EURO 2016: «Wir gewinnen 1:0 gegen Polen»

Tranquillo Barnetta absolvierte 75 Länderspiele für die Schweiz. Der St. Galler fiebert aus der Ferne mit dem Nationalteam mit und traut ihm gegen Polen viel zu.

Christian Brägger
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Der 31jährige Tranquillo Barnetta findet den neuen EM-Modus in Frankreich mit 24 Teilnehmern nicht gut. (Bild: Urs Bucher)

Der 31jährige Tranquillo Barnetta findet den neuen EM-Modus in Frankreich mit 24 Teilnehmern nicht gut. (Bild: Urs Bucher)

Herr Barnetta, wie weit weg ist die EM für Sie in Philadelphia?

Tranquillo Barnetta: Ich verfolge die EM, die Spiele werden hier live ausgestrahlt. Wegen der Zeitverschiebung war es aber nicht ganz einfach – 9 Uhr, 12 Uhr oder 15 Uhr. Und es ist auch etwas anderes, wenn du vor deinem eigenen Morgentraining eine Partie guckst und nicht am Abend mit den Kollegen.

Wie fühlt es sich denn an, aktuell nicht Bestandteil dieses Schweizer Teams und damit nicht in Frankreich zu sein?

Barnetta: Wenn ich der Schweiz zusehe, juckt es mich schon. Aber weil bei uns die Meisterschaft läuft, ist es anders, als wenn ich Ferien hätte und irgendwo am Strand liegen würde. Wir haben jetzt mit Philadelphia drei englische Wochen nacheinander, da bleibt nicht gross Zeit, daran zu denken, was sein könnte.

Wenn Sie entscheiden müssten, wo wären Sie heute lieber?

Barnetta: Es macht mir viel Spass hier in den USA. Wie gesagt: Wenn die Schweiz spielt, denke ich schon an meine Zeit mit der Nationalmannschaft zurück und es entsteht in mir eine Sehnsucht. Aber diese vergeht, sobald ich selbst auf dem Platz stehe. Ich darf gar nicht denken, dass ich lieber in Frankreich wäre. Sonst könnte ich mit Philadelphia keine Leistung bringen.

Weshalb pausiert die Major League Soccer denn nicht? Die Copa America, das Pendant zur EM, findet jetzt in den USA statt.

Barnetta: Ich weiss es nicht, ich finde es auch komisch. Vermutlich fehlen den Clubs zu wenige Spieler während dieser Zeit, bei uns zum Beispiel war nur einer weg. Es gab einzig während der Copa-Vorrunde eine Pause von zwei Wochen.

Wie beurteilen Sie die Leistung der Schweizer bisher im EM-Turnier?

Barnetta: Ich habe die drei Gruppenspiele gesehen, die Schweiz ist eine gute Turniermannschaft geworden. Gegen Albanien ist sie nervös gestartet, brachte die Partie aber über die Runden. Der Penaltyentscheid beim Rumänien-Spiel war hart, danach kam die Schweiz zurück und hätte gewinnen müssen. Gegen Frankreich zeigte sie ihre beste Mannschaftsleistung bislang. Wir hatten zwar wenige Chancen, aber dafür den Gegner mehr oder weniger im Griff. Ich hoffe, dass wir uns in den Achtelfinals nochmals steigern können.

Nun geht es im Achtelfinal gegen Polen. Was ist möglich für die Schweiz?

Barnetta: Polen hat keine schlechte Mannschaft. Sicher wäre es gegen Deutschland, den anderen möglichen Gegner, schwieriger geworden. Aber man darf die Polen nicht unterschätzen.

Haben Sie noch gegen den einen oder anderen polnischen Spieler gespielt?

Barnetta: Gegen Arkadiusz Milik, der in Leverkusen war. Und gegen Robert Lewandowski, aber zu ihm muss ich ohnehin nichts sagen.

Wo sehen Sie die Vorteile der Schweiz?

Barnetta: In der Geschlossenheit des Teams. Wenn die Schweiz als eine Einheit auftritt, und jeder für jeden geht. Die Schweiz hat dieses Gesicht schon oft gezeigt, so kann sie einen Gegner wie Polen bezwingen.

Sie denken also, der Viertelfinal ist möglich? Ihnen blieb dieser Vorstoss an der WM 2006 und 2014 verwehrt.

Barnetta: Der Gegner in Brasilien war ja Argentinien und damit schon ein anderes Kaliber als es die Polen nun sind. Wenn die Schweiz die Leistung vom Argentinien-Spiel jedoch bringt, reicht das sicher für den Viertelfinal in Frankreich. Da habe ich keinerlei Bedenken.

Wer überzeugt Sie bisher im Team?

Barnetta: Kämpferisch jeder. Eckpfeiler waren Valon Behrami, Blerim Dzemaili, Granit Xhaka. Yann Sommer war sehr gut. Fabian Schär und Johan Djourou spielen es hinten sehr solide.

Wer kam nicht auf Touren?

Barnetta: Xherdan Shaqiri ist immer fähig, ein Spiel zu entscheiden. Er hat defensiv viel gearbeitet, und es ist wichtig, dass die Mannschaft das spürt. Ich bin kein Anhänger davon, einen Spieler mit so viel Qualität ständig härter zu kritisieren. Wenn er fürs Team arbeitet und keine Tore erzielt, wird das nicht anerkannt. Doch nur so werden seine Extraklasse-Aktionen von alleine kommen.

Kann die lange Pause von sechs Tagen bis zum Achtelfinalspiel der Schweiz schaden?

Barnetta: Ich finde diesen Modus mit 24 Teilnehmern schlecht. Es stehen nun sogar Nationen im Achtelfinal, die sich früher nicht einmal für eine EM qualifiziert hätten. Zur Frage: Die Pause kann ein Vorteil sein, es ist ja eine normale Woche, das kennt man als Spieler.

Wie hat sich das aktuelle Team verändert, seit Sie nicht mehr dazugehören?

Barnetta: Aus der Ferne ist das schwierig zu beurteilen. Ich kenne nur die Sicht der Presse. Ich habe aber das Gefühl, dass die Qualität der einzelnen Spieler höher ist als früher. Das müssen sie nun ausschöpfen, mit einem Exploit kann die Schweiz Geschichte schreiben.

Stehen Sie mit Spielern in Kontakt?

Barnetta: Fabian Schär habe ich zu seinem Tor gratuliert. Auch mit dem Staff tausche ich mich regelmässig aus.

Welches Resultat tippen Sie gegen Polen?

Barnetta: Wir gewinnen 1:0. Haris Seferovic drückt den Ball über die Linie.

Gibt es bei Ihnen eigentlich derzeit Gedanken an eine Rückkehr zum FC St.Gallen?

Barnetta: Ich bin mitten in der Meisterschaft und habe noch einen Vertrag bis zum Ende dieser Saison. Wie es danach weitergeht, weiss ich beim besten Willen noch nicht.

Bild: CHRISTIAN BRÄGGER

Bild: CHRISTIAN BRÄGGER