Interview

«Auch in Bern werde ich mit Hopp Sanggalle begrüsst»: Matthias Hüppi über die Titelchancen des FC St.Gallen, Fünf-Jahres-Verträge und junge Talente

Nur noch zwei Spiele hat der FC St.Gallen vor sich, dann ist die Meisterschaft zu Ende. Dass die Mannschaft so weit kommt, hätte Präsident Matthias Hüppi nicht gedacht. «Man hofft und arbeitet dafür», sagt er im Sommertalk mit den Sendern von CH Media.

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St.Gallen ist fünf Punkte hinter YB. Wie ist Ihre Einschätzung?

Ich will keine Prognose abgeben. Wir konzentrieren uns auf jedes Spiel. Ich weiss, als ehemaliger Fernsehmoderator hat man immer gesagt, dass das eine Schubladenantwort ist. Aber es stimmt. Wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt und sich mit Sachen beschäftigt, die man selbst nicht beeinflussen kann, verliert man nur Energie. Besser sollte man sich gut auf das Spiel vorbereiten und dann gewinnen.

Wie fest würde es schmerzen, den Meistertitel zu verpassen?

Wir sind der Underdog und bleiben ihn, bis das letzte Spiel abgepfiffen wird. Von schmerzen kann keine Rede sein. Ich bin sehr begeistert, was wir geschafft haben – also Minimum ist das der dritte Platz, ein Podestplatz. Es muss so viel zusammenstimmen, dass man es überhaupt aufs Podest schafft.

Würden es die Spieler verkraften, nicht zu gewinnen?

Ein Sportler will immer gewinnen und das Maximum herausholen.

Hätten Sie gerechnet, dass Sie heute einmal hier sitzen würden?

Nein, ich hätte nicht damit gerechnet. Man hofft und arbeitet dafür.

Der FC St.Gallen geht oft unkonventionelle Wege, wie die Fünf-Jahres-Verträge. Wieso geht man diesen Weg?

Das ist der St.Galler Weg, von dem wir überzeugt sind. Der Entscheid zu diesen Verträgen ist nicht aus der Not geboren, das haben wir im Verwaltungsrat seit Monaten zusammen besprochen. Die Zeit geht so schnell. Wir wollten das brechen.

Ist das ein gewisses Risiko?

Im Sport hat man immer ein gewisses Risiko. Wir sagen immer, wir wollen mutig agieren. Vor allem die jungen Spieler sollen mutig spielen. Das heisst aber auch, dass sie Fehler machen, weil mutig spielen ist risikobehaftet.

Was passiert mit den jungen Talenten? Macht man sie zu Geld?

Wenn ein junger Spieler zu uns kommt, dann ist klar, dass es am Schluss nicht Endstation St.Gallen heisst. Wenn eine grosse Entwicklung gemacht wird und er sich immer steigert, dann will er auch bald einen nächsten Schritt machen. Wir wollen dem nicht im Weg stehen.

Was für einen Bezug haben Sie zur Mannschaft?

Eine gute Mischung zwischen Nähe und Distanz. Auf keinen Fall rede ich dem Trainer in die sportlichen Belangen. Wir haben einen guten Austausch und diskutieren. Meine Funktion ist zu stützen, Support zu geben. Ich versuche, das was ich in meinem Leben an Erfahrung gemacht habe, in den Dienst des FC St.Gallen zu stellen.

Wie gehen Sie damit um, wenn der FC St.Gallen verliert? Sie sind ja ziemlich emotional.

Ich bin nie laut und nie verärgert. Ich lebe richtig mit. Klar rege ich mich auch über etwas, was im Spiel passiert, auf. Es gibt aber nie laute Worte gegen den Trainer oder die Spieler.

Gehen Ihnen Reaktionen nahe?

Ich habe gelernt, mich vor gewissen Sachen zu distanzieren. Es ist wichtig, dass man empfänglich für Kritik ist. Man muss lernen, mit Kritik umzugehen. Sie tut nur weh, wenn man sie nicht einordnen kann. Meine Aufgaben ist es, den Spielern und Trainern mit dem Einordnen zu helfen, damit wenig Energie daran verschwendet wird.

Bekommen Sie mehr Kritik als Präsident des FC St.Gallen, als bei Ihrer Arbeit im Fernsehen?

Wenn ich in der Ostschweiz unterwegs bin, bekomme ich unmittelbar Rückmeldung, positiv wie negativ. Auch in Bern werde ich mit «Hopp Sanggalle» begrüsst. Wir sind der Underdog und spüren deshalb einen generellen Support. Ich denke aber auch, dass es an der Art und Weise liegt, wie wir als Mannschaft aufgetreten sind.

Wie ist Unterstützung der Fans?

Grossartig. Wir hatten 7000 Saisonkarten für die nächste Saison verkauft, obwohl wir nicht wussten, ob mit Zuschauern gespielt werden kann. Die Unterstützung ist unglaublich schön. Viele haben gar auf eine Rückerstattung verzichtet, das zeigt die Verankerung unseres Clubs. Wir müssen alles dafür tun, dass die Fans Vertrauen in uns haben.

Wie war die Coronakrise für Sie bzw. den FC St.Gallen?

Es kam eine Zeit, in der wir keine Ahnung hatten, was folgt. Am Anfang haben wir gehofft, dass es nur ein paar Wochen oder einen Monat geht. Es war dann aber nicht so. Wir haben sehr schnell den Schalter umgelegt und uns, wie wir die Zeit gut überstehen können. Wir begannen, verschiedene Szenarien zu planen. Es war schön, weil alle der gleichen Meinung waren, in welche Richtung es geht.

Sie haben einst die Stadt St.Gallen kritisiert. Wieso genau?

Wir hätten uns gewünscht, dass einmal gefragt wird: «Schafft ihr es? Kommt ihr durch?» Weil wenn wir keine Zuschauer hineinlassen können, haben wir keine Einnahmen und ohne Einnahmen können wir irgendwann nicht mehr.

Wie teuer ist die Krise?

Das ist schwierig zu sagen. Ich bin kein Zahlen-Mensch. Ein ausverkauftes Spiel geht mit einem Verlust von 450'000 bis 500'000 ein. Hinzu kommt, dass wir eine grosse Nachwuchsorganisation mit 800 Kindern und Jugendlichen haben, die wir betreuen. Das schultern wir alles selbst.

Haben Sie schlaflose Nächte?

Ich träume momentan sehr intensiv und realistisch.

Wie geht es Ihnen?

Ich fühle mich gesund. Ich bin gut gestützt vom familiären Umfeld. Wenn meine Frau nicht mitziehen würde, hätte ich keine Chance.

Wie war der Wechsel vom SRF zum FC St.Gallen?

Ich hatte gar nie gross Zeit, Gedanken zu machen. Ich hatte wenig Zeit, als die Anfrage kam. Ich habe mir sehr kurz sehr intensiv Gedanken gemacht. Klar war ich nervös. Ich bin sehr glücklich, dass ich es gemacht habe. Ich habe es nie bereut. (red)

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