96. Schweizer Cupfinal
Nein, 1:3, wie ist das bitter – der Cuppokal geht nach Luzern! FCSG-Trainer Zeidler: «Haben heute nicht so gespielt, dass wir den Cupsieg verdient hätten»

Die Ostschweizer müssen weiterhin auf den zweiten Cupsieg nach 1969 warten. Die Luzerner gewinnen letztlich nicht unverdient, weil sie in den wichtigen Momenten besser sind. Zu viel in diesem Cupfinal läuft gegen den FC St.Gallen, der nach dem Schlusspfiff im Tränenmeer versinkt.

Patricia Loher und Christian Brägger aus Bern
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Bild: Michel Canonica

Die Spielwertung

Es ist ein unterhaltsamer Cupfinal. Zu Beginn begegnen sich die Teams wie erwartet auf Augenhöhe, St.Gallen ist aktiver, erspielt sich aber nur wenig gute Möglichkeiten. Luzern wird danach immer besser. Nach dem Führungstor sind die Zentralschweizer im Hoch, die Ostschweizer geschockt: Wenig später fällt das 0:2. Das 1:2 kurz vor der Pause hilft St.Gallen aber nicht, sich in den zweiten 45 Minuten zu steigern. Insgesamt ist der Auftritt der Ostschweizer zu fehlerhaft, zu viele Leistungsträger finden nicht ins Spiel. Spielnote: 4,5

Die Tore

  • 0:1, 27. Minute, Ibrahima Ndiaye: Die Luzerner lancieren einen Angriff, der Ball kommt auf der Seite zu Pascal Schürpf, der kaum gestört wird. Seine flache, scharfe Hereingabe findet Ndiaye, der sich im Rücken Miro Muheims davongeschlichen hat. Der Senegalese trifft zur Luzerner Führung.  
  • 0:2, 31. Minute, Jordy Wehrmann: Die St.Galler sind nach dem Rückstand noch geschockt, Louis Schaub hat in Sechzehnernähe den Ball, chipt ihn über die Abwehr auf Wehrmann. Muheim deckt eigentlich den Holländer, kann den Mittelfeldspieler aber nicht am Abschluss hindern.
  • 1:2, 42. Minute, Junior Adamu: Die Luzerner sind im Aufbau, St.Gallen stört früh, fängt den Ball ab, und Thody Élie Youan läuft seitlich in den Sechzehner. Mit dem linken Fuss sucht er den Abschluss in die weite Torecke, Marius Müller hat seine Fingerspitzen noch dran, doch für den bis dahin unauffälligen Adamu ist es kein Problem mehr, die Grün-Weissen wieder heranzubringen.
  • 1:3, 70. Minute, Pascal Schürpf: Schürpf gewinnt das Kopfballduell gegen Basil Stillhart, Varol Tasar lanciert seinen Teamgefährten sofort in die Tiefe. Die St.Galler Hinterleute können Schürpf nicht folgen, der wohl knapp nicht im Abseits gestanden ist und eiskalt vor Lukas Watkowiak (zuvor für den verletzten Zigi eingewechselt) vollendet. 

Die Spielanalyse

Der FC St.Gallen startet in dieses Endspiel so, wie man es von ihm auch aus der Meisterschaft kennt: Die Ostschweizer übernehmen sogleich das Spieldiktat. Nach zwei Minuten prüft Nicolas Lüchinger Luzerns Torhüter Marius Müller mit einem Weitschuss.

Die Ostschweizer schalten immer wieder schnell um, ohne sich aber weitere gute Möglichkeiten zu erspielen. In der 14. Minute geht ein Kopfball des freistehenden Pascal Schürpf über das Tor. St.Gallen ist das aktivere Team: Es hat den Gegner im Griff und lässt nur wenig zu. Luzern schafft es nicht oft, Nadelstiche zu setzen.

St.Gallens Betim Fazliji (links) gegen Luzerns Pascal Schürpf. Hinten: Leonidas Stergiou

St.Gallens Betim Fazliji (links) gegen Luzerns Pascal Schürpf. Hinten: Leonidas Stergiou

Peter Schneider/Keystone

Doch nach gut 20 Minuten kommt Luzern besser ins Spiel. St.Gallen muss sich nun immer wieder überlaufen lassen, die Zahl der Abspielfehler erhöht sich deutlich. Es herrscht auf einmal Alarmstufe rot!

So kassiert St.Gallen, das seit 1969 auf einen Cupsieg und seit 2000 auf einen Titel wartet, in der 27. Minute tatsächlich einen herben Dämpfer, als Ibrahima Ndiaye schneller ist als Miro Muheim und Luzern in Führung bringt:

Bild: Keystone

Nun stellt sich Nervosität ein bei den jungen St.Gallern. Nur selten in dieser Saison liessen sie sich von einem Rückstand so aus dem Konzept bringen wie im Cupfinal. Die Mannschaft von Trainer Peter Zeidler wirkt geschockt, was Luzern nur vier Minuten später ausnutzt: Jordy Wehrmann erhöht für die Zentralschweizer auf 2:0:

Bild: Keystone

War es das für die St.Galler? Ist der Traum bereits geplatzt?

St.Gallen fängt sich jedoch. In der 37. Minute verpasst Thody Élie Youan den Ball nach einem Freistoss nur knapp. Kurz vor der Pause fällt schliesslich das so wichtige Anschlusstor: Junior Adamu erzielt das 1:2.

Junior Adamu erzielt das 1:2-Anschlusstor.

Junior Adamu erzielt das 1:2-Anschlusstor.

Claudio De Capitani/Freshfocus

Die Spannung ist zurück in diesem Cupfinal!

Nach der Pause wechselt Trainer Zeidler für Lüchinger Jérémy Guillemenot ein. In der 49. Minute verpasst Luzern nur knapp das 3:1. Auf der anderen Seite wirbelt nun Youan. In der 54. Minute sind die wenigen St.Galler im Stadion empört, als der Franzose im Strafraum zurückgehalten wird, ein Penaltypfiff von Schiedsrichter Lionel Tschudi aber ausbleibt.

In der 65. Minute dann wieder ein Rückschlag für die St.Galler: Sowohl Goalie Lawrence Ati Zigi als auch Leonidas Stergiou müssen verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Glücklicherweise hat Ersatztorhüter Lukas Watkowiak am Freitag beim 2:1-Sieg auswärts gegen Servette noch ein bisschen Spielpraxis erhalten. Für Stergiou kommt Euclides Cabral.

Bild: Keystone

Bei St.Gallen finden so wichtige Stützen wie Jordi Quintillà - in seinem letzten Spiel für St.Gallen - oder auch Lukas Görtler nie so richtig ins Spiel. Es liegt nicht am Einsatz, aber Einfluss nehmen können sie kaum. So gelingt es den Ostschweizern nach der Pause nicht, sich zu steigern: In der 70. Minute schliesslich fällt die Vorentscheidung, als sich St.Gallens Abwehr viel zu einfach aushebeln lässt und Pascal Schürpf für Luzern auf 3:1 erhöht:

Bild: Keystone

In der 85. Minute verhindert Watkowiak mit einer Glanzparade das 1:4. St.Gallen steckt nicht auf. Kurz vor dem Abpfiff wirft sich Görtler in einen Freistoss von Victor Ruiz, Luzerns Goalie Marius Müller trifft St.Gallens Mittelfeldspieler mit den Fäusten am Kopf. Görtler bleibt liegen, spielt dann aber weiter.

Am Resultat ändert sich nichts mehr. Wie schon 1998 verliert St.Gallen auch 2021 den Cupfinal.

Der Beste

Thody Élie Youan: Der 22-jährige Stürmer ist an beinahe jeden gefährlichen Situation der St.Galler beteiligt. Der Franzose ist in Form, wirbelt die Luzerner mehrmals durcheinander, einmal könnte es Foulpenalty geben, und er steht am Ursprung des Anschlusstreffers zum 1:2.

Lawrence Ati Zigi: Note 4. Bei den Gegentoren praktisch ohne Chance. Rettet einmal stark. Muss nach einer Stunde verletzt raus.
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Leonidas Stergiou: Note 4.5. An ihm liegt es nicht, dass die St. Galler in Schieflage geraten. Muss nach gut einer Stunde verletzt vom Platz.
Basil Stillhart: Note 4. Im Mittelfeld vor der Pause wenig inspiriert. Danach für Lüchinger in der Verteidigung besser im Spiel.
Jordi Quintillà: Note 3. Ein verzogener Weitschuss, ein missglückter Freistoss. Bei seinem Abschiedsspiel kann er keine Akzente setzen.
Jérémy Guillemenot: Note 3.5. Er versucht sich nach der Pause ins Spiel zu kämpfen. Das gelingt ihm aber nur ansatzweise.
Victor Ruiz: Note 4.5. Der aktivste Mittelfeldspieler. Über ihn läuft fast jeder Angriff.
Lukas Görtler: Note 3.5. Mit weniger Einfluss aufs Spiel, als man es sich von ihm gewöhnt ist. Nach der Pause verbessert.
Lukas Watkowiak: Note 4.5. Kommt nach gut einer Stunde für Zigi und kassiert gleich das 1:3. Rettet danach einmal stark.
Thody Élie Youan: Note 5. Sehr guter Auftritt, der aktivste St. Galler, mit vielen starken Einzelaktionen.
Miro Muheim: Note 2.5. Erstes Spiel nach seiner Verletzung – was er nicht verbergen kann. Agiert bei den Gegentoren zögerlich. Wirkt verunsichert.
Betim Fazliji: Note 4. Einige wenige Unsicherheiten, meist aber auf der Höhe seiner Aufgabe.
Nicolas Lüchinger: Note 3.5. Erzielt kurz nach Anpfiff per Weitschuss fast das 1:0. Kämpferisch stark. Defensiv macht ihm das Tempo aber zuweilen Probleme.
Chukwubuike Junior Adamu, Note: 4. Ihn sieht man wenig – bis er mit dem 1:2 die St. Galler wieder ins Spiel bringt.
Boris Babic: Kurz im Spiel, keine Bewertung.
Kwadwo Duah: Kurz im Spiel, keine Bewertung.
Euclides Cabral: Kurz im Spiel, keine Bewertung.

Lawrence Ati Zigi: Note 4. Bei den Gegentoren praktisch ohne Chance. Rettet einmal stark. Muss nach einer Stunde verletzt raus.

Der Schlechteste

Im ersten Spiel nach seiner Oberschenkelverletzung zieht Miro Muheim einen unglücklichen Tag ein. Bei den ersten beiden Gegentreffern kommt der Linksverteidiger jeweils einen Schritt zu spät.

Zog einen schwachen Tag ein: Miro Muheim, hier im Duell mit dem Luzerner Ibrahima Ndiaye.

Zog einen schwachen Tag ein: Miro Muheim, hier im Duell mit dem Luzerner Ibrahima Ndiaye.

Bild: Freshfocus

Der Schiedsrichter

Lionel Tschudi zieht den Unmut der St.Galler in der 52. Minute auf sich. Youan hat sich soeben in den Sechzehner gedribbelt, es gibt den Zupfer an seiner Schulter, der Stürmer fällt - doch die Pfeife von Tschudi bleibt stumm. Der VAR sieht offenbar keinen krassen Fehlentscheid und greift nicht ein. Ein Penaltypfiff wäre aber ebenfalls kein krasser Fehlentscheid gewesen. In den Schlussminuten wird Lukas Görtler von Goalie Marius Müller heftig angegangen. Auch hier hätte es Penalty geben können, denn Müller trifft nur den St.Galler.

Aufgefallen

Kurt Grünig vor dem Wankdorf.

Kurt Grünig vor dem Wankdorf.

Michel Canonica

52 Jahre sind vergangen, seit der FC St.Gallen letztmals den Cup gewonnen hat. 1969 bezwangen die Ostschweizer im Wankdorf Bellinzona mit 2:0. Zweifacher Torschütze war Rudi Nafziger, Vorbereiter beider Treffer Captain Kurt Grünig. Auf Einladung des FC St.Gallen wohnt der unterdessen 77-jährige Grünig am Pfingstmontag dem Endspiel zwischen St.Gallen und Luzern bei.

Die Zuschauer

Spärlich besetzte Ränge im Wankdorf.

Spärlich besetzte Ränge im Wankdorf.

Urs Lindt/Freshfocus

100 Zuschauerinnen und Zuschauer sind im Stadion. Je 40 Tickets wurden laut der Website von SRF an beide Klubs verteilt: Für verletzte Spieler und solche, die nicht im Kader sind. Der Rest des Kontingents ging an Aktionäre, Verwaltungsräte sowie Sponsoren und im Fall der St.Galler auch an Stadtpolitiker wie Maria Pappa. Nicht einmal Angehörige der Spieler sind im Stadion. 15 Tickets gingen an den Schweizerischen Fussballverband: Diese Plätze wurden von Offiziellen aus dem Zentralvorstand, der Geschäftsleitung sowie Vertretern aus den Regionalverbänden besetzt. Ehrengäste wie Bundesräte durften nicht ins Wankdorf. Die letzten fünf Tickets erhielten die Schiedsrichter.

Derweil fieberten in St.Gallen zahlreiche Fans in Bars und Restaurants mit ihrem FCSG mit – die Bilder in unserer Galerie:

24 Bilder

Bild: Benjamin Manser

Die Reaktionen

Peter Zeidler: «Ich kann jetzt so kurz nach dem Schlusspfiff noch keine komplette Analyse geben. Vielleicht war dann doch zu viel um dieses Spiel herum und wir haben es nicht geschafft, mit den Emotionen umzugehen. Mit der 3:1-Führung hatte Luzern in jedem Bereich Oberwasser. Eine Schiedsrichterdiskussion möchte ich jetzt aber nicht führen. Wir haben nicht so gespielt, dass wir es verdient hätten, Cupsieger zu sein. Heute müssen wir neidlos anerkennen, dass Luzern technisch und taktisch besser war.»

Fabio Celestini: «Ich bin sehr stolz für die Jungen, es ist ein Sieg der Gruppe. Seit 14 Monaten sind wir zusammen, und jetzt das. Früh schlafen gehe ich heute sicher nicht.»

Das Spiel im Liveticker nachlesen: