Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Als ein Meistertitel des FC St.Gallen noch kaum Beachtung fand

Wir feiern den 140. Geburtstag des FC St. Gallen mit einem Blick ins hauseigene Zeitungsarchiv. Neben kuriosen Episoden und Telegrammen fällt auf: Die Meistermannschaft von 1904 erhielt seinerzeit kaum mediale Beachtung.
Ralf Streule
St. Gallens Spieler feiern 1969 im Wankdorf den bislang einzigen Cupsieg. In den Folgejahren erreicht die Berichterstattung über den Verein ein neues Hoch. (Bild: KEY, Montage: jbr)

St. Gallens Spieler feiern 1969 im Wankdorf den bislang einzigen Cupsieg. In den Folgejahren erreicht die Berichterstattung über den Verein ein neues Hoch. (Bild: KEY, Montage: jbr)

Sich alleine im Keller einzubunkern, kann seine schönen Seiten haben. Dann nämlich, wenn sich in den Regalen Hunderte Zeitungsbänder türmen und darauf warten, ans Licht gezerrt zu werden. Im Archiv des «St. Galler Tagblatts» verliert man sich leicht, die Zeit fliegt, gleichzeitig scheint sie stehen zu bleiben.

Beim Blättern in den alten Zeitungsausgaben ist die Vergangenheit förmlich zu fühlen: Zeitungsseiten, die über 100 Jahre alt sind, sind spröde. Und zu hören: Das Knistern von Zeitungsseiten aus dem Jahr 1900 tönt um Welten anders, als das Rascheln von den Ausgaben der 1970er-Jahre. Plötzlich stösst man per Zufall auf Berichte zum Untergang der Titanic, April 1912. Oder im April 1945 auf die Frage: «Kapituliert Deutschland?» Die Antwort im Mai: «Deutschland kapituliert.»

Also: Konzentration aufs Nebensächliche!

Und dabei wollte man sich im Archiv doch nur mit etwas so Nebensächlichem wie dem FC St. Gallen beschäftigen, der einen «Runden» feiert. Wie hat sich die Berichterstattung des Tagblatts über den Club im Lauf der Zeit verändert? Wie viele Zeichen haben die Ostschweizer Journalisten dem Fussballclub vor und nach Spielen geschenkt? Also: Konzentration aufs Nebensächliche!

In der Anfangszeit des Clubs schien man in St. Gallen kaum Notiz zu nehmen von den Männern, die sich dem Fussballspiel verschrieben hatten. Eine Notiz bei der Gründung des Clubs 1879 ist zu finden, ja. Aber später, im Jahr 1904, fehlt ein ausführlicher Bericht zum Schweizer-Meister-Titel. Gerade einmal vier Zeilen widmete man den Meisterhelden, deren eingefärbtes Foto derzeit auf einem Riesenbanner in der Innenstadt hängt. In zwei Sätzen wird unter «Lokales» vermeldet, dass St. Gallens Fussballer ein Spiel gewonnen hätten und damit Finalsieger der Serie A seien. Basta.

Auch in den Jahren darauf finden sich höchstens kleine Meldungen zum städtischen «Fussballsport». Direkt unter den Fussballmeldungen stehen in dieser Zeit die «Unfälle und Verbrechen», der Leser bleibt hier an den ungewohnten Formulierungen hängen: Ein Mann, mit vollem Namen genannt, rutschte im Alpstein aus und «war sofort eine Leiche».

Aber hier ist Fussball Thema. Erst ab etwa 1915 wird die Berichterstattung über den FC St. Gallen – und ganz allgemein über Sport – regelmässiger, auch wenn während des Ersten Weltkriegs der Fussball-Spielbetrieb reduziert war. Über einen Stadtmatch zwischen St. Gallen und Brühl von 1914 wird immerhin in zwei Sätzen berichtet:

«Das gestern auf dem Sportplatz Espenmoos abgehaltene Fussballwettspiel Serie A zwischen Fussballklub St. Gallen und Fussballklub ‹Brühl› St. Gallen blieb mit 0:0 unentschieden. Leider wurde ein Spieler von ‹Brühl› derart verletzt, dass er ausgeschieden und in den Kantonsspital verbracht werden musste.»

Bevor längere Matchberichte die Regel wurden, fiel der FC St. Gallen mit grossen Anzeigen auf den Werbeseiten auf. Mit breiten Balken eingerahmt wird hier auf Spiele auf dem «Sports-Platz» Espenmoos aufmerksam gemacht. Erst Mitte der 1920er-Jahre wird dann die Rubrik «Sport und Spiel» eingeführt. Pferderennen auf dem Breitfeld kommen darin vor, vor allem aber: «Fussballsport».

Huber befand sich halt im Militärdienst

Am 27. März 1920 wird über ein Freundschaftsspiel gegen Slavia Prag («eine der besten Mannschaften des Kontinents») so ausführlich wie selten zu jener Zeit berichtet. 2000 Zuschauer kamen ins Espenmoos, um eines der vom FC St. Gallen damals durchgeführten Nachkriegs-Freundschaftsspiele zu sehen. Es war eine einseitige Sache: 1:4 hiess es am Schluss. Huber befand sich halt im Militärdienst, steht geschrieben. Die Gäste, «meist grosse Gestalten», faszinierten den Journalisten. Vor allem der Goalie:

«Wir hatten uns in seiner Nähe platziert
und bewunderten seinen Eifer,
er spielte mit eminenter Sicherheit und starkem Befreiungsschlage.»

Im Telegramm, das nun oft mitabgedruckt wird, fällt vor allem eines auf: Es wird in einem 2-3-5-System gespielt, der «Schottischen Furche», auf dem Papier hochoffensiv. Wobei die Stürmer viele defensive und Spielmacher-Aufgaben übernahmen.

Es wird analysiert

In den 1930er-Jahren dann gab es einen Sprung, was die Berichterstattung angeht. Die Rubrik «Sport und Spiel» ist vor und nach Wochenenden stets eine Seite gross. Und nun wird auch im Vorfeld der Spiele berichtet. Und es wird analysiert. Wie 1930 nach einer Niederlage gegen Winterthur: «Für die Anhänger St. Gallens war es fast zum Verzweifeln, wie auch sogenannte todsichere Sachen immer wieder vorbeigelangten. Die Spieler müssen mit aller Energie weiter trainieren, vor allem das, was sich als grösster Mangel erwies: schiessen, schiessen, schiessen.»

1935 steigt der FC St. Gallen wieder in die Nationalliga auf. Ein Bericht eines entscheidenden Gruppenspiels gegen Luzern zeigt, wie es damals zu und her ging auf dem Platz: «Nun brennt Cinguetti sein Temperament ganz durch.» Ein Rempler eines Luzerner Stürmers bringt den St. Galler Goalie «zu Unrecht in Harnisch und er wirft den Ball seinem Gegner an den Kopf». Die Folge: Ein Penalty beim Stand von 2:2. Der Luzerner trifft, der Penalty muss aber wiederholt werden. Und prompt verschiesst derselbe Spieler. Die Spielsituation, verborgen im Archiv, zeigt: Der Aufstieg wäre um ein Haar verpasst worden.

Zu viel Geld ist im Umlauf

In den folgenden 30 Jahren bleibt sich die Berichterstattung im Tagblatt zum FC St. Gallen im Umfang fast gleich – unabhängig vom Zweiten Weltkrieg und später von den St. Galler Jahren in der zweit- oder gar dritthöchsten Liga. Was sich ändert, ist die Schrift. Die Sportberichterstattung wechselt als erstes auf die modernere Antiqua-Schrift. Politisches bleibt in der Fraktur-Schrift – als wollte man die neue Schrift testhalber auf Nebensächliches anwenden. In den 1940er-Jahren erscheinen immer mehr Bilder. Das zerbombte Friedrichshafen zum Beispiel. Im Sport hingegen werden erst in den 1950er-Jahren regelmässig Fotos platziert. Was nun ebenfalls auftaucht: Die ausführlichen NLA-Tabellen. Als 1957 sowohl Brühl als auch St. Gallen in die 1. Liga absteigen, wird die Berichterstattung nicht dünner. Immer einmal wieder wird aber bei St. Galler Misserfolgen lamentiert: Es sei zu viel Geld im Umlauf im lieben Fussball.

Hochkonjunktur in den 1970er-Jahren mit Sommer

Ende der 1960er-Jahre, mit der St. Galler Rückkehr in die NLA, erreicht die Berichterstattung ein neues Hoch. Ganzseitige Vorschauen und Spielberichte sind die Regel. Und vor allem Ende der 1970er-Jahre, als sich Erfolge unter Trainer Willy Sommer einstellen, wird umfassend auch über Randgeschichten berichtet.

«Willy bleib!»

heisst 1980 einmal eine Überschrift, als der Trainer Abgangsgelüste kundtut. Sommer bleibt bis 1981. Die Rubrik «Aufgeschnappt» etabliert sich in dieser Zeit, in der bis in die 1990er-Jahre Randgeschichten zum Sport und zum FC St. Gallen erzählt werden. Erst kurz vor der Jahrtausendwende tauchen regelmässig Farbbilder der Spiele auf. Ironischerweise nimmt aber just vor dem Meistertitel 2000 die Zeilenzahl in der FC-St.-Gallen-Berichterstattung ab. Einen grossen Teil nehmen nun auch grafische Formen ein. Den Tabellenverlauf der Teams zum Beispiel, oder der legendäre «Chancenbarometer».

Der langfristige Aufwärtstrend in der Berichterstattung bleibt erhalten: In der Folge sind ganzseitige Berichte wieder die Regel. Den letzten Sprung nach oben gibt es schliesslich in den vergangenen Jahren. Zählt man Onlineberichte und -analysen vor und nach Spielen mit, sind wir bei 15 000 Zeichen pro Partie angekommen. Der Autor von 1904 würde sich die Augen reiben. Und wohl den Kopf schütteln.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.