Fangesänge statt «Stille Nacht»

Während der besinnlichen Weihnachtszeit denken viele Engländer nur an eines: An Fussball. Am 26. Dezember spielen die Mannschaften der Premier League eine Vollrunde. Doch der Boxing Day ist mehr als ein normaler Fussballtag.

Nicolas Ledergerber
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FUSSBALL. In Mitteleuropa, auch in der Schweiz, stehen die Weihnachtstage ganz im Zeichen der Familie, der Nächstenliebe und des Zusammenseins. Nicht so in England. Auf der Insel wird Fussball zelebriert. Traditionell richtet die Premier League am 26. Dezember eine Vollrunde aus: der Boxing Day. Viele Familien nutzen den Tag für einen gemeinsamen Stadionbesuch.

Dass am zweiten Weihnachtsfeiertag gespielt wird, geht weit ins 19. Jahrhundert zurück. Die zwei ältesten Vereine der Welt, Sheffield FC und Hallam FC, trugen am 26. Dezember 1860 das erste Spiel zwischen zwei Clubs überhaupt aus. Bis dahin hatte das 1857 gegründete Sheffield nur Partien gegen sich selbst ausgetragen. Dabei traten die Verheirateten gegen die Ledigen an, oder es wurde zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen gespielt. Zwischen Sheffield und Hallam herrschte zudem eine lokale Rivalität. Als in der Saison 1888/1889 eine Liga mit 22 Mannschaften eingeführt wurde, wurde diese Rivalität als Vorbild genommen, und der Boxing Day etablierte sich fortan als «Tag des Derbys». Das ermöglichte, dass sowohl die Spieler als auch die Anhänger am Tag nach Weihnachten keine strapaziösen Reisen auf sich nehmen mussten und somit mehr Zeit mit ihren Familien verbringen konnten. Zudem kam der englischen Liga zugute, dass alle anderen beliebten Spielklassen eine Winterpause abhielten. Die Engländer waren die einzigen, die zu dieser Jahreszeit den Spielbetrieb fortführten. So stieg die internationale Popularität des englischen Fussballs rasant an.

Kein Derby, keine weite Reise

Die Tradition, dass am Boxing Day Spiele zwischen rivalisierenden Teams stattfanden, ist in der Zwischenzeit je länger, desto mehr abhanden gekommen. Grund dafür ist die Vermarktung und der Verkauf der Eintrittskarten. Ein «North London Derby» zwischen Arsenal und Tottenham oder das Stadtderby von Manchester ist auch an einem x-beliebigen Tag ausverkauft. Dafür muss also kein Feiertag, der sowieso viele Besucher ins Stadion lockt, herhalten. Trotzdem wird weiterhin darauf geachtet, dass die Partien am Stephanstag zwischen Mannschaften ausgetragen werden, die geographisch nicht weit voneinander entfernt liegen – sofern das überhaupt möglich ist. So treffen auch am Samstag nicht Arsenal und Tottenham aufeinander. Arsenal spielt gegen Southampton, was für mitreisende Anhänger eine Zugfahrt von knapp mehr als einer Stunde bedeutet. Der Aspekt, dass Spieler und Supporter nicht weit reisen müssen, bleibt somit in einem gewissen Rahmen erhalten.

Verkehrte Welt im Oberhaus

Die laufende Saison der Premier League bietet einige Überraschungen. Der aktuelle Meister Chelsea ist so schlecht in die Saison gestartet wie schon lange nicht mehr. Erst vor wenigen Tagen wurde Kulttrainer José Mourinho von seinen Aufgaben entbunden und Guus Hiddink interimistisch engagiert. Der Grund liegt auf der Hand: Chelsea ist mit 18 Punkten aus 17 Spielen nur auf dem 15. Rang klassiert – mit bloss drei Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz. Als das Team aus London zum letzten Mal so arg in die Meisterschaft startete, in der Saison 1978/1979, stieg es ab. Dass dieser Fall erneut eintritt, bleibt aber zu bezweifeln.

Für eine weitere Verblüffung der aktuellen Saison ist Leicester City verantwortlich, das Team des Captains der Schweizer Nationalmannschaft, Gökhan Inler. Erst vor eineinhalb Jahren schaffte der Verein aus Zentralengland den Aufstieg in die höchste Spielklasse. Während der Weihnachtstage vor exakt einem Jahr war Leicester auf dem 20. und letzten Platz klassiert. Heute sieht es anders aus. Leicester ist Tabellenleader, seit nunmehr zehn Ligaspielen unbesiegt und stellt mit Riyad Mahrez und Jamie Vardy die zwei besten Torschützen der Premier League. Das Team von Claudio Ranieri funktioniert wie ein Uhrwerk. Deswegen dürfen sich die Anhänger Leicesters langsam, aber sicher Hoffnungen auf eine Plazierung unter den ersten sechs machen, was der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb gleichkommt.

Nicht nur Leicester ist ein vermeintlicher Aussenseiter, der aktuell nichts mit dem Abstiegskampf zu tun hat. Aufsteiger Watford besiegte am vergangenen Wochenende Jürgen Klopps Liverpool 3:0. Mit 28 Punkten liegt die Mannschaft von Valon Behrami und Almen Abdi auf Platz sieben der Tabelle – nur einen Punkt hinter dem grossen Manchester United. Die Premier League und der Boxing Day haben einiges zu bieten. Vielleicht kann das ein Grund sein, dass auch ein paar Ostschweizer den Stephanstag vor dem Fernseher verbringen und den beliebtesten englischen Fussballtag des Jahres mitverfolgen.

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