FC ST.: Warum Träumen erlaubt ist

Gallen Der zweite Platz nach dem ersten Saisonviertel ist zwar nur eine Momentaufnahme. Doch mehrere Anzeichen deuten darauf hin, dass sich der Club auch mittelfristig im ersten Drittel der Tabelle festsetzt.

Christian Brägger
Drucken
Teilen
Vielsagende Geste Continis: Der FC St. Gallen ist aktuell Zweiter und damit so gut wie in jenem Herbst 2012, der ihn zum Ende der Saison an den Honigtopf der Europa League führte. (Bild: Benjamin Manser)

Vielsagende Geste Continis: Der FC St. Gallen ist aktuell Zweiter und damit so gut wie in jenem Herbst 2012, der ihn zum Ende der Saison an den Honigtopf der Europa League führte. (Bild: Benjamin Manser)

Christian Brägger

Im Cup im Achtelfinal, auswärts gegen Delémont. Machbar. Zuletzt in vier Meisterschaftsspielen acht Zähler totalisiert – dabei gegen die Arrivierten wie die Young Boys, Zürich und Basel gepunktet. Alles eitel Sonnenschein. In der Tat sind in diesen Tagen am St. Galler Horizont kaum Wolken zu sehen. Und die Gründe dafür nicht am schönen Herbstwetter zu suchen.

Der Trainer

Zugegeben, nach Joe Zinnbauer konnte alles nur besser werden. Der FC St. Gallen war unter dem Deutschen tief gefallen, sportlich und irgendwie auch emotional. Mit Giorgio Contini steht heute ein Coach an der Seitenlinie, der taktisch versierter ist, der weiss, was seine Mannschaft kann. Und was nicht. Seit der Amtsübernahme im Mai hat es der Zürcher geschafft, seinen Spielern eine gewisse Stabilität und damit Konstanz zu geben. Er sagt: «Heute können wir den Matchplan durchziehen, den wir uns jeweils vorgenommen haben.» St. Gallen akzeptiert in den Spielen seine Rolle, sei es jene des Favoriten oder jene des Aussenseiters. Was aber nicht gleich bedeutet, dass es sich seinem Schicksal ergibt. Es gibt Partien wie in Lugano, da wartet es – eher überraschend – ab. Oder es gibt Auftritte wie gegen Basel, da startet es – eher überraschend – mit einem Furioso. Kurzum: Der FC St. Gallen Ausgabe Contini versteht es derzeit, mit der Taktik zu spielen. Einziger Wermutstropfen: Der Trainer ist nach dem Rückzug von Sportchef Christian Stübi der einzige Mann im Verein, der absolutes fussballerisches Know-how besitzt. Ansonsten ist die sportliche Führung gelinde gesagt unübersichtlich.

Das Kader

Contini sagt, er könne sich auf 15 bis 16 Akteure voll verlassen. Er dürfte dabei vor allem an die gestandenen Super-League-Spieler denken – von der Sorte hat St. Gallen einige im Kader. Sie danken für das Vertrauen mit solidarischen Leistungen und weni­gen Misstritten. Nach dem 2:1 ge­gen Basel hat der Coach fürs Erste seinen Stamm gefunden, obwohl mit Toko, Tranquillo Barnetta und Peter Tschernegg drei Profis länger ausfallen, die durchaus in der Startelf erwartet werden. Ausfälle wie jener von Alain Wiss, der gegen Thun mit einer Prellung ausschied, kompensiert das Team derzeit problemlos. In der Offensive sind die St. Galler nicht mehr einzig von Albian Ajeti abhängig, zudem mausert sich Stjepan Kukuruzovic langsam, aber sicher zum Kopf des Teams, auch wenn der Mittelfeldspieler das überhaupt nicht so sehen mag. In der Defensive wurde das Kader mit dem Rheintaler Nicolas Lüchinger ideal ergänzt – das schürt den Konkurrenzkampf. Einziger Wermutstropfen: Was passiert, wenn vielleicht Ajeti im Winter den Club verlässt? Oder das grosse Talent Silvan Hefti, wie allgemeinhin erwartet, alsbald eine neue Herausforderung sucht? Und wann etablieren sich die Jungen in der ersten Mannschaft?

Krise in der Führung

Hinter den Kulissen brodelt es schon länger, nicht erst seit dem Rückzug von Dölf Früh als Präsident. In der Event AG blieb zuletzt kein Stein auf dem anderen, ebenfalls im Verwaltungsrat nicht. Es gibt Mannschaften, die rücken in solchen Momenten zusammen. Getreu dem Motto: Jetzt erst recht, gemeinsam durch dick und dünn. Hiefür bestes Beispiel war lange der FC Sion. In der Meisterschaft immer mal wieder angezählt, wuchsen die Walliser über Jahre im Cup über sich hinaus. Oder dann das italienische Nationalteam: 1979 war Stürmer Paolo Rossi in einen Wettskandal verwickelt, er wurde begnadigt und schoss 1982 sein Land zum WM-Titel; 2006 der grosse Bestechungsskandal vor der WM, Juventus mittendrin, Zwangsrelegation inklusive – und Italien wurde Weltmeister.

Das Publikum

Noch scheinen die Zuschauer nicht so recht zu wissen, was sie mit dem aktuellen Erfolg anfangen sollen. Oder dürfen. Gegen Ligakrösus Basel – gut, das Spiel fand unter der Woche statt – fanden sich «nur» 12 214 Zuschauer im Kybunpark ein, gegen Thun knapp 300 weniger. Dabei ist es im Grunde doch ganz einfach: Es lebt sich als Spieler und ebenfalls als Anhänger ziemlich gut in der Höhe der Tabelle.

Mit Lust, Leidenschaft und Emotionen auf Platz und Rängen darf Träumen jedenfalls wieder erlaubt sein. Oder sagen wir es so: Es spricht nichts dagegen.