcher will ein Stadion. Nur gibt es viele kleine, individuelle Vorbehalte zum Projekt.

Dennoch: Das Interesse an GC ist klein, wie die tiefen Zuschauerzahlen zeigen. Würde sich dies ändern mit einem neuen Stadion?

Wir rechnen mit 30 bis 40 Prozent mehr Zuschauern, mit gegen 10000 Fans pro Spiel. Das ist realistisch. Manch ein GC-Fan meidet den Letzigrund. Viele erzählen mir, dass sie wegen des Stadions keine Spiele mehr besuchen. Im neuen Stadion wird die Atmosphäre viel besser sein, es wird kompakt, eng und steil – ein Hexenkessel.

Was dem Projekt auch nicht gerade hilft, sind die derzeitigen sportlichen Leistungen Ihres Clubs.

Das ist richtig. Aber man kann es auch anders sehen: Für die sportliche Leistung ist ein Stadion wie der Letzigrund nicht die beste Voraussetzung. Atmosphärisch, aber auch finanziell: Im neuen Stadion werden wir weniger bezahlen, mehr einnehmen. Es ist Geld, das wir für den Sport einsetzen könnten.

Hardturm-Brache: Hier soll das Stadion entstehen. (Bild: Ralph Ribi)

Hardturm-Brache: Hier soll das Stadion entstehen. (Bild: Ralph Ribi)

Man spricht bei den Grasshoppers von einem strukturellen Defizit von acht bis zehn Millionen Franken.

Das ist auch so, weil unser Nachwuchsprojekt viel kostet. Es ist aber auch umfassend und aufgrund des Zürcher Einzugsgebiets sehr gross. Kein anderer Club bringt mehr Schweizer U-Nationalspieler heraus. Das sind gute Voraussetzungen. Langfristig muss das aber auch Transfererlöse bringen. Zuletzt mussten wir, auch wegen fehlender Stadioneinnahmen, viele kurzfristige Transfers machen um uns über Wasser zu halten.

Seit Jahren schafft es der ehemals reiche GC nicht, gesund zu wirtschaften. Wie kam es so weit?

Geldgeber kamen und gingen. Im Grunde stand nach jedem sportlichen Erfolg wieder eine finanzielle Sanierung an, da man den Etat nicht halten konnte. Seit den 1990er-Jahren ist das so. Und dann kam der Abbruch des Stadions, da wurde GC gewissermassen das Herz herausgerissen. Die aktuell schwierige Lage ist eine Folge davon. GC schleppte sich von Stadionprojekt zu Stadionprojekt. Auch zuletzt habe ich mit dem Club wieder fünf ungewisse Jahre überbrücken müssen. Das gibt im emotionalen Fussballgeschäft Unruhe.

Besonders in diesem Frühjahr. Machtkämpfe hatten GC im Griff. Auch das ist keine Stadionwerbung.

2017 war es mir darum gegangen, die Besitzverhältnisse zu vereinfachen. Zuvor waren es 16 Besitzer und mehrere Gesellschaften. Der Club war nicht mehr führbar. Nun sind Spross, Stüber und ich je zu einem Drittel GC-Besitzer.

Es gab Streit innerhalb dieses Trios. Es ging um Trainer Murat Yakin, um Saläre und den Einfluss von Erich Vogel, der Spross nahestehen soll.

Wir drei Aktionäre haben Anfang Jahr selbst für Unruhe gesorgt, das war ein Fehler, da nehme ich mich nicht aus. Der ganze Club war verunsichert, das hat sich nun wieder gelegt. Ich bin überzeugt vom Team, auch von Trainer Thorsten Fink. Wir Aktionäre müssen in den kommenden Wochen einfach versuchen, auf eine gemeinsame Ebene zu kommen.

Erich Vogel kritisierte Sie persönlich ziemlich harsch…

…Erich Vogel ist nun wirklich kein Thema heute. Es ist schlicht schwierig, mit wenig Geld eine Topmannschaft zu stellen. Fussball ist sehr emotional, wir sollten versuchen, gemeinsam sachliche Lösungen zu finden. Ich musste immer wieder für Ruhe sorgen. Was Erich Vogel betrifft: Er hat eine grosse Vergangenheit im Club, aber schon lange keine Funktion mehr bei GC.

Sollten alle Stricke reissen: Wäre es irgendwann denkbar, die beiden Zürcher Clubs zusammenzulegen?

Bei einem «Nein» wäre man vielleicht einen Meter näher an einer solchen Idee, aber noch immer meilenweit davon entfernt. Die Clubs haben ihre eigenen Kulturen – diese zusammenzubringen, ist kein Thema.

In Ruhe arbeiten, auf den Nachwuchs setzen. Ähnlich tönt es beim FC St. Gallen. Ist er so etwas wie ein Vorbild für den Rekordmeister GC?

Die Ostschweizer machen es gut und sie sind mutig. Nach den Wirren versuchen sie wie wir, zum Erfolg zurückzukehren, ohne mit der grossen Kelle anzurichten. Was den «Rekordmeister» betrifft: Dieses Wort mag ich nicht. GC soll ein bescheideneres Bild erhalten, als Ausbildungsclub wahrgenommen werden.

Welches Spiel erwarten Sie morgen?

Ich habe eine ähnliche Fussballideologie wie Alain Sutter, der ja mit mir im GC-Verwaltungsrat sass: Angriff, vorwärts. Das könnte ein attraktives Spiel werden, wie in St. Gallen im September, als wir nach einer Führung 1:2 verloren. Es war einer der Knackpunkte für GC in dieser Saison. Wir waren noch zu wenig gefestigt. Das ist hoffentlich diesmal anders.