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Grünweisse Euphorie im Espenblock. (Bild: Hannes Thalmann)

Grünweisse Euphorie im Espenblock. (Bild: Hannes Thalmann)

Von Fanliebe auf Holzbrettern - zehn Erinnerungen ans Espenmoos

Heute vor zehn Jahren pilgerten das letzte Mal 11'300 Fans ins Espenmoos. Am 20. Mai 2008 verabschiedete sich der FC St.Gallen nicht nur aus der NLA, sondern auch von seinem Stadion, in dem er fast ein Jahrhundert lang seine Heimspiele ausgetragen hatte. Zehn Jahre nach dem Auszug aus dem "Hexenkessel" schwelgen zehn Tagblatt-Redaktorinnen und -Redaktoren in ihren schönsten Espenmoos-Erinnerungen.

Zamoranos letztes Spiel

Martin Oswald, Leiter Online

Martin Oswald, Leiter Online

Es war ein Trauertag im Sommer 1990 in St.Gallen. Der grösste Fussballer, der je das grünweisse Trikot tragen sollte, verabschiedete sich von seinen Ostschweizer Fans. Es war klar, dass ein Stürmer wie er, nicht lange beim FCSG bleiben würde. Die grossen Klubs waren längst auf den Torschützenkönig der Schweizer Liga aufmerksam geworden. Ein letztes Mal noch jubelten wir ihm im Stadion frenetisch zu.

Nach Spielschluss warteten wir wie immer in dieser Saison hinter der alten Espenmoos-Tribüne auf die Spieler. Durch das offene Kabinenfenster konnten wir ihren Gesprächen lauschen. Eine ganze Traube von Kindern und unsere Väter drängten sich vor dem Ausgang. Dann ging die Tür auf und der gefeierte Chilene wurde heftig bestürmt. Alle wollten ihn ein letztes Mal sehen, anfassen und ein Autogramm von ihm. Statt jedem eines in die Hand zu drücken warf er gleich mit seinen Karten um sich. Es hatte genug für alle. Glückliche Kinder, stolze Väter. Dann verschwand er begleitet von Werni Zünd in der Dunkelheit und ging zu Sevilla, dann zu Real Madrid ehe er sich Inter Mailand anschloss. Keiner würde je wieder seinen Kult-Status erlangen; es gibt nur einen Ivan Zamorano.

"Dä Christof suecht sin Papi"

Christof Krapf, Redaktor Online

Christof Krapf, Redaktor Online

An diesem Tag 1994 stieg der FC St.Gallen nach nur einer Saison Zweitklassigkeit in die NLA auf. Ich war als Achtjähriger natürlich dabei und wollte nach dem Schlusspfiff – wie viele andere Zuschauer – auf dem Rasen mit Eric Pédat, Aziz Bouderbala, Radoslaw Gilewicz und Co. den Aufstieg bejubeln. Mein Vater erlaubte mir das grosszügig. Er und mein Grossvater wollten auf mich warten. Blöd war nur, dass ich seine Erklärung zu unserem Treffpunkt nach dem Jubeln in der Euphorie nicht mehr gehört hatte. Bald wurde aus der Aufstiegsfreude Angst: Weinend stand ich auf dem Rasen, suchte verzweifelt meinen Vater. Bis mich ein Zuschauer aufgabelte und zur Speakerkabine brachte. "Dä Christof suecht sin Papi" dröhnte aus den alten Lautsprechern; bald darauf holte mich mein Vater ab. Ich weinte wohl vor lauter Erleichterung noch ein bisschen weiter.

Leider waren meine um ein paar Jahre älteren Cousins ebenfalls im Stadion und hörten die Durchsage. Noch heute ziehen sie mich manchmal auf. Auch deshalb vergesse ich "Dä Christof suecht sin Papi" nie mehr.

Abschied aus unserer zweiten Stube

Patricia Loher, Leiterin Sport

Patricia Loher, Leiterin Sport

Die Geschichte des Espenmoos neigte sich dem Ende zu. Nach 20 Jahren hiess es langsam Abschied zu nehmen von unserer zweiten Stube, in die uns Vater und Onkel noch als Kinder geführt und die wir so lieb gewonnen hatten. Emotionen kamen vorerst kaum auf. Wir sahen das pragmatisch. Denn, so sagten wir uns, alles hat einmal ein Ende. Wir freuten uns auf die besseren sanitären Anlagen im neuen Stadion, auf Toiletten, die diesen Namen auch verdienten. Das Provisorium hinter der Gegentribüne hatten wir mehr als einmal verflucht. Für Frauen, so waren wir uns einig, bringe der Umzug in den Westen der Stadt nur Vorteile mit sich.

Wir vier Schwestern waren freudig gestimmt – ehe die Zweitjüngste in unserem Bund nach einem Moment des Schweigens doch noch ihr Handy zückte, Bilder knipste und sagte: "Sonst werden unsere Kinder und Enkelkinder nie wissen, wie unglaublich schön es hier war."

Das erste Spiel mit Papa, das erste Spiel als Papa

Daniel Walt, Stv. Leiter Online

Daniel Walt, Stv. Leiter Online

Espenmoos, Samstagabend, 17.30 Uhr: Das war Magie pur ab jenem Moment, an dem ich als Primarschüler an Papas Hand zum ersten Mal ein Heimspiel des FC St.Gallen besuchte. Ein Match gegen Bulle war es. Braschler traf, St.Gallen gewann. Wir standen ab dann immer direkt hinter dem Tor, auf der ungedeckten Holzbretter-Tribüne: Didi Metzlers Flügelläufe, Helikopter, Hampi Zwicker…

In den Jugendjahren dann verfolgte ich die Spiele mit Kantifreunden. Und zwar dort, wo es sich für einen Teenager gehört – im Fanblock. Die Euphorie rund um Zamorano, Rubio und Mardones im Herbst 1989, Abstieg 1993, der Wiederaufstieg mit Tiefenbach und Gilewicz ein Jahr später…

Dann, als rassistische Sprechchöre und Bananenschalen-Würfe gegen farbige Spieler zur Tagesordnung wurden, zog ich weiter. Mein neuer Stehplatz war in der Mitte bei der Gegentribüne: die Euphorie rund um den Meistertitel, der Niedergang unter Castella, Peischls Gruppe Wald… Schliesslich wechselte ich auf einen Gegentribünen-Sitzplatz: Flüchtige Euphorie unter Rolf Fringer, Blamage gegen Dacia Chisinau, Abstieg und die Schande vom Espenmoos.

Die Leidenschaft für Grünweiss lebt auch im neuen Stadion im Westen der Stadt. Es ist dort aber unpersönlicher, kälter als im Espenmoos. Ausser wenn beim Abspielen des Clubmanifests kurz vor Anpfiff jeweils die Sätze "Wir sind das erste Spiel mit Papa. Wir sind das erste Spiel als Papa" ertönen. Das erste FCSG-Heimspiel als Vater gemeinsam mit meinem Sohn steht mir noch bevor. Ich freue mich unendlich darauf. Aber: Könnte es doch im Hexenkessel Espenmoos stattfinden!

Mini-Espenmoos im Garten

Stephanie Martina, Redaktorin Online

Stephanie Martina, Redaktorin Online

Es war kein Schlusspfiff, wie jeder andere: Es war ein Schlusspfiff, der nicht nur ein Spiel, sondern eine ganze Ära beendete. Die Espenmoos-Ära. Kein Wunder, dass sich viele der 11'300 Besucher noch ein Andenken an dieses wunderbare Stadion sichern wollten. Und so kam am 20. Mai 2008 ein ganzes Stadion in Plünder-Laune. Ich ergatterte mir ein Stück Espenmoos-Rasen. Etwa 30 Zentimeter lang und 15 Zentimeter breit.

Sofort stand fest: Dieses Rasenstück bekommt im Garten einen Ehrenplatz. Dieser war schnell gefunden, doch etwas fehlte: Wie sollte jemand wissen, dass es sich bei diesem Gras nicht um hundskommunes, sondern um originales, echtes Espenmoos-Gras handelt? Ganz klar: Um den Wiesenfleck von seinem Unkraut-Flair zu befreien, musste eine Tribüne her. Kurzerhand wurde ein runder, tönerner Unterteller für Pflanzentöpfe in zwei geschlagen – und schon war die halbkreisförmige Haupttribüne geboren. Das Mini-Espenmoos war komplett - und feiert übrigens genau heute seinen zehnten Geburtstag.

Espenmoos-Feeling pur: Die Gegentribüne des Stadions mit Blick auf den Fansektor. (Rainer Bolliger)
Die St.Galler Fankurve im Espenmoos war berühmt-berüchtigt. (Trix Niederau)
Der Stehplatzsektor, in dem auch die Gästefans waren. (Rainer Bolliger)
Bereits im Espenmoos kamen die Cheerleader des FC St.Gallen zu Pauseneinsätzen. (Michael Freisager)
Ja, auch diese Szene spielt im Espenmoos - und zwar bei einer Partie des FCSG im Jahr 1911. (Archiv)
Blick aufs Espenmoos im Jahr 1932. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Die alte Haupttribüne in den 1950er-Jahren. (Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)
Im März 2006 war das Espenmoos von einer dicken Schneeschicht bedeckt. (Michel Canonica)
Bereits im Espenmoos begeisterten die St.Galler Fans mit tollen Choreographien. (Trix Niederau)
Frenetische Unterstützung war dem FC St.Gallen im Espenmoos gewiss. (Ralph Ribi)
"Ein Leben lang stolz auf Euch": Die St.Galler Fans feiern im Frühjahr 2000 ihre Meisterhelden. (Hannes Thalmann)
Grenzenlose Enttäuschung nach dem Abstieg im letzten Spiel im Espenmoos im Mai 2008. (Hanspeter Schiess)
Die Wut der Anhänger über den Abstieg und die massive Polizeipräsenz entlud sich nach Spielschluss in Ausschreitungen. (Ralph Ribi)
Ein Bild der Zerstörung nach dem letzten Spiel im Espenmoos. (Reto Martin)
Ein letzter Blick auf den St.Galler Fansektor im Mai 2008. (Reto Martin)
Selbst auf den Stehrampen verewigten sich die Fans. (Ralph Ribi)
Ein Satz, den wohl die meisten Espenmoos-Gänger unterschreiben würden: Espenmoos für immer! (Ralph Ribi)
Der Abbruch des legendären Quartierstadions begann kurz nach dem Abstieg. (Ralph Ribi)
Bagger rissen die Tribünen im Espenmoos ein. (Ralph Ribi)
Blick in den neu gestalteten Bereich des Espenmoos, das mittlerweile eine Breitensport-Anlage ist. (Hanspeter Schiess)
Unverkennbar: Die Haupttribüne des Espenmoos besteht bis heute. (Urs Jaudas)
Blick von der Haupttribüne des Espenmoos, die bestehen blieb, auf den grünen Rasen. (Reto Martin)
Hopp Sanggalle! (Ralph Ribi)
23 Bilder

Vor zehn Jahren zog der FC St.Gallen aus dem Espenmoos aus

Vom Bierbalken und Wildpinkeln

Johannes Wey, Teamleiter Gossau/Region St.Gallen

Johannes Wey, Teamleiter Gossau/Region St.Gallen

Das Espenmoos war wild, laut, legendär – und unbequem. Wer das Spiel stehend im Sektor Süd verfolgen wollte, der überlegte sich am besten schon vor Spielbeginn, wie gross sein Durst sein wird. Je näher der Anpfiff rückte umso weniger gab es ein Durchkommen vom oberen Tribünenrand zum Bierstand. Also hiess es hamstern und zwei, drei Mal treppensteigen, um danach einen Platz unter einem der Stahlträger des Tribünendachs zu ergattern. Darauf konnte man nämlich die Reserven bestens zwischenlagern, um nach Spielschluss mit einem schalen Bier auf den Sieg oder doch eher auf die Niederlage anzustossen. Auch ein WC-Besuch während des Spiels war undenkbar, wenn man danach wieder an seinen angestammten Platz wollte. Also erleichterte man sich an der hinteren Tribünenwand.

Das Espenmoos war auch ein gefährlicher Ort. Die Stehrampen bestanden jeweils aus zwei parallelen Holzplanken. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie während eines Spiels plötzlich eine dieser Planken entzwei brach und hinunterstürzte. Glücklicherweise konnten sich alle Zuschauer auf der hinteren, intakten Planke halten.

Mein erste Spiel im Espenmoos

Ruben Schönenberger, Leiter Toggenburg Medien

Ruben Schönenberger, Leiter Toggenburg Medien

Mein erstes Spiel im Espenmoos war gleichzeitig das letzte Spiel der Saison 1994/95. Der FC St.Gallen empfing zuhause den FC Solothurn. Ein Sieg war Pflicht, wollte man dem Abstieg in die Nationalliga B entrinnen. Rund ums Stadion verkauften unzählige Helfer Aufkleber, weil auch die finanzielle Situation wieder mal angespannt war. Es ging alles gut aus. St.Gallen gewann 3:0 und auch finanziell ging's zum Schluss irgendwie auf.

Mit meinen neun Jahren habe ich damals nicht wirklich begriffen, was da alles los war. Ich wollte einfach Fussball schauen. Erst Jahre später, als ich mit dem FC St.Gallen schon mehr als eine Enttäuschung erlebt hatte und mich langsam daran zu gewöhnen begann, wurde mir klar, wie typisch dieses erste Spiel doch war: Sportlich und finanziell immer nahe am Abgrund. Ob das jemals anders wird? Keine Ahnung. Ob ich's mir anders wünsche? Vermutlich nicht. Erfolge schätzt man mehr, wenn sie selten sind.

Der Abschied war der Anfang

Larissa Flammer, Redaktorin Ressort Thurgau

Larissa Flammer, Redaktorin Ressort Thurgau

Das letzte Spiel im Espenmoos habe ich im Fernsehen mitverfolgt. Es war mein Geburtstag, wir haben verloren, sind abgestiegen. Die Bilder, die nach Spielschluss über den Bildschirm flimmerten, sind mir geblieben. Ein trauriger Geburtstag. Es war das erste Mal, dass ich mit dem FC St.Gallen mitgelitten habe. Um die Espenmoos-Ära noch hautnah miterlebt zu haben, bin ich leider zu jung. Doch dieses traurige erste Spiel hat meine Leidenschaft entfacht. Seit der ersten Saison im neuen Stadion bin ich regelmässig an Spielen dabei – egal ob in St.Gallen, Sion oder Moskau. Doch das Espenmoos fehlt in meinem Palmarès.

"S’isch Match"

Odilia Hiller, Leiterin Ostschweiz am Sonntag

Odilia Hiller, Leiterin Ostschweiz am Sonntag

"S’isch Match." Der Satz birgt für viele FCSG-Fans Glücksgefühle und tausend andere Emotionen. Gefühle, die ich so nie kennenlernte. "S’isch Match" war in meiner Kindheit eine nüchterne Feststellung nach einem Blick aus dem Fenster meines Elternhauses. Oder, bei offenem Fenster, nach dem Aufbranden des Jubels. Wir wohnten direkt gegenüber vom Espenmoos. Dazwischen lag nur das Steinachtobel. Und so tief sich die Steinach durch die bewaldete Furche Land gräbt, so tief war der Graben zwischen uns und dem Fussball. Das ist kein bisschen böse gemeint. Es gab keinerlei schlechte Gefühle demgegenüber, was sich unter den hellen Leuchten des Stadions abspielen mochte. Blankes Desinteresse trifft es eher.

Und so erinnere ich mich an eine Kindheit ausserhalb des Espenmoos. Zwar hörten wir den Jubel und lebten in einer Blechlawine, sobald es "S’isch Match" hiess. Wir sahen die grünweissen Väter und Söhne, wie sie ihrem Wochenendritual nachgingen. Kein einziges Mal fragte ich mich, ob ich da eigentlich auch mitlaufen sollte. Es war ein Schauspiel, das andere aufführten. Manchmal schnappte ich am Montag in der Schule etwas davon auf, was im Innern des Stadions geschehen war. Ein Name kam besonders oft vor: "Zamorano". Ich glaube, das war ein chilenischer Fussballspieler. Irgendetwas war mit dem.

Zmittag auf Espenmoos-Brettern

Manuel Nagel, Redaktor Ressort Amriswil/Bischofszell

Manuel Nagel, Redaktor Ressort Amriswil/Bischofszell

Ich habe mein ganz persönliches Stück Espenmoos in meinem Esszimmer stehen. Als die letzten Lichter gelöscht und die Tränen über den Verlust meines zweiten Zuhauses getrocknet waren, beschloss ich, Bretter von der Stehrampe der Südkurve mitzunehmen, bevor die Bagger alles niederreissen. An mehreren Abenden fuhr ich mit dem Zug nach St.Fiden, schraubte die Fünf-Meter-Bretter ab und transportierte sie im Thurbo-Zug heim - inklusive der argwöhnischen Blicke der anderen Zugpassagiere.

Geplant war eine Sitzbank für den Garten oder so was in der Art. Aber dann schlug ein Bekannter, ein Schreiner, vor, doch etwas "Schönes" daraus zu machen. So half er mir - also eigentlich half ich ihm - aus den insgesamt 35 Laufmetern Espenmoos-Stehrampe eine Esszimmergarnitur mit Tisch, zwei Bänken und zwei Hockern zu schreinern. Leider musste die Espenmoos-Patina weggehobelt werden, denn wer will schon beim Essen einen zerdrückten Kaugummi oder unzählige Fussabdrücke von Leuten, die "Wer nöd gumpet isch kein Sangaller" skandierten, vor sich haben. Auch wenn man die Herkunft des Tisches nicht mehr sieht, in meinem Herzen weiss ich, dass ich jeden Tag an einem historischen Stück sitze und esse. Da schmeckt das Essen gleich doppelt so gut.

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