Der FC St.Gallen vor einer Begegnung, die es in sich hat – so läuft der Countdown zum Spitzenspiel

Wenn der FC St.Gallen am Sonntag auswärts auf Basel trifft, könnten die Gefühlswelten nicht unterschiedlicher sein.

Christian Brägger
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Die Sonne scheint über dem FC St.Gallen, die Stimmung ist prächtig: Boris Babic (vorne) und Ermedin Demirovic.

Die Sonne scheint über dem FC St.Gallen, die Stimmung ist prächtig: Boris Babic (vorne) und Ermedin Demirovic.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 30. Januar 2020)

St.Gallen gegen Basel. Basel gegen St.Gallen. Eine Affiche, meist garniert mit vielen und grossen Emotionen. Schon allein der so unterschiedlichen DNA’s wegen. Während in jüngster Zeit für die «kleinen» Ostschweizer aus dem Angstgegner ein Rivale auf Augenhöhe geworden ist, bekundete das «grosse» Basel zuletzt gegen St.Gallen mehr Mühe als ihm lieb sein kann.

Die Bilanz seit dem 20. September 2017 ist bei zwei Unentschieden und je vier Siegen jedenfalls ausgeglichen, auswärts haben die St.Galler zuletzt zehn von zwölf möglichen Punkten geholt. Und auch die Wochenschau auf die Auseinandersetzung am Sonntag zwischen dem zweit- und drittplatzierten Team verheisst: Erneut dürfte das Spiel in Basel ein heisser Tanz und eine Begegnung werden, die es in sich hat, aus beider Sicht. Vielleicht mehr denn je.

Sonntag, 26. Juni: Freude und Zorn

«Wir werden in Basel ein grosses Spiel machen», so Peter Zeidler.

«Wir werden in Basel ein grosses Spiel machen», so Peter Zeidler.

Urs Bucher

Das 3:1-Siegesgefühl gegen Lugano im Rücken und noch mehr im Kopf, blicken die St.Galler am frühen Sonntagabend bereits voraus. «Wir freuen uns riesig auf Basel. Wir werden dort ein grosses Spiel machen», sagt Trainer ­Peter Zeidler. Und der in einer Woche gegen den früheren Serienmeister gelbgesperrte Ermedin Demirovic sagt: «Ich habe Vertrauen ins Team, dass es auch ohne mich gewinnen kann.»

Zeitgleich liegen in Bern die Basler Nerven blank, das 0:2 schmerzt und die nächste Dummheit eines Spielers erzürnt Trainer Marcel Koller: Mit Omar Alderete, der in den Schlussminuten gegen die Young Boys fast um die gelbrote Karte gebettelt hat, wird zum wiederholten Mal – nach Valentin Stocker, Eray Cömert sowie Cabral – ein wichtiger Akteur aus Eigenverschulden im laufenden Championnat fehlen. Also sagt Koller: 

«Das geht überhaupt nicht. Wir werden das so auch nicht akzeptieren. Er schwächt sich und uns.»

Montag, 27. Januar: Was den Titel kosten könnte

Die Spieler des FC St.Gallen haben viele schöne Bilder des schönen Sonntagnachmittags auf den sozialen Medien gepostet, die Stimmung ist top. Die erste Garnitur läuft aus, die zweite trainiert voll, unter ihnen auch Moreno Costanzo, der seit der Vorwoche wieder genesen ist von seiner Knieverletzung aus dem Trainingslager in La Manga.

In Basel hingegen glauben sie, die eigenen Disziplinlosigkeiten könnten am Ende den Titel kosten. Das Nervenkostüm ist angeschlagen, und aus dem innersten Zirkel der Mannschaft ist wenig Gutes zu hören, weshalb es nur den einen Schluss geben kann: Im Verein stimmt etwas nicht. Da hilft noch weniger, dass niemand weiss, wer nach dem Saisonende der Trainer ist.

Dienstag, 28. Januar: Verreisen in Europa

Die St.Galler haben frei. Heisst: Regeneration, Kraft tanken, Batterien aufladen, Kopf lüften. Also fahren Demirovic, Boris Babic und Betim Fazliji nach Zürich, flanieren als Zweite der Super League durch die Stadt. Zeidler traut sich morgens zwei Stunden lang zum Zahnarzt, ein Schelm, wer denkt, der Coach feile jetzt schon an seinem Meisterlächeln.

Zudem wird bekannt, dass der FC St.Gallen bis Ende 2021 mit demselben Reiseveranstalter eine Partnerschaft eingegangen ist wie das Schweizer Nationalteam. Unter dem Facebook-Post steht mit einem Augenzwinkern: «Wir freuen uns auf viele besondere Reiseerlebnisse. Zu welchem Anlass auch immer. Zum Beispiel in der Europa-League-Qualifikation.»

Im Westen haben sich unterdessen auch die FCB-Legenden Karli Odermatt und Erni Maissen via «Telebasel» zu Wort gemeldet. Der Tenor: «Es fehlt dem Team an Reife. Wir hätten das früher selbst geregelt, und dann wären diese Disziplinlosigkeiten auch nie mehr vorgekommen. Die Spieler haben eine Verantwortung gegenüber dem Verein.»

Wenn man gegen die Ostschweizer nun in diesem Wegweiserspiel nicht Charakter zeige, könne man ganz aufhören. «Jede chan seggle und kämpfe. Nur so gohts.» Es scheint, als wären gerade alle angezählt.

Training bei garstigen Temperaturen: St.Gallens Yannis Letard (links) und seine Teamkollegen.

Training bei garstigen Temperaturen: St.Gallens Yannis Letard (links) und seine Teamkollegen.

Urs Bucher

Mittwoch, 29. Januar: Klinsmann und Tevez

Am Morgen trainiert der FC St.Gallen bei garstigen Temperaturen und teilweisem Schneefall auf Rasenplätzen des Gründenmoos, im nahen Breitfeld schiesst sich das Militär ein. Plötzlich wähnt man Carlos Tevez in den Reihen der Ostschweizer, doch es ist der Neuzugang Lorenzo Gonzalez aus Malaga, der dem bulligen Argentinier ähnlich sieht.

Irgendwann verwirft Zeidler die Hände, sein Urschrei geht in alle Himmelsrichtungen; der Trainer ist mit dem Gebotenen nicht zufrieden, rüttelt wach – es gelingt. Natürlich ist der neue Goalie Lawrence Ati Zigi auch im Training, einer der pensionierten Zaungäste sagt:

«Mich schmerzt der Weggang von Dejan Stojanovic nicht. Zigi ist endlich ein Torhüter, der im Sechzehner Präsenz markiert.»

Auf dem zweiten Platz hat Jonathan Klinsmann Goalietraining mit Stefano Razzetti, gibt Vollgas und ist auf dem Weg der Rückkehr, ganz mit der Mannschaft könne er aber noch nicht trainieren, sagt er.

Das Training ist fertig, der klatschnasse Klinsmann zottelt mit fast gefrorenen Händen schlotternd davon. Gonzalez hat gute Ansätze gezeigt, und nach der Übungseinheit sagt er Dinge, die man zuletzt oft von den St.Galler Spielern hört: «Ich fühle mich sehr wohl hier, bin gut aufgenommen worden, alles ist wie eine Familie.» Nur die Temperaturen, die seien in Malaga angenehmer. Er lächelt.

Donnerstag, 30. Januar: Okafor macht Probleme

Aus Basel wird die Geschichte lauter, dass Noah Okafor – in dieser Meisterschaft noch torlos – seinen Abgang zu RB Salzburg erpressen will. Gegen die Young Boys wollte der 19-Jährige partout nicht spielen und gab als Begründung Adduktorenprobleme an.

Und im Osten? Da scheint die Sonne. Zeidlers Training ist intensiv, der Schreckmoment, als Babic nach einem Zweikampf liegenbleibt, ist nicht von Dauer. Zigi zeigt bald einmal eine gute Parade, einer der Pensionäre, deren Anzahl sich am Seitenrand im Vergleich zum Vortag verdoppelt hat, sagt: «Weltklasse. Wow.» Guter Dinge nach der Übungseinheit ist auch der schweissgebadete Lukas Görtler:

«Ziel ist es, nach diesem Spieltag mindestens Zweiter zu sein.»

Und irgendwann kommt Zeidler vorbei, sagt, dass der abwesende Slimen Kchouk definitiv nicht mehr mit der ersten Mannschaft trainieren werde. «Wenn, dann nur mit der zweiten.»

Freitag, 31. Januar: Es ist alles gesagt

Journalisten aus Basel bewundern den Teamzusammenhalt des FC St.Gallen. Und fragen sich, wie gut die eigene Mannschaft tatsächlich funktioniert. Weil schon im Trainingslager in Marbella und auch in der Folge nur auf dieses YB-Spiel fokussiert worden sei – es hat mit einem Rückschlag geendet.

Noah Okafor trägt künftigt nicht mehr das Dress des FC Basel. Er wechselt nach Salzburg.

Noah Okafor trägt künftigt nicht mehr das Dress des FC Basel. Er wechselt nach Salzburg.

Andy Müller/Freshfocus

Zudem nehmen die Nebenschauplätze am Rheinknie weiterhin ziemlich viel Platz ein, Okafor soll inzwischen mit dreieinhalb Beinen ein Salzburger sein, würde dem Club damit Einnahmen von mehr als zehn Millionen Franken generieren. Immerhin kann der FC Basel gegen St.Gallen wieder auf seinen Einpeitscher Taulant Xhaka zurückgreifen, mit ihm gibt es Hoffnung wie Erwartung auf die richtige Antwort auf dem Rasen.

In St.Gallen dauert die Pressekonferenz vor dem Spiel: minusrekordverdächtige acht Minuten. Denn eigentlich ist alles gesagt. Zeidler ist klar in seinen Gedanken, will die Querelen der Baseler nicht wahrgenommen haben. Vielmehr sagt er: «Ich habe grossen ­Respekt vor Basel, als einziges Team vertritt es noch die Schweiz in Europa. Aber wir konzentrieren uns nur auf uns.»

Zeidler fordert viel Mut von seiner Mannschaft, wie er das immer tut, dann sagt er: «Es ist eine grosse Freude, dieses Spiel mit unseren Fans zu bestreiten. Am Sonntagnachmittag geht es ab. Wir haben unsere Chancen.»

Dannzumal muss der Trainer neben den Langzeitverletzten, Klinsmann («es reicht noch nicht ganz auf die Ersatzbank, weil er noch ein paar kleinere Probleme nach dem Riss des Syndesmosebandes hat») und Stürmer Demirovic ebenfalls auf den gelbgesperrten Innenverteidiger Yannis Letard verzichten.

Betim Fazliji (rechts, mit Cedric Itten) dürfte in Basel den gesperrten Yannis Letard ersetzen.

Betim Fazliji (rechts, mit Cedric Itten) dürfte in Basel den gesperrten Yannis Letard ersetzen.

Marc Schumacher/Freshfocus

Damit wird Babic im Sturm nun wieder beginnen und das Defensivzentrum der 20-jährige Fazliji mit dem 17-jährigen Leonidas Stergiou bilden; just jener Fazliji also, der am zweiten Spieltag sein Debüt ausgerechnet in Basel mit einem 2:1-Sieg gefeiert hat. Und den Platz bei seinen elf Auftritten mit St.Gallen noch nie als Verlierer verlassen musste. Ein gutes Zeichen?

Samstag, 1. Februar: Auf nach Basel!

Ein letztes Nachmittagstraining. Dann, nach dem gemeinsamen Abendessen, bewegt sich der grünweisse Tross nach 18 Uhr Richtung Basel, wo man in einem angenehmen Hotel vor der bevorstehenden Reifeprüfung möglichst viel Ruhe und noch mehr Schlaf finden will.

Derweil gibt es vielleicht wieder neue Schlagzeilen aus Basel, oder Luzern hat die Young Boys besiegt – und St.Gallen könnte am nächsten Tag mit einem Vollerfolg gegen den Ligakrösus Leader der Super League sein.

Sonntag, 2. Februar: Ein heisser Tanz

Der mit Fans vollbepackte Extrazug fährt um 12 Uhr aus St.Gallen ab, insgesamt werden über 1000 Anhänger im Nordwesten der Schweiz erwartet. Die Zeit rinnt im St.Jakob-Park. Die Spannung steigt. Noch fünf Minuten. Noch vier, drei, zwei, eins...

Es ist wieder ein heisser Tanz und eine Begegnung, die es in sich hat, aus beider Sicht. Gerade jetzt vielleicht mehr denn je.