FAVORITENSCHRECK: Die Auferstehung der ZSC Lions

Noch ein Sieg trennt die ZSC Lions von der grossen Überraschung: Im Eishockey-Playoff steht mit Bern der Favorit auf den Meistertitel gegen die Zürcher mit dem Rücken zur Wand.

Sergio Dudli
Merken
Drucken
Teilen
Mathias Seger (Mitte) und seine Teamkollegen bejubeln den dritten Sieg gegen Bern. (Bild: KEY)

Mathias Seger (Mitte) und seine Teamkollegen bejubeln den dritten Sieg gegen Bern. (Bild: KEY)

Sergio Dudli

Ein lauter Schrei. Die Hände triumphierend zum Himmel gestreckt. So feierte Mathias Seger am Ostermontag den dritten Sieg der ZSC Lions im Playoff-Halbfinal gegen Bern. Im Hintergrund verlassen die Berner Spieler mit gesenkten Köpfen das Eis. Diese Momente zeigen: Die «Löwen» sind hungrig, die «Bären» angeschlagen. Nach dem 3:1-Sieg führen die Zürcher in der Best-of-7-Serie mit demselben Skore. Morgen bietet sich ihnen die Chance, mit einem Erfolg in Bern den Titelverteidiger in die Ferien zu schicken. Dabei wies vor dem Playoff nichts darauf hin, dass aus den ZSC Lions ein Meisterkandidat wird. Ein Trainerwechsel, schwache Ausländer, ein wackliger Goalie – das alles scheint lange zurückzuliegen. Fünf Gründe, warum es den ZSC Lions läuft.

Flüeler sticht Genoni aus

Dass Leonardo Genoni der beste Torhüter der Liga ist, bezweifelt niemand. Auch seine Fangquote im Playoff von über 93 Prozent ist eigentlich meisterlich. Eigentlich. Denn Genonis Zahlen überzeugen zwar, aber der 30-Jährige hält nur das, was er muss. Das ist viel wert, aber ein Meistergoalie führt sein Team zum Titel, in- dem er auch die Unhaltbaren pariert. Das gelang in diesem Playoff-Halbfinal mehrheitlich seinem Gegenüber Lukas Flüeler. Während der Qualifikation musste dieser phasenweise seinem Ersatzmann Niklas Schlegel Platz machen. Nun läuft Flüeler zur richtigen Zeit zur Höchstform auf und weist eine identische Fangquote wie der hochgelobte Genoni auf. Mit dem feinen Unterschied, dass Flüeler auch die Unhaltbaren rauskratzt.

Verkehrte Welt in Unterzahl

Bereits 17-mal spielten die ZSC Lions in den vier bisherigen Partien gegen Bern in Unterzahl. Mit einem Mann weniger auf dem Eis kassierten die Zürcher vier Tore – und erzielten selber deren zwei. Total stehen sie damit im Playoff bei vier Unterzahltoren in neun Partien. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Zürcher bereit sind, ein hohes Risiko einzugehen. Sehen sie eine Chance, spielen sie schnell nach vorne, auch in Unterzahl. Diese Risikobereitschaft ist ein gefährliches Spiel, zahlt sich aber aus. Auch in diesem Punkt fehlt den Bernern der Biss. Vier Tore in Überzahl gegen die ZSC Lions sind nicht schlecht, aber bei zwei kassierten Shorthandern bleiben unter dem Strich nur zwei Plustore in einer halben Stunde mit nummerischem Vorteil. Das ist zu wenig.

Der Taktikfuchs an der Bande

Als Hans Kossmann zum Jahreswechsel seinen Namensvetter Wallson als Trainer ersetzte, änderte dies lange Zeit nichts an den Leistungen des Teams. Doch rechtzeitig zur heissesten Phase der Saison scheint Kossmann das richtige System gefunden zu haben. Wirkten die Zürcher in der Qualifikation oft behäbig, wird der Gegner nun bereits in dessen eigenem Drittel unter Druck gesetzt. Eine ungewohnte Situation für die Berner, waren ihre Gegner bislang hauptsächlich damit beschäftigt, in der Defensive stabil zu stehen. Dadurch ergaben sich Zeit und Raum für den SC Bern, der damit dank der individuellen Klasse der Spieler etwas anzufangen wusste. Doch gegen die aufsässigen Zürcher wird Bern mit einer viel aktiveren gegnerischen Spielweise konfrontiert. Das frühe Anlaufen der ZSC Lions erlaubt es den Bernern nicht, sich die gegnerische Mannschaft in deren Drittel zurechtzulegen. Die daraus resultierenden Fehler im Spielaufbau wissen die Zürcher auszunutzen.

Ausländer liefern endlich

Kevin Klein steht symbolisch für die steigende Formkurve bei den ZSC Lions. Mit vielen Vorschusslorbeeren aus der NHL von den New York Rangers gekommen, blieb der Verteidiger in der Qualifikation hinter den Erwartungen zurück. Mit 22 Punkten aus 45 Spielen war er Mitläufer statt Vorreiter. Doch im Playoff zeigt der 33-Jährige, was in ihm steckt. Mit seiner Übersicht ist Klein jederzeit in der Lage, einen entscheidenden Pass zu spielen. Sieben Treffer legte er in neun Partien in der K.-o-Phase vor. Zusammen mit Topskorer Fredrik Pettersson verfügen die ZSC Lions über ein Duo, das Spiele im Alleingang entscheiden kann. Auf Seiten der Berner scheinen die zuverlässigen Torschützen Andrew Abbett und Mark Arcobello vergessen zu haben, wo das Tor steht. Ihre Ausbeute nach vier Spielen im Halbfinal: null Treffer.

Last ruht auf vielen Schultern

ZSC-Trainer Kossmann forciert alle Linien. Auch in entscheidenden Phasen vertraut er dem vierten Block mit den Nachwuchsspielern um Mirco Miranda und Marco Prassl. So bekam in der dritten Halbfinalpartie nur ein Spieler bei den Zürchern mehr als zwanzig Minuten Eiszeit. Bei den Bernern hingegen waren es deren fünf. Das zeigt: Während beim SC Bern die Leistungsträger von Trainer Jalonen mit langen Einsätzen forciert werden, gehen die Zürcher mit ihren Kräften deutlich behutsamer um. Das setzt aber voraus, dass die Linien ausgeglichen sind und die Spieler ihre Aufgaben zuverlässig erledigen. Das ist derzeit der Fall. Dadurch verfügen die Topspieler der Zürcher in den wichtigen Momenten über mehr Energie, um sich die entscheidenden Zentimeter erarbeiten zu können.