Kommentar

Gefakte Fangesänge und Pfiffe: Bei Fussballspielen ohne Fans darf es keine künstliche Atmosphäre geben

Jubel, Fangesänge und Pfiffe aus einem leeren Stadion? Die Uefa und Teleclub suggerieren mittels Fan-Atmosphäre aus der Vergangenheit eine falsche Wahrheit. Damit verletzen sie die journalistische Pflicht und den Fairplay-Gedanken. Das Schweizer Fernsehen verzichtet dagegen auf künstliche Geräusche.

Etienne Wuillemin
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Etienne Wuillemin.

Etienne Wuillemin.

Az / Luzerner Zeitung

Wie stark verzerrt darf ein Fussballspiel am Fernsehen gezeigt werden? Das ist die Frage, die vor den beiden Champions League Halbfinals am Dienstag und Mittwoch viele TV-Zuschauer beschäftigt. Weil die Spiele wegen Corona vor leeren Rängen stattfinden müssen, bietet der europäische Fussballverband Uefa den TV-Anstalten an, die Partien der Champions League und Europa League mit künstlicher Atmosphäre aufzupeppen. Konkret werden Fangesänge, Beifall oder auch Pfiffe aus Vor-Corona-Zeiten eingespielt. Stadion-Atmosphäre, die es so in den Heimstätten der beiden Mannschaften tatsächlich gegeben hat – einfach zu einem früheren Zeitpunkt. Vergleichbar mit dem künstlichen Applaus, den wir aus amerikanischen Sitcoms oder Comedy-Programmen kennen.

Gewiss, es sind keine einfachen Zeiten für Fussballfans. Wer gerne regelmässig ins Stadion geht, vermisst die Atmosphäre. Wer gerne regelmässig Fussball am TV schaut, ist irritiert ob der gewöhnungsbedürftigen Stille. Doch genau diese derzeitige Realität gilt es zu akzeptieren. In Zeiten von Fake-News sind Glaubwürdigkeit und Echtheit Güter, die es zu schützen gilt. Auch von Uefa und TV-Anstalten. Wer seinen Zuschauern beim Fussball etwas vorgaukelt, das nicht dem tatsächlichen Geschehen im Stadion entspricht, begibt sich auf gefährliches Terrain.

So tönen die eingespielten Fan-Emotionen

In der Schweiz sind die meisten europäischen Spiele auf «Teleclub» zu sehen. Programmchefin Claudia Lässer sagt: «Wir möchten unseren Zuschauern möglichst ein rundes TV-Erlebnis ermöglichen. Deshalb haben wir uns entschieden, die Geräuschkulisse von Fans der Teams einzubauen – so wie es die Uefa anbietet.» Wobei die TV-Zuschauer nicht selbst wählen können, ob sie auf die künstliche Atmosphäre zurückgreifen wollen. «Das geht aus technischen Gründen nicht», hält «Teleclub» fest, «wir mussten uns dafür oder dagegen entscheiden». Es war der falsche Entscheid. Was pikanterweise auch Kommentator Marcel Reif während des CL-Viertelfinals Bayern München gegen Barcelona dem Publikum ungeschminkt kund tat. Auch die Deutschen Sender «Sky »und «RTL» greifen auf künstliche Stadionatmosphäre zurück.

Das Schweizer Fernsehen beurteilt die Situation anders. Susan Schwaller, Chefredaktorin Sport, sagt: «Wir halten uns an Fakten und bilden die Realität ab. Natürlich fehlt in einem leeren Stadion die Atmosphäre. Doch das ist die Realität und gehört derzeit zum Leben. Und es muss Platz haben, diese Realität zu zeigen.» Mit dieser Haltung zeigt das Schweizer Fernsehen journalistische Haltung. Es ist ein gutes Zeichen.

Kritisch hinterfragen muss man insbesondere die Rolle der Uefa. Dass der Fussballverband versucht, sein Produkt mit künstlichem Jubel oder Fangesängen zu beschönigen, wäre ja noch einigermassen zu verstehen. Dass aber die Schiedsrichter nach fast jedem Entscheid künstlich ausgepfiffen werden – und nicht zu knapp! –, macht fassungslos. Und es passt so gar nicht zu den Marketing-Kampagnen, die «Respekt» auf und neben dem Platz einfordern.