«Wir wollten zeigen, dass wir den Bernern resultatmässig ebenbürtig sind»: Der FC St.Gallen besteht die Meisterprüfung – ein Beigeschmack aber bleibt

Das St.Galler Fussballfest beim 3:3 gegen die Young Boys wird vom Entscheid des Videoschiedsrichters getrübt. Dennoch haben sich St.Gallens Meisterambitionen am Sonntag weiter konkretisiert.

Ralf Streule
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Lukas Görtler trifft in der 91. Minute zum 3:2. Die emotionalsten Momente des Spiels folgen erst später.

Lukas Görtler trifft in der 91. Minute zum 3:2. Die emotionalsten Momente des Spiels folgen erst später.

Bild: Urs Bucher

2:3, 3:4 und nun also ein 3:3. Die Spiele des FC St.Gallen gegen die Young Boys sind in dieser Saison nicht nur das Torreichste, sondern auch das Aufwühlendste, was der Schweizer Fussball zu bieten hat. Dies hat damit zu tun, dass die jungen St.Galler konstant offensiv und attraktiv spielen, aber auch damit, dass die Young Boys hervorragende Stürmer stellen – gleichzeitig aber eine nicht immer solide Abwehr. Am Sonntag im Spitzenkampf im St.Galler Tollhaus kam ein weiterer emotionaler Faktor dazu: der Videoschiedsrichter.

Er griff ein, als das hochstehende Spiel mit Goalie Lawrence Ati Zigi eigentlich seinen grossen Helden gefunden hatte. Nach dem späten 3:2 durch Lukas Görtler, das den Kybunpark aus den Angeln hob, trat Guillaume Hoarau in der 94. Minute für die Young Boys zu einem Handspenalty an – und scheiterte an Zigi, der sich in die rechte Ecke warf. Das St.Galler Publikum lag sich in den Armen, als der Bescheid aus dem Videoschiedsrichterraum in Volketswil kam: Zigi hatte bei Abgabe des Penaltys beide Füsse vor der Torlinie. Der Penalty musste wiederholt werden. Diesmal traf Hoarau zum Ausgleich.

Schwer verständlicher, aber nicht falscher Entscheid

Das Bittere: Auch der Penalty selbst, nach einem umstrittenen Handspiel von Miro Muheim, war erst nach Videoentscheid fällig geworden. So gingen am Ende die Emotionen hoch: Co-Trainer Ioannis Amanatidis erhielt nach Spielschluss eine rote Karte wegen Reklamierens und Sportchef Alain Sutter suchte aufgebracht das Gespräch mit dem Schiedsrichtergespann. Tatsächlich war es ein schwer verständlicher Entscheid. Aber streng genommen kein falscher. Im Stadion war man sich allerdings einig: Ähnliche Situationen gibt es bei Penaltys immer wieder, geahndet werden sie kaum einmal.

Interpretationsspielraum habe es für ihn nach der VAR-Intervention nicht gegeben, sagte Schiedsrichter Alain Bieri, auch wenn er bedauerte, dass am Ende vor allem jene Szene zum Schluss der hochstehenden Partie diskutiert wurde. Auch Zeidler versuchte an der Pressekonferenz, das Spiel an sich in den Fokus zu rücken – was ihm aber nicht so richtig gelingen wollte.

Lawrence Ati Zigi: Note 5. Beim Penalty chancenlos. Bewahrt sein Team mit starken Reflexen in der Schlussphase mehrmals vor weiteren Gegentoren.
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Silvan Hefti: Note 4. Kommt immer wieder stark über die rechte Seite, aber überraschen kann er Luzerns Abwehr damit nicht.
Yannis Letard: Note 5. Der Franzose bewahrt in der hektischen Schlussphase kühlen Kopf und ist dank des guten Stellungsspiels einer der besseren St. Galler.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. So wie Letard macht auch der 17-Jährige einen mehrheitlich guten Job. Muss sich aber ein-, zweimal überlaufen lassen.
Miro Muheim: Note 4. Der Unglücksrabe. Verschuldet den am Ende entscheidenden Penalty. Unternimmt danach viele Vorstösse, die Flanken bleiben für einmal aber wirkungslos.
Lukas Görtler: Note 4. Er kämpft wie immer – auch, nachdem er früh einen Schlag auf den Oberschenkel kassiert hat. Kann so kaum Einfluss nehmen und muss dann ausgewechselt werden.
Jérémy Guillemenot: Note 3,5. Dem Romand unterlaufen viele unerzwungene Fehler. Verpasst mit einem Kopfball das 1:1.
Jordi Quintillà: Note 4,5. Luzern tritt der Spielstärke des Spaniers mit körperlicher Härte entgegen. Starker Freistoss in der 65. Minute.
Boris Babic: Note 3,5. Er spielt hinter den Spitzen. Nach einer nicht überzeugenden ersten Halbzeit steigert er sich.
Cedric Itten: Note 4. Der Basler wirkt oft etwas verloren, weil mit wenig Bindung zum Spiel. Fällt aber mit der einen oder anderen Balleroberung auf.
Axel Bakayoko: Note 4,5. Kommt für Görtler. Bringt viel Schwung – und scheitert in der 62. Minute am starken Goalie Marius Müller.
Ermedin Demirovic: Note 3,5. Luzern meldet den gefährlichen Stürmer fast 90 Minuten ab. Als er trotzdem zu einer guten Chance kommt, verwertet er diese atypischerweise nicht.
André Ribeiro: Note -. Kommt in der 86. Minute für Guillemenot. Die Zeit ist zu kurz für eine Note.

Lawrence Ati Zigi: Note 5. Beim Penalty chancenlos. Bewahrt sein Team mit starken Reflexen in der Schlussphase mehrmals vor weiteren Gegentoren.

Urs Bucher

Zeidlersches Startfurioso mit zu kleinem Ertrag

Dabei gab es genügend andere Geschichten an diesem Nachmittag im ausverkauften Stadion, die es zu erzählen lohnt. Da war die grandiose Kulisse, die Choreos der St.Galler und Berner Fans. Die Geste der St.Galler, die beim Einlaufen Shirts mit der Nummer 34 ihres verletzten Kollegen Boris Babic trugen. Dann aber vor allem das Zeidlersche Startfurioso, das die Berner in Nöte brachte, in der vierten Minute zu einem Pfostenschuss Cedric Ittens und in der zehnten Minute zum St.Galler Führungstor durch Betim Fazliji führte.

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Bild: Urs Bucher

Da war aber auch jene Phase nach einer halben Stunde, in der das St.Galler Spiel nicht mehr wie gewünscht ineinandergriff. Vielleicht hatte es mit Yannis Letards Ausfall zu tun. Er zog sich nach gut 30 Minuten in einem Zweikampf eine Gehirnerschütterung zu und hatte auch nach dem Spiel noch Erinnerungslücken, wie Zeidler sagte. Die Berner konnten sich in der Folge immer besser aus der St.Galler Umklammerung lösen, die Klasse der Stürmer Jean-Pierre Nsame und Moumi Ngamaleu kam zum Tragen. Beide trafen noch kurz vor der Pause zum 2:1 für die Berner.

St.Gallens Beharrlichkeit zahlt sich aus

Als die St.Galler nach der Pause nicht auf Anhieb den Tritt fanden, schien das Spiel immer mehr auf die Seite der Young Boys zu kippen. Mit stilsicheren Vorstössen wurden sie einige Male gefährlich, dem Publikum schwante Böses. Doch dann kam die aus St.Galler Sicht bemerkenswerteste Phase. Beharrlich kämpften sie sich zurück – wie sie es in dieser Saison schon oft getan haben. Angetrieben von Silvan Hefti und Görtler auf der rechten Seite kam es zur erneuten Wende, auch weil die Berner sich plötzlich weit zurückzogen und passiv wirkten. Görtler war, mit der entscheidenden Hereingabe vor dem 2:2 und dem umjubelten 3:2 in der 91. Minute, der wichtigste Faktor im St.Galler Spiel.

Vorwerfen müssen sich die Ostschweizer, dass sie wie bereits beim 3:4 in Bern in der überlegenen Startviertelstunde nicht höher in Führung gegangen waren. Und dass sie vor der Pause nicht kompakt verteidigten. Doch St.Gallen bleibt an der Spitze der Tabelle. Was Zeidler noch mehr freut:

«Wir wollten zeigen, dass wir den Bernern nicht nur nähergekommen, sondern resultatmässig ebenbürtig sind. Das ist uns gelungen.»

Trotz der verlorenen zwei Punkte: St.Gallens Meisterambitionen haben sich am Sonntag weiter konkretisiert. Weil das Team den spielerischen Vorteilen der Berner etwas entgegenzusetzen hat und auf einen Dämpfer vor der Pause reagieren konnte. Nach dem Fussballfest gibt es keinen Grund, weshalb das St.Galler Stadion nicht auch in zwei Wochen wieder voll sein sollte. Dann gastiert Zürich im Kybunpark. Zunächst aber steht die Reise nach Sitten an.

«Wir hätten den Sieg verdient gehabt»: YB gleicht in der Nachspielzeit zum 3:3 aus – St.Galler sind nach umstrittenem Penalty-Entscheid enttäuscht

Auch nach dem Direktduell zwischen St.Gallen und YB führt kein Team die Super League klar an. Die Espen und die Berner trennen sich nach einem umkämpften Spiel 3:3. Auch wenn der FC St.Gallen damit an der Tabellenspitze bleibt, fühlt sich das Unentschieden wegen eines umstrittenen Penaltyentscheids in der Nachspielzeit ein bisschen wie eine Niederlage an.
Stephanie Martina