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«Die Zeit ist noch nicht reif» - für Barnetta kommt ein vorzeitiger Rücktritt beim FCSG nicht in Frage

Tranquillo Barnetta steht im Spätherbst der Karriere und hat unter Coach Peter Zeidler einen schweren Stand. Der 33-Jährige will nicht aufgeben und sagt: «Ich entscheide, wann ich zurücktrete. Die Zeit dafür ist noch nicht reif.»
Christian Brägger
Tranquillo Barnetta hört auf, sobald er das Gefühl hat, dass es nicht mehr reicht. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 21. August 2018))

Tranquillo Barnetta hört auf, sobald er das Gefühl hat, dass es nicht mehr reicht. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 21. August 2018))

Als Peter Zeidler vor neun Jahren als Assistenztrainer für Hoffenheim arbeitete, sagte er: «Tranquillo Barnetta ist der beste Mittelfeldspieler der Bundesliga. Ihn müssen wir holen.» Nun ist der Deutsche der Chefcoach des FC St. Gallen, zwei Tage vor dem Cupspiel gegen Ueberstorf sagt er: «Tranquillo Barnetta wird eher wieder nicht im Aufgebot stehen.» Stunden später entscheidet sich Zeidler um, er nimmt den Mittelfeldakteur mit ans Auswärtsspiel gegen den Unterklassigen; erstmals in dieser Saison steht Barnetta in einem Pflichtspiel auf dem Matchblatt, wird nach der Pause gar eingewechselt. Die Episode zeigt in Ansätzen, wie schwer sich der FC St.Gallen gerade tut im richtigen Umgang mit seinem prominentesten Spieler, für den Zeidler eine Rolle sucht. Der Spieler sucht sie ebenfalls.

Barnetta ist nicht irgendwer in St.Gallen. Er ist Rückkehrer, Identifikationsfigur, Sehnsuchtsstiller. Er ist der Bub aus den eigenen Reihen, der es geschafft hat in die grosse, weite Fussballwelt, im Oktober 2010 einen Marktwert von zehn Millionen Euro aufweist. Und nach den Jahren im Ausland Ende 2016 mit dem Palmarès von 75 Länderspielen, 260 Bundesligaspielen und Champions-League-Auftritten heimkehrt. Barnetta ist Kult, volksnah, umgänglich; das wiederum macht sich der Club zunutze, besonders in den Anfangsmonaten reicht er das Eigengewächs auf dem Präsentierteller herum, vereinnahmt es nahezu: Barnetta geht immer, ein probates Mittel in sportlich wie wirtschaftlich ungünstigen Zeiten.

Der Körper zollt den 16 Profijahren Tribut

Aber Barnetta ist in St.Gallen nicht mehr der Fussballer, der er einmal war. Der Marktwert liegt noch bei 400000 Euro. Schon gar nicht ist er der Skorer, den man sich vielleicht erhofft hat. Viel eher der erfahrene Teamspieler, der unter Joe Zinnbauer, Giorgio Contini und nun Zeidler aus unterschiedlichen Gründen Mühe hat. Zudem nagt der Zahn der Zeit an ihm, der Körper zollt den 16 Profijahren Tribut, vor allem das rechte Knie – nach zwei früheren Eingriffen am Meniskus innerhalb eines Jahres – macht ihm zu schaffen. Es wirkt, als laufe «Quillo», wie sie ihn in der Ostschweiz nennen, nicht rund. Aber das lief er noch nie, schon mit 17 Jahren nicht, als er den Durchbruch in der ersten Mannschaft schaffte.

Weil Barnetta in diesen Wochen und Monaten oft untätig bleiben muss, wird die Diskussion nach dem richtigen Zeitpunkt fürs Abschiednehmen lauter. Spitzensportler verpassen ihn oft. Auch taucht immer wieder die Frage nach seinem Rücktritt auf, die Antwort wird im letzten Spiel der vergangenen Saison vermeintlich in einem Liveticker gegeben, ist jedoch eine «Ente». Dennoch staunt man, wie lange sich ausgerechnet ein Spieler wie Barnetta das alles noch antut, trainieren, trainieren, trainieren, um es wenigstens ins 18-Mann-Aufgebot zu schaffen. Die Clubführung weiss um das heikle Thema, sie will keinen Fehler machen, weil sie den Status des Ur-St.Gallers kennt. Vielleicht auch deshalb teilen ihm zum Saisonstart in einem eher ungewöhnlichen Gespräch unter acht Augen und mit vorsichtigen Worten Präsident Matthias Hüppi, Sportchef Alain Sutter und der Trainer mit, dass er vorerst und bis auf weiteres nicht im Aufgebot stehe. Barnetta sagt: «Das war hart, ich war enttäuscht, aber es war damals noch nachvollziehbar.»

Für Barnetta gibt es im Grunde heute drei Möglichkeiten. Die Saison, wie er sie begonnen hat, bis zum bitteren Ende durchsiechen. In der Winterpause oder früher alles nüchtern beurteilen und sich sagen: das wars. Niemand würde es ihm verübeln, wenn er, so an den Rand gedrängt, nicht mehr weitermachen wollte. Oder nochmals durchstarten, nochmals das Können aufblitzen lassen, vielleicht sogar die Mannschaft tragen. Barnetta sagt: «Im Fussball ist alles möglich, nichts ausgeschlossen. Vielleicht mache ich sogar über das Vertragsende hinaus weiter. Es kann schnell in jede Richtung gehen.» Ausgeschlossen ist, dass der Spieler nach dem Vertragsende nochmals den Verein wechselt – ausser es packt ihn, für eine Seniorenmannschaft der Region aufzulaufen. Ausgeschlossen ist, dass andere für ihn fest­setzen, wann Schluss sein soll mit dem Fussballerberuf: «Ich entscheide, wann ich zurücktrete. Die Zeit dafür ist noch nicht reif. Und: Verträge habe ich noch immer erfüllt.» Ausgeschlossen ist, dass er nach dem Karriereende beruflich dem Ballsport erhalten bleibt; Barnetta kann sich seine künftige Arbeit in verschiedenen Bereichen vorstellen, der Bruder hat einen Online-Trikothandel, der Vater ein Grossküchengeschäft.

Seit vier Wochen kann Barnetta jedes Training mitmachen

Gewiss haben sich die Anhänger mehr vom früheren Bundesligaprofi erhofft, weshalb schnell Kritik laut wurde, die Rückkehr nach dem Abstecher in die USA sei zu spät erfolgt. «Die Erwartungen waren teilweise überhöht und fast nicht zu erfüllen», sagt Barnetta. Er selbst hatte realistischere Ziele, die er auch erreichte; weil er akzeptierte, welcher Barnetta er in St.Gallen nach all den Jahren noch sein würde.

«Ich bin mit mir im Reinen, muss mir nichts beweisen.»

Barnetta hat mit den Jahren ein gutes Gefühl für seinen Körper entwickelt. Seit vier Wochen macht er jedes Training mit, ein Umstand, den er lange nicht mehr kannte, auch in St.Gallen nicht. Noch in Philadelphia war er der Star aus der Bundesliga, der einfach am Spieltag fit sein musste und den Körper unter der Woche schonen durfte. Das kam Barnetta entgegen, zumal er als Wettkampfspieler und nicht als Trainingsweltmeister gilt. Doch er muss umdenken, weil mit Zeidler ein neuer Fussball in St.Gallen Eingang gefunden hat, ein schnellerer mit hohem Pressing, der auch trainingsintensiv ist. Der Coach sagt: «Barnetta ist ein spezieller Fall und ein grosses Thema, ihn kennt hier jedes Kind. Bei ihm sieht man immer die grosse Karriere.» Irgendwann müsse er sich für Spieler entscheiden, für eine Hierarchie im 4-3-3-System. Der Austausch ist eng, das Miteinander ohne Probleme, bekunden Trainer wie Spieler. Barnetta sagt: «Der Umgang eines Coaches mit den Ersatzspielern ist schwierig. Ich verlange einfach Ehrlichkeit.» Und Zeidler:

«Barnetta trainiert gut, aber es gibt aktuell keinen Druck, ihn zu bringen.»

Zeidlers Standpunkt ist klar, er will abwarten und beobachten. Das sind Worte, die er oft verwendet. Er gibt zu bedenken, dass Barnetta in der letzten Phase der Karriere nicht mehr schneller wird, im besten Fall das Niveau halten kann. Doch der Deutsche hat vor Barnetta den «allergrössten Respekt», selbst wenn er die Clublegende derzeit auf der Achter-Position hinter Majeed Ashimeru, Vincent Sierro, Dereck Kutesa und Stjepan Kukuruzovic nur als Nummer fünf sieht. Zeidler sagt, wenn das Thema Barnetta aber latent vorhanden bleibe und hochkoche, könne es zum Energiefresser werden. «Ziel muss es sein, dass wir alle das locker angehen. Ohne zurückzuschauen und Sentimentalitäten.»

Rücktritt des Spitzensportlers ist ein sensibles Thema

Barnetta hat seinen Auftritt im Cup als gut gesehen, seine Augen funkeln, als er von der Partie erzählt. Anhänger sagen, er habe durchaus Klasse gezeigt, das St.Galler Spiel sei aber minim langsamer geworden.

«Zeidlers Fussball ist gewiss nicht zu schnell für mich», entgegnet Barnetta.

Bis jetzt hat er die Chance, das zu beweisen, nicht erhalten. Sein Trumpf sind Erfahrung, stehende Bälle, Übersicht, Technik. Talente und Tugenden, die St.Gallen nur schon im Europacup gut zu Gesicht gestanden hätten. «Ich bin nach wie vor überzeugt von meinen Qualitäten. Sobald ich das Gefühl habe, es reicht nicht mehr, höre ich auf.» Er sagt, sein Körper habe die Energie nicht mehr für drei Spiele in Serie über die volle Distanz. Aber er gebe noch die Energie her für eine tragende Rolle, wofür es aber ein Entgegenkommen brauche. 


Zeidler sagt, der Rücktritt eines Spitzensportlers sei ein sensibles Thema. Weil es um Gefühle gehe. Aber es könne als Trainer nicht seine erste Motivation sein, dem Spieler einen schönen Abgang zu bescheren. Sondern es gehe darum, mit dem FC St.Gallen Erfolg zu haben. «Es wäre für uns alle das Beste, wenn Tranquillo immer spielte, den Unterschied ausmachte und mein verlängerter Arm wäre. Vielleicht testen wir das noch aus.» Eine neue Rolle hat Barnetta seit sechs Wochen ohnehin schon gefunden, jene des Vaters. «Ich bin gelassener geworden. Vieles hat sich relativiert.»

Als Barnetta 2004 nach Leverkusen wechselte und schon dies als Zugabe der Karriere sah, bekam er zwei Auflagen vom Anhang mit auf den Weg: irgendwann zurückzukommen. Und dann zu zeigen, was er draufhat. Dafür ist es nicht zu spät. Aber das letzte Kapitel schreibt sich gerade jetzt.

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