Auf zur Klettertour!

Die erste Niederlage des FC St. Gallen nach zwei Siegen und drei Unentschieden brachte dennoch eine Bestätigung: Die Mannschaft hat mehr Substanz als im Herbst. Sie sollte eigentlich für den Ligaerhalt reichen.

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Einer wie Jairo: Ezequiel Scarione soll den FC St.Gallen zu neuen Höhen schaukeln. (Bild: Ralph Ribi)

Einer wie Jairo: Ezequiel Scarione soll den FC St.Gallen zu neuen Höhen schaukeln. (Bild: Ralph Ribi)

Zwei weitere Bestätigungen lassen aber nach wie vor auch daran zweifeln: Die Macke des frühen Gegentors plagt die Mannschaft weiterhin, und es fehlt ein Knipser, wie es Moreno Merenda einmal war und wie ihn Bellinzona in der Person von Mauro Lustrinelli in seinen Reihen hat. Die Tessiner werden ihren Torjäger nie abgeben, so lange die Füsse ihn vom Anspielkreis bis in den Strafraum tragen.

Das Baby schaukelt Scarione
Ja, einzelne herausragende Spieler sind für gewisse Mannschaften von enormer Bedeutung: Hakan Yakin zum Beispiel für Luzern, Doumbia einst für YB, Alex Frei für Basel. St.Gallen hat, wie es den Anschein macht, nun auch einen, der Spiele entscheiden kann: Ezequiel Sarione (und seine Mitspieler) schaukelten nach seinem ersten Tor für den FC St.Gallen im GC-Match das Baby. Doch es macht den Anschein, dass seit der Geburt der Tochter das Baby umgekehrt auch Scarione schaukelt. Nicht in den Schlaf, sondern zu ausserordentlichen Leistungen. Auch gegen Sion war der Argentinier auffallende Erscheinung, Stürmer und Spielmacher zugleicht, zumindest bis weit in die zweite Halbzeit hinein. Scarione könnte die gleiche Bedeutung für die Mannschaft erhalten wie einst Jairo zu dessen besten Zeiten auf dem Espenmoos.

Beeindruckend war auch, wie St.Gallen den Gegner nach der Pause unter Druck setzte - wie eine Spitzenmannschaft. Die Walliser kamen kaum mehr zu Atem, sahen das gegnerische Tor fast nur noch aus der Ferne. Doch je heftiger die St.Galler an die Tür von Sions Gehäuse klopften, desto kompromissloser die Antwort: «Eintritt verboten!»

Früh oder spät anreisen?
In der ersten Halbzeit war Sion eine der besseren Mannschaften, die in dieser Saison in der Arena gastierte. Die Gradlinigkeit, mit der drei, vier klare Chancen herausgespielt wurden, war vorbildlich. Die Walliser hatten sich entsprechend vorbereitet. Während die St.Galler am Gründonnerstag noch die Müdigkeit vom Vorabend aus den Beinen schüttelten, hatte Sion bereits seinen Mannschaftscar vor dem Hotel Seegarten in Arbon parkiert – zwei Tage vor dem Match. Solch frühe Anreise ist eher aussergewöhnlich. Dass der Tag mehr Pause, die der Gegner genoss, ausschlaggebend war, gehört wohl ins Reich der Fabel. Auf dem Spielfeld war jedenfalls davon nichts zu spüren. Eine interessante Frage ist auch, ob sich eine derart frühe Ankunft tatsächlich positiv auswirkt. St.Gallens Trainer Helmut Johannsen war einst ein Verfechter später Ankünfte. Ankommen, umziehen, auflaufen, anstürmen war sein Motto.

Das hatte auch schon mal dramatische Folgen. Vor einem Match in Xamax blieb der Car im Stau stecken, konnte auch Chauffeur Charly Gahler verlorene Zeit nicht mehr wettmachen. Da hiess es: Umziehen im Bus! Danach ging es schnurstracks auf den Rasen. St.Gallen gewann den Match. «Vom Laufschritt zum Sturmlauf» lautete damals die Schlagzeile in der Fachzeitung «Sport». Ein anderes Mal reiste St.Gallen von Johannsens Heimatort Hamburg zum Spiel der internationalen Sommermeisterschaft nach Malmö. Schon damals war Sparen angesagt und so fuhr man mit Privatautos nach Schweden. Die Karawane bewegte sich im Ferienverkehr durch Dänemark und liess sich zudem von zwei Fähren transportieren. In Kopenhagen erreichte die Mannschaft das Schiff buchstäblich in letzter Minute (das Autoviadukt hatte damals zu Beginn 1980-er-Jahre noch nicht bestanden). Ich mag mich an das Resultat nicht mehr erinnern, gehe aber davon aus, dass Malmö FF das Spiel gewonnen hat. Einen Tag lang auf Achse. Das ist wohl das Gegenteil einer idealen Vorbereitung. Übrigens reiste die Mannschaft noch am gleichen Abend wieder zurück nach Hamburg .

Schlüssel- und Hoffnungsspiele
Spannend wäre auch zu verfolgen, wie nun der «neue» FC St.Gallen reagiert, wenn er selber einmal 1:0 in Führung ginge. Das hat es sogar schon gegeben. Erst zuletzt gegen Xamax. Doch da liess der krumme Händepenalty eine Viertelstunde später keine Langzeitbeobachtung zu. Und gegen Bellinzona schoss Nushi in der 77. Minute das 1:0, worauf St.Gallen noch in arge Nöte geriet. Gegen GC konnte St.Gallen reagieren wie schon in Luzern und war danach Chef auf dem Platz. Soll niemand sagen «nur GC» oder «am Schluss nur gegen zehn Mann.» Die Hoppers hatten zuvor den Stadtmatch gegen den FCZ erst in letzter Minute verloren und in Basel ein 2:2 erreicht. Nicht zuletzt hatten sie dreimal gegen St.Gallen ziemlich problemlos gewonnen. Und wie hilflos haben St.Galler Fussballer meistens in Überzahl gespielt. Auch der GC-Match war ein deutlicher Hinweis für mehr Substanz und verbesserte Spielharmonie. Wie schwierig es jedoch ist, Tore zu schiessen gegen Mannschaften, die nur noch das Verteidigen im Sinn haben wie Xamax und Sion, hat am Ostermontag auch der FC Zürich im Cup-Halbfinal gegen die Neuenburger erfahren.

Xamax und Bellinzona auswärts und Luzern daheim. Das werden im Restprogramm des FC St.Gallen die Schlüsselspiele sein. Gegen Zürich und Basel daheim sowie im letzten Match gegen YB auswärts gilt es, wenn immer möglich, Zusatzpunkte zu ergattern. Noch hat der FC St.Gallen vier Tabellenränge zur Auswahl: Zehn, neun, acht, sieben. Auf zur Klettertour!

Fredi Kurth