FCSG: Kann man gegen den Trainer spielen?

Die ketzerischen Fragen mögen nach dem jüngsten Absturz des FC St. Gallen erlaubt sein: Spielt die Mannschaft gegen Trainer Joe Zinnbauer? Geht das überhaupt, gegen seinen Coach spielen?

Christian Brägger
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Hat FCSG-Coach Joe Zinnbauer noch Rückhald in der Mannschaft? (Bild: Keystone)

Hat FCSG-Coach Joe Zinnbauer noch Rückhald in der Mannschaft? (Bild: Keystone)

Grundsätzlich lauten die Antworten «nein», weil bei Niederlagen nach Auftritten wie gegen Thun alle Profis schlecht wegkommen, sich damit ins eigene Fleisch schneiden würden. Und weil ein Team auch im Anschluss an Trainerwechsel nach einer gewissen Zeit oft wieder ins selbe oder in ein ähnliches Fahrwasser gerät – als aktuelles Beispiel kann die Freistellung von Sion-Coach Peter Zeidler dienen. St. Gallens Sportchef Christian Stübi jedenfalls sagt: «Die Mannschaft ist nicht tot und hat nach dem 0:2-Rückstand eine Reaktion gezeigt. Wäre das Team leblos, wäre es untergegangen.»

Dennoch wäre es ein Experiment wert, wie viel weniger Leidenschaft und vielleicht auch Einstellung reichen, bis ein Gegner, dem man gewachsen sein müsste, Oberwasser erhält. Weil dann der letzte Schritt fehlt, die Bereitschaft, an und über die Schmerzgrenze hinaus zu gehen. Weil man sich dann nicht mehr bedingungslos für seinen Verein zerreisst, wie man so schön sagt. Wer ins St. Galler Team hineinhört, erkennt neben der Verunsicherung auf dem Feld auch ein gewisses Mass an Unzufriedenheit. Eine Unzufriedenheit, die dazu führen kann, dass man mit dem Trainer nicht mehr eins ist. Dass man zwar nicht gegen ihn spielt, aber auch nicht mehr für ihn. So heisst es heute beispielsweise, das System mit der Dreierkette funktioniere nicht mehr
so einwandfrei wie damals im Herbst, als sie eingeführt wurde; weil nicht mehr hoch genug verteidigt werde und die Aussenläufer zu tief stünden.

Mentalitätsunterschied als Faktor?

Zinnbauer ist ein akribischer Coach, lässt viele Trainings durch den Videoanalysten aufnehmen, bespricht Szenen mit den Spielern immer und immer wieder. Wobei Grundlegendes, Einfaches des Fussballs bisweilen auf der Strecke bleibt. Und letztlich Individualität, Kreativität und natürlicher Spielfluss verloren gehen, da das taktische Schema, in das die Spieler gepresst werden, an oberster Stelle steht. Zinnbauer hat als Deutscher eine deutsche Mentalität, deswegen hat man ihn geholt, sie ist geprägt von Disziplin und unbändigem Siegeswillen. Der Trainer ist von sich überzeugt und sehr ehrgeizig. Falls nötig, tritt er den Spielern auch auf den Schlips, was vor allem die Akteure der zweiten Reihe zu spüren bekommen. Es heisst, es fehle Zinnbauer gerade im Umgang mit jenen Spielern manchmal Fingerspitzengefühl. Zwar seien es meist Kleinigkeiten, doch sie würden sich – wie alles – mit der Zeit einbrennen.

Dabei ist das ganze Gefüge wichtig. Und vielleicht liegt darin ja auch eine Erklärung dafür, dass das Wechselsystem des Trainers nur selten funktioniert. Jedenfalls zeigt das Team nach 21 Monaten Abnützungserscheinungen, und Christian Stübi sagt: «Wir besprechen die Dinge intern. Ich kann nur soviel sagen: Ich habe die Spieler nach dem 1:2 gegen
Thun zusammengenommen. Und Klartext gesprochen.»