Interview

Experte Michael Monka: «Sportwetten sind kein Glücksspiel»

Michael Monka prognostiziert mit Hilfe von Statistiken den Ausgang von Fussballspielen in ganz Europa und erklärt den Unterschied zwischen Profi- und Amateurwettern – ein Gespräch.

Moritz Marthaler
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Sportwetten sind dem ähnlich, was auf dem Aktienmarkt passiert. Das sagt der Experte.

Sportwetten sind dem ähnlich, was auf dem Aktienmarkt passiert. Das sagt der Experte.

Bild: Imago

Sie sagen, dass Sportwetten ­mindestens so gut zur Kapital­anlage taugen wie Aktien. Warum?

Michael Monka: Weil es statistisch Sinn ergibt. Wenn ich auf Ergebnisse setze, die alle im Wahrscheinlichkeitsbereich von 90 Prozent und mehr liegen und mir dazu Quoten raussuche, die noch attraktiver als die Wahrscheinlich­keiten sind, dann ist das erfolgversprechend.

Die Buchmacher-Quote hat nichts mit der realen Wahrscheinlichkeit zu tun?

Genau. Ein Buchmacher hat wie wir Daten vorliegen, auf diese wendet er seine Algorithmen an. Daraus berechnet er Quoten, und die müssen sich ja auch für ihn lohnen. Eine Quote entsteht so: Zürich spielt gegen Basel, zu 20 Prozent gewinnt der FCZ, zu 30 Prozent gibt es ein Unentschieden, zu 50 Prozent siegt der FCB. Jetzt werden 100 durch die 50 Prozent geteilt, die Quote auf den Basler Sieg ist dann 1 zu 2.

So gibt es die Quote aber noch nicht für den Wetter.

Nein, dann zieht der Buchmacher noch fünf bis sechs Prozent ab, sozusagen für seine Aufwände. Damit geht er an den Markt. Dort ist die Quote Ver­änderungen ausgesetzt.

Warum?

Es passiert jetzt etwas, das dem Aktienmarkt sehr ähnlich ist. Die Sportwetter bewerten. Vielleicht kommt unter der Woche ein neuer Stürmer oder ein ­Spieler verletzt sich. Die Leute reagieren mit Einsätzen. Man könnte auch sagen, es greift die Marktpsychologie. Vielleicht setzen plötzlich mehr Leute auf Basel als gedacht. Der Buchmacher muss die Quote unattraktiver machen. Er will mehr Leute auf die andere Seite locken.

Und da kommen Sie ins Spiel.

Genau. Wir veröffentlichen eine sogenannte Nulllinie, die ursprüngliche Ausgangslage sozusagen. Wir liefern die Ausgangswahrscheinlichkeit zur Quote.

Zur Person

Michael Monka, 57

Michael Monka, 57

Er studierte Sozialwissenschaften an der Ruhr-Uni­versität Bochum und ist Autor des Buches «Gewinnen mit Wahrscheinlichkeit. Statistik für Glücksritter». Zudem betreibt er die Internetseite www.youpriboo.com. Dort analysiert er Fussballspiele und leitet daraus Ergebnisprognosen ab. Jeweils am Donnerstag gibt er die Prognosen für die Super League ab. (mrm)

Und wie vermehre ich jetzt mein Kapital?

So einfach geht das nicht. Sie müssen viel spielen. Der Wettprofi sieht das wie eine Aktie. Er geht davon aus, dass er auf Dauer nur 3 bis 5 Prozent gewinnen kann, deshalb muss er viel investieren und viel spielen. Bei 100 Franken Einsatz lohnt sich das nicht. Aber bei 100 000 macht das 3000 bis 5000 Franken aus.

Wer Geld verdienen will, muss also als erstes die Einsätze erhöhen.

Richtig. Aber in Deutschland oder der Schweiz geht das nicht. Wenn ein Buchmacher merkt, dass Sie viel setzen und kontinuierlich gewinnen, wird er Sie sofort sperren. Das ist in anderen ­Ländern nicht ohne weiteres möglich, in England etwa oder vielerorts in Asien.

Und wie geht der Profi-Wetter vor?

Er orientiert sich an der Ausgangslage nach dem letzten Spiel, lässt die Quote aussen vor. Dann analysiert er die Lage, preist das mit ein. Und schaut, ob die Quote eine andere Richtung einge­nommen hat. Wenn ja, nutzt er die aus.

Und der Amateurspieler?

Der spielt viel zu sehr mit Intuition. Auch die Werbung der Anbieter suggeriert, dass Wetten eine intuitive An­gelegenheit ist. Das ist paradox. Wenn ein Buchmacher nach Intuition seine Quoten machen würde, wäre er nach einer Woche bankrott. Sportwetten sind kein Glücksspiel.

Aber Fussball bleibt doch bis zu einem gewissen Grad unberechenbar?

Ja, aber nie in dem Masse wie eine ­Roulettekugel oder ein Spielautomat. Beim Fussball liegen so viele Informationen vor, aus denen man herauslesen kann, in welche Richtung sich das Spiel entwickeln könnte.

Zum Beispiel?

Für uns attraktiv sind die sogenannten expected goals, die erwartbaren Tore jeder Mannschaft. Aus einem riesigen Datensatz erhält man die Wahrscheinlichkeit für ein Tor von jeder Stelle des Spielfelds. Dann betrachtet man in der aktuellen Partie die tatsächlichen Schüsse und addiert die berechneten Wahrscheinlichkeiten. Nun gleicht man mit den tatsächlichen Toren ab. So können Sie beurteilen, ob Vereine gerade über- oder unterperformen.

In der Bundesliga geht doch alles gerade drunter und drüber.

Ja, Gladbach etwa ist seit Monaten am überperformen und schiesst viel mehr Tore, als statistisch zu erwarten wäre. In der Vorrunde hätte ich auch jedem von Wetten abgeraten, es war viel zu unberechenbar. Jetzt gleichen sich die Wahrscheinlichkeiten an, es ist ein Trend da.

Und in der Super League, da muss doch St. Gallen gerade massiv überperformen?

Dazu haben wir leider nicht alle Daten. In dieser Liga zählen wir Chancen, Schüsse und machen eine Hoch­rechnung. Ansonsten erfassen wir für jedes Spiel einen Satz von 100 bis 200 Daten.

Wenn Sie mit genügend Daten die Leistung voraussagen können, warum machen das nicht Teams mit ihren Gegner?

Es gibt Vereine, die ihre Philosophie danach aufbauen. Midtjylland hat sich in Dänemark so etabliert. England kümmert sich darum. Ich selber hatte schon Anfragen von Klubs. Nach wie vor sind da aber viele konservativ. Das ist wie mit der Fitnesswissenschaft, in den 1990ern-Jahren interessierte sich noch niemand für einen Laktatwert.

Es wird sich also ändern?

Absolut.

Sie geben auch Tipps für Tipp­spiele. Was muss ich bei der ­kommenden EM beachten?

Man muss die ersten Spiele abwarten. Ist der Favorit in Form? Ist ein Aussenseiter stärker als gedacht? Dann guckt man am besten: Wer hat sich wie viele Chancen herausgespielt. Und nicht: Wer hat wie viele Tore erzielt. Sondern: Wie effektiv waren welche Teams?

Inwiefern unterscheidet sich ­Tippen von Wetten?

Durch die Quoten. Beim Wetten müssen Sie ja schauen, dass Sie das eingesetzte Geld kontinuierlich wiederbekommen. Tippen ist viel ergebnisorientierter. Das erste Ziel ist, den Trend richtig herauszulesen: Sieg 1, Unentschieden, Sieg 2. Dann: Wie viele Tore fallen? Wie hoch ist die Tordifferenz? Als letztes: das exakte Ergebnis.

Das ist alles sehr aufwendig.

Richtig. Deshalb tippen die meisten immer noch aus dem Bauch heraus.

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