EUROPA-LEAGUE-FINAL: Ajax' Rückkehr in Europas Elite

Ajax Amsterdam trifft heute Abend im Europa-League-Final in Stockholm auf den englischen Rekordmeister Manchester United. Mit dem Finaleinzug beenden die Niederländer eine über 20 Jahre andauernde Durststrecke.

Tim Naef
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Mit 24 Jahren gehört Captain Davy Klaassen (Mitte) bereits zu den Routiniers bei Ajax Amsterdam. (Bild: Getty Images)

Mit 24 Jahren gehört Captain Davy Klaassen (Mitte) bereits zu den Routiniers bei Ajax Amsterdam. (Bild: Getty Images)

Es läuft die 85. Minute im Champions-League-Final. Frank Rijkaard passt auf den kurz zuvor eingewechselten Patrick Kluivert. Dieser düpiert mit nur einer Körpertäuschung die komplette Hintermannschaft Milans und erzielt das 1:0. Mit dem Tor hievt der damals erst 18-jährige Kluivert Ajax Amsterdam auf Europas Fussball-Thron. Clarence Seedorf, Edwin Van der Sar, Edgar Davids oder Marc Overmars gehörten damals zur Stammformation. Das war 1995.



22 Jahre später haben die «Ajacieden», wie die Amsterdamer genannt werden, die Chance, den niederländischen Fussball zurück in Europas Elite zu führen. Im Europa-League-Final treffen sie heute Abend auf den englischen Rekordmeister Manchester United.

Als das Geld noch nicht den Fussball regierte

Seit dem Amsterdamer Champions-League-Titel hat sich im Fussball aber einiges verändert. Geld wurde noch wichtiger. Öl-Millionen überfluteten den Fussball. Ablösesummen schossen in die Höhe. Die Folge davon: Eine gute Nachwuchsarbeit reichte nicht mehr aus, um ein international wettbewerbsfähiges Team auf die Beine zu stellen. Obschon die Ajax-Schule immer wieder Topstars wie Zlatan Ibrahimovic, Wesley Sneijder oder Rafael van der Vaart hervorbrachte, schafften es die Niederländer nie mehr, an die Erfolge der 1990er-Jahre anzuknüpfen.

«Es ist ein Erfolg des Fussballs», sagte Ajax-Coach Peter Bosz nach der Finalqualifikation. Was er damit meinte? Im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon, welches Ajax mit 4:1 gewonnen hatte, entstammen sechs eingesetzte Spieler der berühmten Ajax Akademie. Gleichzeitig betrug das Durchschnittsalter der Ajax-Startelf 21,8 Jahre. Nach der Auswechslung des 30-jährigen Lasse Schöne sank es gar auf 20,8. Ein Fernsehkommentator formulierte nach der Auswechslung pointiert: «Nun ist Captain Davy Klaassen mit seinen stolzen 24 Jahren der Senior auf dem Platz. » Mit Trainer Bosz hat man bei Ajax einen Trainer gefunden, der zu alten Tugenden zurückgekehrt ist und bedingungslos auf die Jugend setzt.

Der nächste Ibrahimovic?

Ein weiterer Baustein des Erfolgs ist die pragmatische Transferpolitik des niederländischen Rekordmeisters. Dafür verantwortlich: die ehemaligen Champions-League-Sieger Marc Overmars und Edwin van der Sar. Einer dieser Transfers ist Kasper Dolberg. Der erst 19-Jährige ist in der aktuellen Saison zum Shootingstar geworden. Europäische Grossclubs, darunter auch Finalgegner Manchester United, haben bereits die Fühler nach dem dänischen Mittelstürmer ausgestreckt.



Abgezeichnet hat sich dies aber nicht. «Zu Beginn der Saison war es noch mein Ziel, der Beste der zweiten Mannschaft zu werden und so viele Spiele wie möglich zu bestreiten», sagte. Daraus wurde nichts. Trainer Bosz beorderte den 19-Jährigen schon zu Saisonbeginn in die erste Mannschaft und schenkte ihm das Vertrauen. «Er verblüfft mich jeden Tag», sagt Bosz heute über Dolberg. «Mit seinen 19 Jahren ist er körperlich schon extrem weit und er wird stetig besser.» Das Vertrauen rechtfertigte Dolberg bislang mit 23 Saisontreffern. Sechs davon erzielte er in der Europa League.

Die Crux des Erfolgs

Die Stärke Ajax’, immer wieder Toptalente hervorzubringen, ist aber Fluch und Segen zugleich. Spielen die Niederländer eine gute Saison, kommt es zum grossen Ausverkauf. Talente und Teamstützen verlassen den Club und versuchen ihr Glück in einer vermeintlich grösseren Liga. Und daran wird sich auch dieses Mal nichts ändern. Nicht nur Dolberg hat Begehrlichkeiten geweckt. Schon jetzt haben mehrere Grossclubs Interesse an sechs weiteren Stammspielern der Ajacieden angemeldet. Damit sich das Schicksal der 1990er-Jahre nicht wiederholt und Ajax wieder von Null beginnen muss, hat Bosz bereits in dieser Spielzeit vorgesorgt: Mit Abdelhak Nouri, Donny Van de Beek und Frankie de Jong hat er bereits die nächste vielversprechende Generation mit Einsätzen in der Eredivisie, der höchsten niederländischen Liga, auf die Zukunft vorbereitet.


Wenn sich Geschichte wiederholt

Grosse Hoffnungen – schon für den heutigen Final – ruhen auf Justin Kluivert. Kluivert? Genau. Der Sohn der Ajax-Legende Patrick Kluivert debütierte unter Trainer Bosz in der aktuellen Spielzeit mit gerade Mal 17 Jahren. Mit konstant guten Leistungen und sieben Torbeteiligungen hat er sich bereits in den erweiterten Stamm Ajax’ gespielt. Und so könnte es sein, dass sich Ajax’ Erfolgsgeschichte heute Abend wiederholt und es wieder heisst: «Pass auf Kluivert – Körpertäuschung – Schuss – Tor.»

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