FC Basel
FCB-Sportdirektor Heitz: «Wir Basler müssen das Verlieren wieder lernen»

Seit Georg Heitz (46) beim FC Basel arbeitet, wurden die Basler sechs Mal in Folge Meister. Im Interview sagt der frühere Journalist und Fifa-Mitarbeiter: «In zehn Jahren bin ich sicher nicht mehr FCB-Sportdirektor.»

François Schmid-Bechtel
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«Ich glaube, dass die Grasshoppers uns noch gefährlich werden können», sagt Georg Heitz.

«Ich glaube, dass die Grasshoppers uns noch gefährlich werden können», sagt Georg Heitz.

Keystone

Wann waren Sie letztmals emotional berührt?

Georg Heitz: Am vergangenen Sonntagabend beim Spielen mit meiner Nichte und meinem Neffen.

Was hat Sie dabei berührt?

Sie waren verärgert, weil sie das Spiel verloren haben. Und ich möchte nicht, dass sie deswegen traurig sind.

Was hat sie zuletzt beruflich emotional berührt?

Der Abschied von Mohamed Elneny, weil er ein spezieller Spieler ist. Er kam vor drei Jahren aus einer anderen Welt nach Basel und ist jetzt wieder in eine andere Welt gegangen. Elneny hat sich bei uns so entwickelt, dass er bereit ist für England – das hoffe ich zumindest.

Kann man die Situation vergleichen mit dem eigenen Sohn, den man aufzieht und dann in die grosse, weite Welt entlässt? Macht das stolz?

Mohamed Elneny wechselte im Januar zu Arsenal.

Mohamed Elneny wechselte im Januar zu Arsenal.

Keystone

Der Vergleich mit dem Kind hat was: Wir haben Elneny erwachsen gemacht, jetzt ist er ausgezogen. Aber Stolz? Das ist ein heikler Begriff – stolz kann man eigentlich nur auf die eigene Leistung sein. Wir haben Freude, ihm das Umfeld geboten zu haben, in dem er sich zu einem Spieler von Arsenal London entwickeln konnte. Zur grossen Freude gesellt sich aber auch die Trauer darüber, ihn als Mensch und als Sportler zu verlieren. Vom FC Basel wird erwartet, dass er international jedes Jahr neue Meilensteine setzt. Wenn man jedes Jahr die besten Spieler verliert, ist es auf Dauer unmöglich, immer wieder neue Grenzen auszuloten.

Wie äussern sich bei Ihnen die Emotionen, wenn ein Spieler wie Elneny den FCB verlässt? Fliessen die Tränen? Oder greifen Sie zum Frustbier?

(lacht) Weder noch. Wie in jeder Beziehung, die zu Ende geht, sieht man beim Abschied vor dem inneren Auge gewisse Bilder: etwa von Elnenys erstem Training beim FCB – auf einem windigen Platz in Spanien. Das Training war nur wenige Minuten alt, als Philipp Degen mitten in einer Übung zu Präsident Bernhard Heusler und mir an den Spielfeldrand eilte und sagte, den Elneny müsse man unbedingt verpflichten, der sei so gut. Elnenys erstes sportliches Highlight war das Rückspiel im Europa-League-Viertelfinal gegen Tottenham, als er erstmals die von ihm zuletzt gewohnte Dominanz zeigte. Oder als er Vater wurde und mit seinem Sohn nach den Spielen in der Kabine auftauchte.

Gegen aussen wirken Sie und Präsident Bernhard Heusler immer sehr rational. Ist das ehrlich?

Emotionen verleiten zu Fehlern, das ist die ganz grosse Gefahr in unserem Geschäft. Aber selbstverständlich haben auch wir Emotionen und müssen die immer wieder hintenanstellen. Emotionen sind kein guter Ratgeber. Entscheiden muss man rational, auch wenn das manchmal schwer fällt.

Wie waren Ihre Emotionen, als nach dem Transfer von Renato Steffen ein Shitstorm über den FCB hereinbrach?

Schön ist das nicht, klar. Aber es war nicht das erste Mal, dass ein Transfer für Aufregung gesorgt hat, man gewöhnt sich auch daran. Je mehr Fans ein Verein hat, desto unterschiedlicher sind die Meinungen. Und dann ist da noch der Leserbrief-Effekt: Es äussern sich mehrheitlich jene, die unzufrieden mit der Situation sind. Aber...

Ja?

Es tut mir leid für den Spieler, wenn so etwas passiert. Wir fühlen uns schliesslich verantwortlich für unsere Spieler.

Welche Rolle hat der drohende Shitstorm gespielt bei den Verhandlungen mit Steffen? Er ist ja ein sensibler Mensch.

Nicht alle Basler Fans waren mit dem Transfer von Renato Steffen einverstanden.

Nicht alle Basler Fans waren mit dem Transfer von Renato Steffen einverstanden.

Keystone

Wir haben ihn darauf vorbereitet, dass sich etwas zusammenbraut. Viele der Unmutsäusserungen sind im Grund an uns Entscheidungsträger gerichtet, Steffen ist einfach der Blitzableiter. Vielleicht sind die Menschen auch zu verwöhnt von den vielen Erfolgen des FC Basel, so dass man das Haar in der Suppe zwanghaft suchen muss. Ich komme aus einer Zeit, in der die FCB-Fans froh waren, dass man einen Nestor Subiat für ein halbes Jahr ausleihen konnte, weil er beim grossen GC überzählig war. Heute holen wir von einem unserer Hauptkonkurrenten einen der besten Spieler, das zu wirtschaftlich vorteilhaften Bedingungen – und trotzdem sind einige unzufrieden damit.

Trotzdem: Hinterfragen Sie die Entscheidung, wenn der Shitstorm eintrifft?

Nein. Wenn wir einen Entscheid gefällt haben, sollten wir uns nicht wieder hintersinnen. Wir kennen bei jedem Transfer die Hintergründe und wissen genau, warum wir etwas tun. Es herrscht ein Mangel an Schweizer Topspielern, die für uns überhaupt in Frage kommen. Oft gehen sie von anderen Schweizer Klubs direkt ins Ausland, was es für uns unglaublich schwierig macht. Es werden dann teils astronomische Summen gefordert. Es wird immer schwieriger für uns, Schweizer Spieler zu holen – trotzdem ist es für uns wichtig, einen Grundstock an Schweizern zu haben.

Wieso?

Es geht dabei auch um die Kommunikation zwischen Mannschaft und Publikum, die unter anderem via Medien stattfindet. Als Paulo Sousa Englisch zur FCB-Amtssprache erklärte, waren nicht nur die Journalisten, sondern auch gewisse Zuschauer damit unglücklich. Kommt dazu: Ein Schweizer Spieler weiss ganz genau, was ihn beim FCB erwartet. Er weiss, dass der Meistertitel das Ziel ist. Er kennt die Atmosphäre im Stadion. Für solche Spieler ist der FCB ein wichtiges Etappenziel in ihrer Laufbahn. Für ausländische Spieler ist der FCB oftmals der erste Klub ausserhalb der Heimat, aber kein ganz so bedeutendes Etappenziel wie für einen Schweizer.

Es sind also die Schweizer, die den FCB-Karren reissen müssen?

Am Ende des Tages entscheidet immer die Leistung auf dem Platz: Beispielsweise Marek Suchy leistet hervorragende Arbeit, seit er vor zwei Jahren zu uns stiess. Der Fussball ist eine globale Welt geworden. Es ist völlig normal, dass eine Mannschaft nicht mehr zu 90 Prozent aus einheimischen Spielern besteht.

Sie haben Paulo Sousa und das Englisch angesprochen: Würden Sie noch einmal einen Trainer holen, der kein Deutsch spricht?

Ich will das nicht ausschliessen. Der Trainermarkt in der Schweiz ist überschaubar. Wenn wir uns da einschränken, verbauen wir uns womöglich spannende Optionen. Aber direkt nach Paulo Sousa wieder einen Trainer ohne Deutschkenntnisse einstellen, das hätten wir nicht gemacht.

Sie haben nach dem Abgang von Paulo Sousa gesagt, dass Sie sich hinterfragen und nach Fehlern suchen, warum der FCB nach einem Jahr wieder einen neuen Trainer suchen musste. Wie fällt ein halbes Jahr später Ihre Antwort aus?

Wechselt nach nur einem Jahr in Basel nach Italien: Paulo Sousa.

Wechselt nach nur einem Jahr in Basel nach Italien: Paulo Sousa.

Keystone

Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: War die Schweiz reif für einen Trainer wie Paulo Sousa? Rückblickend glaube ich, dass es richtig war, ihn einzustellen. Das erste halbe Jahr war sicher besser als das zweite. Wobei wir deutliche Anzeichen hatten, dass es ihn weiterzieht – und Beziehungen, deren Ende absehbar ist, pflegt man nicht mehr mit der letzten Sorgfalt. Zu Ihrer Frage: Natürlich sind wir nicht vor Fehlern gefeit. Und wir haben auch bei Paulo Sousa Fehler gemacht.

Haben Sie auch bei Zdravko Kuzmanovic Fehler gemacht? Haben Sie in ihm etwas anderes gesehen als das, was er wirklich ist?

Er hat sich selber einen unheimlichen Druck gemacht. Er hatte bei uns vom ersten Tag an das Gefühl, er sei derjenige, der am kräftigsten am Wagen ziehen müsse. Aber er war weder physisch noch mental bereit dazu. Die Hierarchie im Team wird über die Leistung auf dem Platz geregelt – da gab es sicher eine Diskrepanz. Es war eine Personalie, die nicht aufgegangen ist. Wir hätten ihm gerne mehr Zeit gegeben, aber eine weitere Zusammenarbeit war zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr möglich.

Der FCB lebt in einem Spannungsfeld: Einerseits die starke Verwurzelung mit der Region. Anderseits will der FCB wachsen und internationaler werden. Wie meistern Sie den Spagat zwischen Folklore und Wachstum?

Das ist eine gute Frage, aber wahnsinnig schwierig zu beantworten. So wie der FCB heute aufgestellt ist und funktioniert, muss er weitsichtig sein, um das Level zu halten. Gleichzeitig versuchen wir, den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren und so nah wie möglich beim Volk zu sein. Professionalität und Volksnähe aber beissen sich manchmal. Das ist in der Tat eine Schwierigkeit.

Hier die Erfolge, dort der Shitstorm, wenn mit Steffen ein umstrittener Spieler verpflichtet wird. Ist das FCB-Gebilde wackliger geworden?

Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass viele Menschen Freude am FC Basel haben. Wir haben bereits wieder so viele Jahreskarten verkauft wie im vergangenen Jahr. Aber wir müssen aufpassen, dass wir Basler – inklusive wir vom FC Basel – nicht in eine Selbstverständlichkeit verfallen, in der nach einer Niederlage eine Welt zusammenbricht. Verlieren müssen wir wieder lernen. Von uns wird inzwischen sehr viel erwartet, das Ausscheiden in der Champions-League-Qualifikation haut uns die Öffentlichkeit noch heute um die Ohren. Dann muss aber auch klar sein, dass der FCB nicht – bei aller Wertschätzung – funktionieren kann wie der FC Nordstern.

Liegt für den FC Basel noch Wachstum drin?

Was verstehen Sie unter Wachstum?

Mehr Umsatz.

An ein, zwei Schrauben könnten wir noch drehen. Aber bei den internationalen Prämien und den Transfererlösen sind wir vermutlich am Limit angelangt. Um auf ein neues Level zu kommen, müssten wir sehr viel Geld in die Mannschaft investieren.

Kann denn die Super League auf ein höheres Level kommen?

Sie muss. Wenn man schaut, was rundherum abgeht. Ohne abschätzig sein zu wollen: Für uns ist der TV-Vertrag der Super League nicht budgetrelevant.

Und wird er wohl auch in Zukunft nicht sein...

Davon ist auszugehen. Nur zum Vergleich: Bei den Verhandlungen mit dem Arsenal-Vertreter haben wir ihn aufgefordert, er solle die nationalen TV-Einnahmen des FCB schätzen. Er überlegte ein Weilchen und sagte dann: 40 Millionen. Wir haben ihm dann gesagt, dass es leider nicht so sei, sondern etwa 30 Mal weniger. Darum müsse er noch mehr Geld bieten für Elneny (lacht).

Wie hat der Arsenal-Vertreter darauf reagiert?

Er konnte es kaum glauben. In seiner Welt gibt es 200 Millionen TV-Einnahmen. Wir erhalten durch die Abgabe der TV-Rechte und der Bandenwerbung rund 1,5 Millionen. Klar, England ist in diesem Bereich die Speerspitze. Aber die anderen Länder wie Deutschland müssen und werden nachziehen – und so den Abstand auf uns weiter vergrössern.

Denken Sie, dass die Super League in diesem Konzert auf Dauer mitspielen kann?

Ich sehe schon Möglichkeiten. Etwa das Modell, das Grosskonzerne die Klubs aufnehmen und alimentieren. Die Super League ist nach wie vor eine attraktive Liga, wenn man schaut, wie viele Spieler von hier in Topligen wechseln. Die Engländer sagen uns, sie beobachten sehr gerne Spieler in der Schweiz. Das sportliche Niveau ist gemessen an den finanziellen Möglichkeiten sehr hoch. Wir vereinen in der Super League verschiedene Kulturen. Aber mit der europäischen Spitze werden wir nie etwas zu tun haben.

Ein bei den Topklubs sehr begehrter Spieler ist Breel Embolo. War es so etwas wie das Meisterstück der aktuellen FCB-Führung, ihn trotz 30-Millionen-Angebot aus Wolfsburg nicht verkauft zu haben?

Nein. Und wenn, dann ist es das Meisterstück jener Personen, die ihn ausgebildet und betreut haben. Mit Betonung auf «betreut»: Breel hat lange in unserem Wohnhaus für Junioren gewohnt. Und wenn man sieht, welche Manieren er hat, kann man vor der Arbeit all seiner Betreuer, seiner Familie und Berater nur den Hut ziehen. Unser «Nein» zum Wechsel nach Wolfsburg war kein Muskelspiel. Es war für uns der falsche Moment, ihn jetzt ziehen zu lassen. Und es war in unseren Augen auch für ihn der falsche Moment, den FCB zu verlassen. Im Winter in eine grosse Liga wechseln ist viel schwieriger als im Sommer, weil wir in der Schweiz eine sehr lange Winterpause haben.

Aber Embolo wird im Sommer in Sachen «Ablösesumme für einen Schweizer Spieler» alle bisherigen Dimensionen sprengen.

Ich spreche im Zusammenhang mit ihm nicht gerne über Geld. Wir verkaufen keine Ware, sondern die Transferrechte an einem Menschen. In allererster Linie kommt es darauf an, was der Spieler will. Wir hatten damals für Xherdan Shaqiri ein deutlich höheres Angebot als jenes von Bayern München, aber Xherdan wollte nicht nach Russland. Der Transfermarkt ist kein Computerspiel. Primär stellt sich die Frage, wo der Spieler hin will. Danach ist es unsere Aufgabe, möglichst gut aus der Nummer herauszukommen.

Embolo wäre im Winter gerne nach Wolfsburg gegangen. Wie hat er den Entscheid aufgenommen?

Breel Embolo bleibt vorerst in Basel.

Breel Embolo bleibt vorerst in Basel.

Keystone

Sein Verhalten war ganz grosse Klasse.

Genauer?

Absolut gelassen. Er hat unsere Gründe verstanden und hat nicht im geringsten Anstalten gemacht, uns Probleme zu bereiten. Viele andere Spieler hätten das in einer solchen Situation gemacht. Er hat es glaubhaft akzeptiert, nicht nur vordergründig.

Aber Embolo hat eine Lohnerhöhung gefordert.

Auch das nicht. Aber er verdient ohnehin nicht schlecht.

Erhalten jene Personen, die Embolo beim FCB betreut und trainiert haben, eine Prämie, wenn er im Sommer für viel Geld verkauft wird?

Es gibt bei Eigengewächsen eine Vereinbarung mit der Nachwuchsstiftung: Sie partizipiert bei einem Verkauf mit einer Art Ausbildungsentschädigung. Einzelne Personen für ihre Verdienste rund um Embolo zu entlöhnen, wäre viel zu kompliziert und auch nicht gerecht.

Im zentralen Mittelfeld haben mit Elneny und Kuzmanovic zwei wichtige Spieler den FCB verlassen, mit Alexander Fransson wurde aber nur ein Spieler für diese Position geholt. Wir schliessen daraus, dass Sie sehr viel von Fransson halten.

Kuzmanovic Kuzmanovic verlässt den FC Basel nach nur einem halben Jahr wieder.

Kuzmanovic Kuzmanovic verlässt den FC Basel nach nur einem halben Jahr wieder.

Keystone

Natürlich, sonst hätten wir ihn nicht verpflichtet. Aber wir haben in diesem Winter nicht zum ersten Mal das Kader um zwei, drei Spieler verkleinert. In der Vorrunde ist die Belastung höher als in der Rückrunde. Und im Winter gibt es bei uns immer Spieler, die mit ihrer Situation unzufrieden sind. Letztes Jahr waren es mit Diaz, Serey Die und Sio ebenfalls drei Nationalspieler.

Nochmals zu Fransson – was kann er?

Soviel: Er ist ein spannender junger Spieler. Er ist Stammspieler in der schwedischen U21-Nationalmannschaft, war zuletzt das erste Mal beim A-Team – so ein Spieler hat Ambitionen. Aber ich hüte mich davor, Ihnen seine Vorzüge detailliert aufzulisten. Das könnte dem Spieler und mir schaden.

Der neue Stürmer Andraz Sporar überzeugte in der Vorbereitung mit seinen Abschlussqualitäten.

Natürlich hat er Qualitäten im Strafraum. Er bringt alles mit, was ein moderner Stürmer braucht. Aber man weiss bei einem Wechsel nie, wie es herauskommt. Sporar muss sich jetzt auf höherem Niveau beweisen.

Hatten Sie in der Winterpause eigentlich Zeit, Ferien zu machen?

Vor Weihnachten war ich ein paar Tage in den Bergen.

Wie meistern Sie die enorme Belastung, die Sie seit bald sieben Jahren als Sportdirektor haben? Nagt der Job langsam an den Kräften?

Es gibt Momente, in denen ich die Belastung spüre. Der Dezember und der Januar waren sehr intensiv. Aber der Job gibt mir auch sehr viel. Etwa wenn ich einem Spieler zum Vertrag bei Arsenal gratulieren darf oder wenn sich ein ganzes Stadion über das Team freut.

Wie lange sind Sie noch Sportdirektor des FC Basel?

Sicher nicht bis zur Pensionierung. Die Frage kann ich nicht genau beantworten, aber in zehn Jahren bin ich sicher nicht mehr FCB-Sportdirektor.

Würden Sie den Job auch bei einem anderen Klub machen?

Das hängt von den Strukturen bei einem allfällig interessierten Verein ab. Ich profitiere beim FCB sehr von den kurzen Entscheidungswegen.

Es wäre also möglich, Georg Heitz vom FCB loszueisen?

Was, wenn ich hier einmal entlassen werde? Dann müsste ich wieder irgendwo Arbeit finden. Man soll nie etwas ausschliessen. Aber nochmal: Ich profitiere hier enorm von den Strukturen.

Zum Beispiel?

Ich sitze in Slowenien und es geht um viel Geld, um Andraz Sporar zu verpflichten. Innerhalb von fünf Minuten bekomme ich von meinen Verwaltungsratskollegen in der Schweiz das Okay, die Offerte zu erhöhen. Bei anderen Klubs wird in einem solchen Fall erst einmal eine VR-Sitzung einberufen. Ich spüre viel Vertrauen seitens meiner Vorstandskollegen. Solche Arbeitsbedingungen als Sportdirektor finde ich nicht so schnell wieder.

Sie haben einst gesagt, dass es Sie beim FCB nur solange gibt, wie Bernhard Heusler Präsident ist. Setzen Sie damit nicht den Klub der Gefahr aus, dass bei Ihrem Abgang und jenem von Heusler die FCB-Erfolgsformel wegbricht?

Das glaube ich nicht. Wir haben auf der Geschäftsstelle viele hervorragende Leute und im Verwaltungsrat Kollegen, auf deren Rat wir hören. Aber ich denke, mir nach den vielen Jahren hier die Freiheit rausnehmen zu dürfen, beim FCB nicht unter einem anderen Präsidenten arbeiten zu wollen. Bernhard Heusler hat mich zum FCB geholt, also werde ich auch wieder mit ihm gehen – spätestens.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie einen Lehrgang für Sportchefs begrüssen würden. Bekamen Sie Reaktionen auf diese Aussage?

Nein. Aber ich bin dafür, potenziellen Sportchefs so etwas wie eine Einstiegshilfe in den Beruf zu bieten. Praktisch alle Sportchefs in der Schweiz, auch ich, haben den Job mittels «learning by doing» gelernt. Aber es ist ein Beruf, ein anspruchsvoller Beruf. Da erwarte ich schon, dass es dafür eine Ausbildung gibt.

Werfen wir noch einen Blick auf die Meisterschaft: Zu Saisonbeginn hat sich YB selber fast schon in die Rolle des Titelfavoriten gedrängt. Kam das dem FCB gelegen?

Und einige Medien haben YB zudem zum Meisterschaftsfavoriten ernannt. Gemessen an den finanziellen Möglichkeiten von YB eine korrekte Einschätzung: YB ist neben dem FCB jedes Jahr der Hauptfavorit auf den Titel. Es spiegelte aber auch die Sehnsucht nach einem anderen Meister wider. Aber: Mathematisch ist es weiterhin möglich, dass YB am Ende Meister ist.

Klar, aber es ist nicht realistisch.

Wir dürfen nie die Füsse hochlegen, sonst hören die Erfolge sofort auf. Vielleicht haben die vielen Trainerwechsel uns auch geholfen, geistig fit zu bleiben und optimale Rahmenbedingungen zu bieten.

Sind Sie erstaunt, dass der Abstand zur Konkurrenz bei Saisonhälfte bereits zehn Punkte beträgt? Vor allem in Anbetracht dessen, dass der FCB spielerisch keine überragende Vorrunde zeigte.

Auch das ist eine Luxusdiskussion. Wie viele Klubs und deren Fans wären glücklich, könnten Sie darüber diskutieren, auf welche Art und Weise die Tabellenführung entstanden ist? Stellen Sie sich das mal vor!

An diesem Luxus trägt einzig und allein der FCB «die Schuld».

Momentan finanziert sich der FCB selber. Aber es ist jedes Jahr ein Tanz auf der Rasierklinge, jedes Jahr! Und das erzeugt einen grossen Druck auf alle Angestellten. Uns hat die Beibehaltung des Erfolgs zu interessieren – und darum holen wir Spieler wie Renato Steffen. Wir haben eine grosse Verantwortung gegenüber unseren Angestellten und allen, die in irgendeiner Art am Erfolg partizipieren. Da geht es um Arbeitsplätze.

Wie beurteilen Sie die Saison von GC?

Als sehr gut bisher. Ich glaube auch, dass GC uns noch gefährlich werden kann.

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