Abstiegskampf
Vom 0:2 zum 2:2 – der FC St.Gallen rettet im Letzigrund einen Punkt

Der FC St.Gallen zeigt eine ungenügende erste Halbzeit und geht mit einem 0:2-Rückstand in die Pause. In den letzten 20 Minuten können die Ostschweizer die Partie dank einer Leistungssteigerung drehen. Noch ist aber keine Entwarnung angesagt: Der Abstand zum Barrageplatz beträgt nur zwei Punkte.

Ralf Streule
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Junior Adamu trifft in der 85. Minute zum 2:2 - und rettet einen Punkt im Kampf gegen den Abstieg.

Junior Adamu trifft in der 85. Minute zum 2:2 - und rettet einen Punkt im Kampf gegen den Abstieg.

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus

Die Spielwertung

Torchancen und Offensivaktionen fehlen nicht in dieser Partie, trotz Abstiegsängsten auf beiden Seiten. Vieles beruht in diesem intensiven Spiel aber auf Zufällen, Fehlern und Kampf. Was sich im Mittelfeld abspielt, ist wenig attraktiv. Spielnote: 4,5

Die Tore

  • 1:0, 24. Minute, Aiyegun Tosin: Nach einem Schussversuch von Marchesano fällt der Ball Tosin vor die Füsse. Seinen wenig platzierten, aber satten Schuss von halbrechts lässt Zigi passieren.
  • 2:0, 45. Minute +3, Fabian Rohner: Ein perfekter Zürcher Konter. Euclides Cabral verliert den Ball nach einem St.Galler Corner. Schönbächler gewinnt das Laufduell gegen Lüchinger und bedient Rohner, der alleine vor Zigi ohne Probleme trifft.
  • 2:1, 69. Minute, Lukas Görtler: St.Gallen drückt nach der Pause. Görtler reagiert im Gewühl im Strafraum am schnellsten, sein satter Schuss ist unhaltbar. 
  • 2:2, 85. Minute, Junior Adamu: Eine Flanke erreicht seinen Empfänger perfekt: Adamu trifft sehenswert zum 2:2.

Die Spielanalyse

Das altbekannte Problem der St.Galler zeigt sich auch im drittletzten Spiel dieser Meisterschaftssaison. Es fehlt in der ersten Halbzeit die Überzeugung in der Offensive. Schon zu Beginn wirken die Zürcher in der Vorwärtsbewegung gefährlicher. Nach einer Minute kann Antonio Marchesano zum ersten Mal abschliessen. Kurz darauf klärt Zigi einen Freistoss aus spitzem Winkel von Benjamin Kololli nur in höchster Not.

Linksverteidiger Miro Muheim muss das Spielfeld bereits nach einer Viertelstunde verletzt verlassen.

Linksverteidiger Miro Muheim muss das Spielfeld bereits nach einer Viertelstunde verletzt verlassen.

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus

Nach einer Viertelstunde dann ein Dämpfer für die Ostschweizer: Miro Muheim muss das Spielfeld verletzt verlassen. Ihn ersetzt Boubacar Traorè. In der Verteidigung hatte Zeidler ohnehin umstellen müssen: Für den gesperrten Betim Fazliji verteidigt Basil Stillhart, rechts aussen Nicolas Lüchinger. Und auch im Mittelfeld versucht es Zeidler mit einer neuen Formation: Euclides Cabral spielt zunächst neben Jordi Quintillà im defensiven Mittelfeld.

Ausgerechnet Muheims linke Abwehrseite ist nach 24 Minuten verwaist, als Tosin einen Abpraller ungestört annehmen und zum 1:0 verwerten kann.

Aiyegun Tosin trifft zum 1:0, Boubacar Traorè kommt zu spät.

Aiyegun Tosin trifft zum 1:0, Boubacar Traorè kommt zu spät.

Claudio Thoma/Freshfocus / freshfocus

Die Führung ist verdient. Zwar hatten die St.Galler zuvor den Ball gut im Mittelfeld zirkulieren lassen - Gefahr vor dem Zürcher Tor gab es aber nie. Es fehlten präzise Pässe aus dem Mittelfeld. Und es fehlten entscheidende Offensiv-Einzelaktionen. Etwas Licht ins Dunkel gibt es nach dem Gegentreffer. Die St.Galler werden gefährlicher. Babic kommt nach einer halben Stunde zum Kopfball - doch Yanick Brecher wehrt spektakulär ab.

Und als Guillemenot alleine vor Brecher auftaucht, fehlt ihm die Kraft und Kaltblütigkeit, den Ball unterzubringen. Leonidas Stergiou schliesslich verpasst den Ausgleich mit einem Versuch aus 15 Metern. Brecher taucht in die rechte untere Ecke und pariert. Auch die Zürcher bleiben gefährlich: Marchesano scheitert per Kopf am stark reagierenden Zigi.

Tief in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit folgt das 0:2. Die St.Galler verlieren im Anschluss an einen Corner den Ball, Marco Schönbächler und Fabian Rohner nutzen den Platz und spielen den Konter perfekt zu Ende.

Fabian Rohner trifft alleine vor Zigi souverän zum 2:0.

Fabian Rohner trifft alleine vor Zigi souverän zum 2:0.

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Wer die St.Galler bereits abgeschrieben hat, sieht sich in der zweiten Halbzeit eines besseren belehrt. Sie setzen früh Druck auf, nach einer Stunde werden ihre Angriffe zwingender. Lukas Görtler nutzt eine unübersichtliche Situation im Zürcher Strafraum und erzielt trocken den Anschlusstreffer. Der eingewechselte Junior Adamu schliesslich trifft fünf Minuten nach einer weiteren Druckphase der Ostschweizer zum 2:2. Der St. Galler Jubel ist gross - das grösste Ungemach ist abgewendet. Zum Ende der Partie drehen die Zürcher noch einmal auf. Die grösste Chance der Schlussphase hat Marchesano - er verpasst den Siegtreffer nach einem Corner in der Nachspielzeit.

Da Sion gegen Luzern in der Schlussminute das Spiel zum 1:1 ausgleichen kann, sieht die Situation für die St. Galler dennoch nicht allzu gemütlich aus. Drei Punkte trennen die Ostschweizer vom Abstiegsplatz - und deren zwei vom Barrageplatz. Immerhin: Das Schlimmste ist abgewendet. Doch keine Zeit, durchzuatmen. Am Wochenende folgt das Heimspiel gegen Lausanne.

Der Beste

Basil Stillhart und Leonidas Stergiou sind ein sicheres Innenverteidiger-Duo. Stergiou ist auch in der Vorwärtsbewegung auffällig.

Der Schlechteste

Euclides Cabral scheint der Aufgabe im Mittelfeld vor der Pause nicht gewachsen. Viele Fehlzuspiele, viele Unaufmerksamkeiten. Danach kommt er besser ins Spiel.

Lawrence Ati Zigi: Note 4. Müsste das haltbare 0:1 verhindern. Ansonsten starke Paraden.
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Leonidas Stergiou: Note 5. Schnell, umsichtig, läuft immer wieder den Gegner ab. Hat sogar nach einem Corner eine grosse Ausgleichsmöglichkeit (40.).
Basil Stillhart: Note 5. Sehr gute Ausstrahlung und Körpersprache. Sicheres Passspiel. Einen solchen Leader kann St. Gallen immer gebrauchen.
Jordi Quintillà: Note 4. Besser als zuletzt, Freistossassist zum 2:2. Aber der gewohnte Lenker ist der Captain nicht.
Jérémy Guillemenot: Note 3. Vergibt eine Halbchance. Ansonsten: Ein Ausfall.
Victor Ruiz: Note 4. Bemüht, dem den Angriff Schwung zu geben. Hat viele Bälle, die er manchmal zu schnell verliert.
Lukas Görtler: Note 4,5. Ausgleichschance nach dem 0:1. Wirkt Görtler in Halbzeit eins überspielt, legt er in der zweiten zu – und wie. Mit links (70.) bringt er St.Gallen zurück ins Spiel.
Thody Élie Youan: Note 4,5. Für Cabral – belebt die Bude.
Miro Muheim: keine Note. Der Pechvogel scheidet mit einer Oberschenkelzerrung nach 16 Minuten aus. Das könnte eng werden für den Cupfinal.
Kwadwo Duah: Note 3. Kommt für Babic – kaum Szenen.
Boubacar Traore: Note 3,5. Kommt früh für Muheim, spielt dann im linken Mittelfeld: Na ja.
Tim Staubli: keine Note. Zu spät im Spiel für eine Note.
Boris Babic: Note 3,5. Nach 33 Minuten ein gefährlicher Kopfball. Bemüht, rennt viel, aber letztlich ein glückloser Auftritt.
Nicolas Lüchinger: Note 4. Grätscht beim Konter zum 0:2 zu spät. Kämpferisch tadellos, mit einigen Vorstössen und Flanken.
Euclides Cabral, Note: 2. Agiert zuerst neben Quintillà – eine Fehlbesetzung. Nach Muheims Ausfall ist er Verteidiger. Dort minim besser, dennoch an beiden Toren mitschuldig.
Chukwubuike Junior Adamu, Note: 5. Für Guillemenot. Auffällig, lustvoll, und dann macht er das verdiente 2:2 per Direktabnahme.

Lawrence Ati Zigi: Note 4. Müsste das haltbare 0:1 verhindern. Ansonsten starke Paraden.

Aufgefallen

Die zwei schwächsten Teams der Liga des Jahres stehen sich an diesem Abend im Letzigrund gegenüber. Die Zürcher haben immerhin einen Vorteil auf ihrer Seite: Sie trafen zuletzt regelmässig, im Gegensatz zu den St.Gallern, denen zuvor in sechs Spielen nur ein Treffer gelungen war. Im Sturm setzt Zeidler auf Boris Babic und Jérémy Guillemenot - und belässt Junior Adamu und Kwadwo Duah zunächst auf der Bank. Die beiden kommen nach einer Stunde. Und Adamu sichert den Ostschweizern den Punkt.

Die Fans

100 Zuschauer sind anwesend, die Tickets wurden unter allen FCZ-Saisonabonnenten ausgelost. Viel Unterstützung von der Tribüne gibt es für die Zürcher aber nicht. Erst als die St.Galler Entourage nach der Pause plötzlich Stimmung macht, wird auch der Zürcher Anhang etwas lauter.

Die Reaktionen

Peter Zeidler, Trainer FC St. Gallen: Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen. Ich konnte dem Team nicht helfen mit meiner für einmal geänderten Aufstellung, folgerichtig fiel das 1:0. Ich stellte danach wieder um auf die Raute im Mittelfeld. Dadurch kreierten wir wieder mehr Chancen. Da hätte bereits der Ausgleich fallen sollen - es kam anders. Nach dem 0:2 kann man sich vorstellen, dass es in der Kabine nicht einfach war. Doch wir kamen gut zurück. Letztlich ist das 2:2 aus meiner Sicht verdient. Zum Ende wussten wir nicht, ob wir volles Risiko gehen und den Siegtreffer suchen sollen. Auf jeden Fall hilft uns der Punkt.

Massimo Rizzo, Trainer FC Zürich: In der zweiten Halbzeit brachten wir keine Ruhe ins Spiel und spielten viel zu vertikal, anstatt dem Ball zirkulieren zu lassen. So gab es unnötig viele Ballverluste, die Kraft kosteten. Das gab dem Gegner Selbstvertrauen. Wir müssen das Resultat so verarbeiten und nehmen den Punkt mit, er ist wichtig in dieser Situation.

Das Spiel im Liveticker nachlesen:

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