FC St.Gallen: Mit Boris Babic fällt die Symbolfigur lange aus

Bislang ist es für den FC St.Gallen in dieser Spielzeit so gut gelaufen. Doch am Dienstag, kurz nach 9 Uhr, ereilte ihn eine veritable Hiobsbotschaft, mit der vielleicht Trainer Peter Zeidler in seinen schlimmsten Träumen gerechnet hatte, gewiss aber nicht der betroffene Spieler selbst.

Christian Brägger
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Boris Babic (rechts) im folgenschweren Auswärtsspiel in Luzern.

Boris Babic (rechts) im folgenschweren Auswärtsspiel in Luzern.

Martin Meienberger

Boris Babic, am Montag noch guter Dinge nach den MRI-Aufnahmen für sein rechtes Knie, hat sich am Sonntag beim 0:1 in der Partie gegen Luzern das vordere Kreuzband gerissen. Er wird nun mindestens sechs Monate ausfallen, mit dem Leader der Super League die verbleibenden 14 Spiele der Rückrunde verpassen wie auch den Beginn in die neue Saison. Ausgerechnet Babic, wenn nicht die, dann zumindest eine der massgeblichen Figuren des St. Galler Höhenflugs.

Babic erinnert sich nicht mehr so genau an seinen Misstritt nach ungefähr 15 Minuten, nach dem er sich auch behandeln lassen musste. In der Folge hatte der Stürmer zwar Schmerzen, doch das Adrenalin half, er biss auf die Zähne und zeigte ein unter diesen Umständen ansehnliches Spiel. Laut Zeidler beweise allein dies, was für ein Profi Babic sei.

«Solche Spieler wünscht man sich als Trainer.»

Erst als die Muskulatur erkaltete, wurde der Gedanke bei Babic stärker, etwas im Kniegelenk könnte nicht stimmen. Aber noch tags darauf war er guter Dinge, und er bleibt es bis heute trotz der Niedergeschlagenheit nach dem ärztlichen Befund; der Spieler hat schon zu viel erlebt in seiner noch jungen Karriere. «Es würde mir auch nichts bringen, die Verletzung zu hinterfragen, mein Kopf soll frei bleiben», sagt der Walenstadter.

Die Operation ist notwendig und wird schnell erfolgen

Schmerzen hat Babic nicht wirklich, das Kühlen und Hochlagern des geschwollenen, aber hämatomfreien Knies federt sie ab, doch durchstrecken kann er das Bein nicht. Auch das Gehen bereitet Mühe. Noch in dieser Woche wird mit der medizinischen Abteilung alles besprochen, die zwingend notwendige Operation soll schnell erfolgen. «Ich möchte positiv vorwärts schauen. Ich habe mich schon einmal zurückgekämpft, bin mental parat und werde alles dafür tun, physisch noch stärker zurückzukommen», sagt Babic.

Der 22-Jährige schöpft auch Kraft aus der Krankheit der Mutter, die an multipler Sklerose leidet. Er sagt:

«Ich weiss, wie es ist, wenn man an etwas lebenslang leidet. Von daher ist meine Verletzung relativ.»

Nur allzu gerne hätte Babic den ausverkauften Spitzenkampf gegen die Young Boys am Sonntag bestritten, «was für ein Wahnsinnsspiel wird das», sagt er. Sein Team werde jetzt erst recht versuchen, so lange wie möglich dort oben an der Tabelle zu bleiben.

Gleichwohl ist der Ausfall schlimm, ein Rückschlag gar für die St. Galler im Meisterrennen, in dem sie in dieser Saison so munter mitmischen und ein ernsthafter Kandidat für den Titel geworden sind. Diese Lücke ist damit nicht zu vergleichen mit den Absenzen von Musah Nuhu, Nicolas Lüchinger und Goalie Nico Strübi: Weil Babic eine tragende Säule des aktuellen Erfolgs gewesen war.

Zeidler: «Ein schwerer Schlag für das Team, für das Projekt und für den Spieler selbst»

Vor diesem Hintergrund spricht gerade auch Zeidler von einem «schweren Schlag für das Team, für die Saison, und vor allem für den Spieler selbst» und sagt, er könne es kaum fassen. Babic sei etwas Besonderes, ein Symbolspieler für das gesamte St. Galler Projekt. «Er hat es hier zuerst nicht geschafft, ist wieder aufgestanden und durchgestartet.» Der Knoten platzte spätestens am 25. August gegen Lugano beim 3:2 mit dem allerersten Treffer für St. Gallen, danach war Babic Stammspieler und traf weitere sechs Male.

Und so steht das Eigengewächs stellvertretend für das Junge, Aufstrebende, das Unerwartete, Aggressive, Offensive, Kreative im FC St. Gallen wie Betim Fazliji, Miro Muheim oder Leonidas Stergiou und all die anderen. «Babic hat die Art, wie wir spielen wollen, so sehr verinnerlicht», sagt Zeidler, der selbst in einer besonderen Beziehung zum Spieler steht. Sie begann gleich mit dem ersten Zusammentreffen, als Babic im Herbst 2018 noch als unglücklicher Leihspieler bei Vaduz in einem Test gegen St.Gallen auflief und Silvan Hefti Probleme bereitete.

Zeidler hatte erst kurz vor jener Partie erfahren, dass Babic eigentlich St.Gallen gehört. Danach wollte der Trainer den Spieler sofort zu sich holen, doch erst im Sommer 2019 durfte der frühere Schweizer Nachwuchsinternationale zum Ausbildungsverein zurück, wurde dort Bindeglied zwischen den Jüngeren und Älteren und zahlte Zeidler die Zuneigung zurück.

Babic gilt als identifikationsstiftend - der Vertrag muss auch so verlängert werden

Zeidler sagt, er wisse nicht, wozu das alles nun gut sein soll. «Babic hätte heuer noch grosse Dinge für uns gemacht. Ich hoffe, seine Geschichte findet bei uns eine Fortsetzung. Und es ist sein Wunsch, dass wir weitermachen wie bisher.» Wie sehr Babic in der Mannschaft identifikationsstiftend war, zeigen emotionale Nachrichten der Mitspieler via die sozialen Medien, besonders jene seines Freundes Ermedin Demirovic:

«Brate moj, du bist in so kurzer Zeit wie ein Bruder für mich geworden. Ich weiss, du wirst stärker zurückkommen. Ich werde dich auf dem Platz vermissen.»

Babics Vertrag läuft noch bis zum Saisonende und hätte sich nach einer gewissen Anzahl Spiele um ein Jahr verlängert. Es wäre fahrlässig, würde St.Gallen nun nicht von sich aus handeln.

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