Ewige Zweifel als Lea Sprungers Erfolgsrezept 

Die Europameisterin glaubt im Final über 400 Meter Hürden an eine Medaille – auch weil der Trainer sagt, das es möglich ist.

Rainer Sommerhalder
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Lea Sprunger nach ihrem Vorlauf an der WM wieder optimistischer. (Bild: Petr David Josek/AP, Doha, 1.10.2019)

Lea Sprunger nach ihrem Vorlauf an der WM wieder optimistischer. (Bild: Petr David Josek/AP, Doha, 1.10.2019)

Laurent Meuwly ist nicht zu beneiden. Denn der Trainer von Hürden-Europameisterin Lea Sprunger findet sich oft genug in der Rolle des Seelenmasseurs wieder. Seine Athletin ist anspruchsvoll, was die eigenen Erwartungen betrifft. Und die 29-Jährige ist äusserst ungeduldig, wenn sie diese Erwartungen nicht schnell genug erfüllt.

Etwa in dieser Saison, die aus Sprungers Sicht so harzig beginnt. Die Rückenschmerzen im Frühling dämpfen die Stimmungslage zusätzlich. Anstatt Fortschritte zu erzielen, müht sie sich mit Leistungen ab, die nicht ihren Ansprüchen entsprechen. Erst im WM-Vorlauf fällt die 55-Sekunden-Marke.

Dabei möchte Sprunger in jedem Wettkampf schneller sein. Seit zwei Jahren nimmt sie nun Anlauf am Schweizer Rekord von Anita Protti. Bis vier Hundertstelsekunden ist die Waadtländerin vor zwei Jahren an die von Protti an der WM 1991 in Tokio gelaufenen 54,25 herangekommen. Aber eben, die Marke steht noch heute.

Bis vor drei Tagen hatte Sprunger ganz andere Dinge als diesen Rekord im Kopf. Sie musste ihre Zweifel überwinden, die zehn Hürden im vorgesehenen Rhythmus zu nehmen. Noch im Vorlauf verspürte sie unterwegs «Angst vor dieser Aufgabe».

Inzwischen ist das Kopfkino überwunden, der Weg frei für das volle Risiko im Final. Selbst wenn Sprunger für eine Medaille eine Zeit auf die WM-Bahn zaubern muss, die sie noch nie gelaufen ist. Sie glaubt nun daran – auch dank Trainer Meuwly.

Jubeln gemeinsam: Die Finalistinnen über 4x100 Meter. (Bild: Keystone)
36 Bilder
Einzigartige Bilder: Die Marathon-Konkurrenzen fanden in Doha um Mitternacht statt. (Bild: Keystone)
Lelisa Desisa triumphiert in der Hitzeschlacht. (Bild: Keystone)
Tadesse Abraham trotzt den extremen Bedingungen und läuft im Nacht-Marathon auf den 9. Platz. (Bild: Keystone)
Die Bronzemedaillistin lässt die WM tierisch ausklingen. (Bild: Keystone)
Lust statt Frust: Die Staffel freut sich über ihren Landesrekord und den vierten Rang über 4x100 Meter. (Bild: Keystone)
Im Ziel ausgepumpt: Léa Sprunger nach ihrem starken Rennen über 400 Meter Hürden, in dem sie neuen Landesrekord lief. (Bild: Keystone)
Verbringt die erste WM seit seinem Karriereende am Münchner Oktoberfest: Ex-Sprintstar Usain Bolt (Bild: Keystone)
Mutaz Essa Barshim besorgt Katar im Hochsprung eine Goldmedaille: (Bild: Keystone)
Die Schweizer Staffel mit Ajla Del Ponte, Sarah Atcho, Salome Kora und Mujinga Kambundji (v.l.n.r.) will in den Halbfinal sprinten. (Bild: Keystone)
Katarina Johnson-Thompson krönt sich zur Königin der Siebenkämpferinnen. (Bild: Keystone)
Strahlen um die Wette: Mujinga Kambundji und ihre Bronzemedaille. (Bild: Keystone)
Kuriose Szene: Im Hammerwurf der Männer wurden zwei Bronzemedaillen vergeben. (Bild: Keystone)
Kann es nicht fassen: Salwa Eid Naser (Bahrain) realisiert in diesem Moment, dass sie Weltmeisterin über 400 Meter ist. (Bild: Keystone)
Unglaubliche Aufholjagd: Niklas Kaul aus Deutschland war im Zehnkampf nach Tag 1 noch Elfter - nun ist er Weltmeister. (Bild: Keystone)
Mujinga Kambundji schreibt Geschichte - die Bernerin gewinnt die erste Schweizer WM-Medaille seit Viktor Röthlin 2007. (Bild: Keystone)
Dramatik pur im Finale über 110 Meter Hürden: der Jamaikaner McLeod stürzt auf Medaillenkurs liegend. (Bild: Keystone)
US-Youngster Grant Holloway sagt danke und gewinnt das Rennen. (Bild: Keystone)
Die tolle WM von Youngster Jason Joseph endet im Halbfinal über 110 Meter Hürden - und mit dem 13. Gesamtrang. (Bild: Keystone)
Die Querstange bleibt oben: Géraldine Ruckstuhl mit einem erfolgreichen Versuch im Siebenkampf der Frauen. (Bild: Keystone)
Er hat seine Gegner über 200 Meter "gefressen". Noah Lyles feiert den Weltmeistertitel auf seine Art: (Bild: Keystone)
Amelie Iuel aus Norwegen zeigt es an: Hier entlang für weitere Topshots der WM in Doha: (Bild: Keystone)
Sieht gefährlich aus, Géraldine Ruckstuhl hat aber beim Speerwurf alles im Griff. Die Siebenkämpferin startet heute in ihr WM-Abenteuer. (Bild: Keystone)
Sie kann wieder lachen: Mujinga Kambundji ist im Final über 200 Meter: (Bild: Keystone)
Enttäuschung bei Mujinga Kambundji: Die Bernerin verpasst den Final über 100 Meter um 5 Tausendtelsekunden. (Bild: Keystone)
Da ist etwas Trost von Teamkollegin Angelica Moser (Stabhochsprung) bitter nötig. (Bild: Keystone)
Der Wikinger: Karsten Warholm gewinnt für Norwegen Gold über 400 Meter Hürden: (Bild: Keystone)
Eine riesige Sensation: Halimah Nakaayi gewinnt über 800 Meter Gold für Uganda: (Bild: Keystone)
Shelly-Ann Fracer-Pryce ist die schnellste Frau der Welt. Sie holt über 100 Meter den Weltmeistertitel: (Bild: Keystone)
Christian Coleman (USA) holt in sensationellen 9,76 Sekunden Gold über 100 Meter bei den Männern: (Bild: Keystone)
Das Bild täuscht: Sifan Hassan gewinnt über 10 000 Meter Gold für die Niederlande: (Bild: Keystone)
Jubel schon vor dem Ergebnis: DeAnna Price hat ein gutes Gefühl nach ihrem Hammerwurf. Sie wird später Weltmeisterin sein: (Bild: Keystone)
Angelica Moser: Die 21-jährige Stabhochspringerin zieht dank eines tollen Auftritts in den Final ein. (Bild: Keystone)
Über 200 Meter läuft es dem Basler besser, er qualifiziert sich für den Halbfinal. Dort muss er dann allerdings verletzungsbedingt passen. (Bild: Keystone)
Mit Kariem Hussein (Hürden) sticht ein weiterer Schweizer Trumpf nicht. (Bild: Keystone)
Schnell wie ein Auto? Yusuke Suzuki gewinnt das Rennen über 50 Kilometer Gehen. (Bild: Keystone)

Jubeln gemeinsam: Die Finalistinnen über 4x100 Meter. (Bild: Keystone)

Vielleicht sind genau diese Selbstzweifel ein Erfolgsrezept von Lea Sprunger. Denn das schlimmste Tief erlebte die 29-Jährige ausgerechnet im Anschluss an ihren grössten Erfolg. Nach EM-Gold kam im vergangenen Jahr der Winter-Blues. «In den ersten sechs Trainingswochen schob ich richtig die Krise. Ich fragte mich, wieso ich das überhaupt mache, was meine Ziele sind.»

Sie musste sich auf die Suche nach einer neuen Motivation machen, «raus aus der Komfortzone kommen». Gelandet ist sie bei den Zweifeln, die Anzahl Schritte zwischen den Hürden nicht zu schaffen. Auch mit dem Gefühl, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, kann man diese Zone verlassen.

In Richtung Olympische Spiele in Tokio will Sprunger einiges ändern, denn der Wechsel von Laurent Meuwly als Trainer ins Leistungszentrum der Niederländer hat einiges verändert. «Im nächsten Jahr leiste ich mir eine feste Wohnung», sagt sie. «Immer wieder neu eine Unterkunft zu suchen und immer alles ein- und auspacken bedeutete viel Stress.» Ein wenig Komfort gönnt sich selbst Lea Sprunger.