«Favre ist ein Genie»

Arno Del Curto ist ein Urgestein im Schweizer Sport. Der sechsfache Meistercoach des HC Davos spricht über langjährige NLA-Spieler und Trainergrössen, die er selber bewundert.

Sven Schoch/sda
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Der 60-jährige Arno Del Curto ist seit 1996 beim HC Davos unter Vertrag. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Der 60-jährige Arno Del Curto ist seit 1996 beim HC Davos unter Vertrag. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

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Noch aktive, langjährige NLA-Spieler und ihre Bedeutung.

«Mathias Seger ist einer. Ein solcher Saurier besitzt die Leidenschaft und Energie, eine Gruppe anzuführen. Er kann mithelfen, zusammen erarbeitete Strategien mit dem Team umzusetzen – er ist wichtig für die ganze Idee. Solche Persönlichkeiten haben immer ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Aber sie sind inzwischen fast ausgestorben. Social Media veränderte die Welt. Zusammen mit Martin Plüss ist Seger wohl einer der letzten Mohikaner, aber sie werden verschwinden.»

Seine bald 21-jährige Ära.

«Es gab schon auch Schwierigkeiten. Es hätte zu einer Abnützung kommen können. Es war nicht alles Gold, was glänzte. Aber ich will immer mehr, darum geht es weiter. Ich hatte das Momentum von Lucien Favre (meint den Abgang in Mönchengladbach, Red.) auch schon, aber ich liess die Selbstaufgabe nicht zu. Trotz Enttäuschungen, fehlender Akribie, wachsender Genügsamkeit, schwindender Freunde und zunehmend mehr Ausreden.»

Veränderungen seit seinem NLA-Einstieg 1996.

«Alles ist viel schneller geworden – überall, in jedem Bereich. Die Leute werden auch schneller nervös und ungeduldig. Da spielen die sozialen Medien eine Hauptrolle. Ich stelle generell fest, dass die Bereitschaft kleiner ist, einen Karren gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen. Jeder hofft auf den anderen, jeder glaubt, der Nächste erledige es dann schon für einen.»

Druck gehört zum Geschäft.

«Ich habe keinen. Es gibt hingegen einen Teamdruck, einen psychischen Druck, den man sich selber einredet. Mir fällt dazu der Fussball-Cup ein. Dort wächst der Kleine, der Favorit macht Fehler, unterschätzt etwas, gerät unter Druck. Sie sehen, der Begriff ist dehnbar.»

Del Curto, das Multigenie.

«Erfolg? Leidenschaft? Vision? Es gibt so viele Aspekte. Aber vergessen wir eines nicht: die Lauftechnik, Schusstechnik, die Skills, das Fachliche. Die Kondition, die Schnelligkeit, die Entwicklung im physischen Bereich. Man benötigt als Coach heute zusätzliche Fachleute, sonst müsste man ein Multigenie sein. Oder denken Sie, ich hätte von Goalies eine Ahnung? Nein. Keiner, der nie selber im Tor stand, versteht davon etwas.»

Faszinierende Trainerpersönlichkeiten – auch ausserhalb des Eishockeys.

«Lucien Favre! Er ist ein Genie mit einem eigenen Stil und hoher Fachkompetenz. Er kann alles vermitteln. Favre bringt alle weiter. Ein Genie, basta! Arsène Wenger, Alex Ferguson, Pep Guardiola, da brauchen wir nicht diskutieren. Simeone! Was er mit Atletico Madrid bewegt hat, ist einzigartig. Im Eishockey kommen mir die früheren ZSKA-Moskau-Trainer in den Sinn oder Scotty Bowman. Ich beobachte vor allem die Fussballtrainer. Früher habe ich selber leidenschaftlich gern gespielt.»

Das 3:0 für Lugano durch Alessandro Chiesa. Davos kann nicht mehr reagieren und scheidet aus. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Das 3:0 für Lugano durch Alessandro Chiesa. Davos kann nicht mehr reagieren und scheidet aus. (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)