Das turbulenteste Jahr unter Dölf Früh

FUSSBALL. Schon jetzt steht fest, dass 2015 als das bewegteste Jahr seit dem Beinahe-Konkurs in die Geschichte des FC St.Gallen eingehen wird. Die Frage ist nun, ob der Klub wieder in ruhigere Gewässer zurückfindet.

Fredi Kurth
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Zur Krise führt Jeff Saibenes Abgang nicht. Die gäbe es erst, wenn das Unvorstellbare einträte: Dass auch Dölf Früh bald einmal genug hätte. (Bild: Keystone/Urs Bucher)

Zur Krise führt Jeff Saibenes Abgang nicht. Die gäbe es erst, wenn das Unvorstellbare einträte: Dass auch Dölf Früh bald einmal genug hätte. (Bild: Keystone/Urs Bucher)

Die Formulierungen vor der Medienkonferenz am Dienstag waren ziemlich einheitlich: Wird Jeff Saibene heute entlassen? Auf die Idee, dass der Trainer selber hinschmeissen könnte, war niemand gekommen, obwohl er diese Möglichkeit schon angedeutet hatte. Dabei passte die Art der Trennung zum harmonischen Bild, das der FC St.Gallen und seine Unternehmen seit der Rettung durch Dölf Früh abgegeben haben. Lange hatte es in der Führungsetage und selbst innerhalb der Mannschaft keine atmosphärischen Störungen gegeben, die das alltägliche Mass überschritten hätten. Unzufriedene Spieler gab es hie und da. Aber solche, die Opposition gegen den Trainer aufzubauen versuchten, waren auch mit der Lupe nicht ausfindig zu machen.

Sportliche Leitung ausgewechselt
Jeff Saibene ging, weil er wusste, dass die Unterstützung durch den Verein trügerisch war, dass es auch ein Umfeld gab mit unzufriedenen Gönnern und Fans, und weil er spürte, dass die Zahl der Schulterklopfer rapid geschrumpft ist - eine Folge von sieben Spielen mit nur vier geschossenen Tore. So versteht sich, dass Dölf Früh zwar überrascht war von Saibenes Entschluss, aber dem Wunsch "selbstverständlich rasch" entsprach und zu keinen Überredungskünsten ausholte. Davon, dass bei solchem Einvernehmen Jeff Saibene als "Vertragsbrüchiger" finanziell nicht leer ausgeht, darf aufgrund von Aussagen an der Medienkonferenz ausgegangen werden. Das hat er auch verdient.

Saibene verlässt den FC St.Gallen zu einem Zeitpunkt, da die idyllische Ruhe bereits gestört war. Dabei erfolgte die Trennung von Heinz Peischl als Sportchef und von Roger Zürcher als Leiter von Future Champs wesentlich geräuschvoller. Nun hat die sportliche Leitung im selben Jahr komplett gewechselt. Kapitän Dölf Früh und seinen Mannen ist indessen zuzutrauen, dass sie das Schiff wieder auf Kurs bringen. Offen bleibt, wie fest die Wellen an den Bug schlagen werden.

Konservativ oder innovativ?
Das hängt nicht zuletzt vom Erfolg unter dem neuen Trainer ab, den eine heikle Aufgabe erwartet. St.Gallen hat eine treue, aber auch anspruchsvolle Anhängerschaft, die mit dem Meistertitel zur Jahrtausendwende und dem Einzug ins neue Stadion vor sieben Jahren enorm gewachsen ist. Auch die Qualifikation zur Europa League 2013 und gute Leistungen in der Gruppenphase weckten Erwartungen auf weitere Abenteuer dieser Art. Bei all den Kandidaten, die schon erwähnt worden sind, lässt sich zwischen konservativen und vielleicht innovativen Trainern unterscheiden. Letztere sind ja nicht so leicht zu erkennen.

Mainz 05 und Ingolstadt
Zum Vergleich: In der Bundesliga haben offensichtlich die Mainzelmännchen eine gute Nase. Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und wie es scheint der Schweizer Martin Schmitt sind als "junge Wilde" plötzlich ins Rampenlicht getreten und haben Mainz 05 im grossen Pulk hinter Bayern München platziert. Andere brachten als Nobodys eher bedeutungslose Vereine in die Bundesliga. Aktuell gilt dies für den Österreicher Ralph Hasenhüttl, mit einer Trainervergangenheit einzig bei Unterhaching und VfR Aalen, ehe er im Oktober 2013 den unscheinbaren 2.Liga-Verein Ingolstadt übernahm und diesen Sommer mit beachtlichem Vorsprung in die Bundesliga führte. Das war kein Langzeitprojekt. In der Schweiz erleben die Grasshoppers mit Pierluigi Tami eine erstaunliche Entwicklung. Langzeitwirkung: ebenfalls noch offen.

Fragt sich, ob der FC St.Gallen Spieler hat, die auf eine jüngere Kraft wie die genannten Giorgio Contini oder Roger Stilz ansprechen würden. Dazu bedarf es nämlich Spielern, die selber "junge Wilde" sind.

Sommer, Johannsen, Weisweiler
Früher war die Wahl einfacher. Als der FC St.Gallen Mitte der 1970er-Jahre Willi Sommer vom FC Winterthur verpflichtete, wusste die Clubleitung genau, was sie erwartete, ebenso als sie Helmuth Johannsen sechs Jahre später zum Nachfolger bestimmte. Die Verhältnisse im Schweizer Fussball waren übersichtlich und renommierte Trainer aus der Bundesliga bezahlbar. Die Grasshoppers konnten sich einen Hennes Weisweiler leisten, der sogar Barcelona während einer Saison trainiert hatte. Heute wissen auch die Trainer nicht, was sie erwartet: In der Super League gehört eine Mannschaft, die auf Rang drei liegt, der Spitze an, der Siebtplatzierte schaut schon in den Abgrund. In der Schweiz ist es möglich, gleichzeitig Europa-League- und Abstiegskandidat zu sein.

Mehr Hierachie empfohlen
Interessant ist Saibenes Vorschlag, vermehrt auf eine Hierarchie in der Mannschaft zu achten und neben ausschliesslich durchschnittlicher Spielerqualität zwei Fussballer der gehobenen Kategorie zu verpflichten. Interessanterweise hatte Dölf Früh mit Oscar Scarione schon früh einen solchen Mann engagiert; vielleicht ist man auch der Auffassung (gewesen?), dass Albert Bunjaku eine solche Rolle übernehmen könnte. Sogenannte Stars hätten in kritischen Lagen vielleicht aber auch Unruhe gebracht, wie bei den Grasshoppers das Zerwürfnis zwischen Trainer Skibbe und Captain Salatic zutage brachte.
Wer und wie auch immer: Vor allem die langjährigen Akteure des FC St.Gallen dürften gespannt und vielleicht froh sein, nach langer Zeit einem neuen Chef im Trainingsalltag zu begegnen. Für die Anhänger wird die oft gestellt Frage beantwortet, ob jemand anderer nun mehr Qualität aus dem aktuellen Kader herauskitzeln kann.

Und wenn Dölf Früh genug hätte?
Der Umbruch im technischen Bereich ist Risiko und Chance zugleich, aber nicht die Folge einer Krise. Die hätten wir erst, wenn das Unvorstellbare einträte: Dass auch Dölf Früh bald einmal genug hätte und sich vermehrt anderen schönen Seiten des Lebens zuwenden möchte. Er gibt ja nach aussen kaum Signale über sein persönliches Befinden. Doch die Dankbarkeit für seine Verdienste um den Verein scheint auf fahrlässige Art nachzulassen. Und es könnte sein, dass sich jemand betupft fühlt, wenn er zu 90 Prozent hervorragende Arbeit leistet, doch im Umfeld vor allem mit jenen zehn Prozent konfrontiert wird, in denen es momentan nicht so rund läuft. Aber es darf angenommen werden, dass Früh einen solchen Abgang, wenn überhaupt, von längerer Hand planen würde als Jeff Saibene.