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Interview

Nati-Spieler Ricardo Rodriguez über seine Vergangenheit: «Es stand 50 zu 50, dass ich überlebe»

Ricardo Rodriguez kommt heute gegen Island zu seinem 58. Länderspiel. Der Verteidiger ist ein sicherer Wert – dabei war der 26-Jährige als Kind schwer krank und galt als schwierig.
Christian Brägger
Ricardo Rodriguez spielt heute in St.Gallen. Bild: (Andy Mueller/freshfocus)

Ricardo Rodriguez spielt heute in St.Gallen. Bild: (Andy Mueller/freshfocus)

Ricardo Rodriguez, Sie sind 26 Jahre alt, und bereits ist eine Biografie über Sie und Ihre Brüder Roberto und Francicso erschienen, die auch Fussballer sind. Sind Sie so wichtig?

Ich war am Anfang skeptisch, wollte meine Erlebnisse für mich behalten. Meine Brüder haben mich dann überredet. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich jemals ein Buch machen würde. Aber ich will damit den Jungen zeigen, was es braucht, um das Ziel zu verwirklichen, Fussballprofi zu werden. Und ich will meine Geschichte erzählen, wie ich aufgewachsen bin in der Agglo von Zürich.

Verarbeiten Sie damit die eigene Kindheit, die keine einfache war?

Vielleicht. Das Buch kann jenen helfen, die krank sind in der Kindheit – wie ich es gewesen bin. Sie sehen dann, was ich alles durchgemacht habe. Und dass man es dennoch schaffen kann.

Sie hatten eine schwere Zwerchfellhernie. Was ist das genau?

Das kann ich nicht in wenigen Worten erklären. Am besten schauen Sie bei Google nach. Ich bin mit diesem Problem geboren, hatte Mühe mit meinen Organen und den Folgen des Problems.

Es heisst, Sie seien als Kind speziell gewesen.

Das stimmt. Ich ging nicht gerne in die Schule, hatte viel Seich im Kopf. Manchmal schwänzte ich oder wurde vom Schulleiter nach Hause geschickt. Hausaufgaben wollte ich sowieso nie von mir aus machen. Und es gab auch Schlägereien. Ich musste ab und zu den Gleichaltrigen zeigen, wie es läuft (lacht). Dazu muss man wissen: Schwamendingen, wo ich aufgewachsen bin, war damals ein ziemlich hartes Pflaster.

Es gibt ein Kapitel mit der Überschrift: «Ricardo, das Sorgenkind.»

Das hängt eben mit diesem Umfeld und meinen gesundheitlichen Problemen zusammen. Meine Eltern mussten sehr auf mich aufpassen. Bis ich drei Jahre alt war, war ich oft im Spital. Es stand damals 50 zu 50, dass ich überlebe. Aber ich hatte Glück und den lieben Gott bei mir. Ich bin dankbar, dass ich noch lebe.

Sie haben einmal gesagt, es wäre ohne den Beruf des Fussballers schwierig geworden für Sie.

Sehr schwierig. Ich habe keine Lehre absolviert, wollte das einfach nicht. Vielleicht war ich zu überzeugt, dass es mit Fussball klappt. Zudem kann es sein, dass ich wegen meiner Krankheit rückständig war und ein paar Jahre verloren habe. Es war alles schwieriger für mich und es wäre neben dem Fussball mit der Ausbildung wohl zu viel geworden. Ohne den Fussball hätte ich vermutlich keinen Topjob und hätte etwas suchen müssen. Fragen Sie mich jetzt nicht nach dem Was, bitte. Ich weiss ja heute nicht einmal, was ich nach der Karriere tun werde.

Sie müssten nicht mehr arbeiten.

Das werden wir sehen. Vielleicht mache ich in der Tat zuerst Ferien für eine lange Zeit. Und schaue mir die Welt an. Aber ich will später ja auch Kinder haben.

Was würden Sie dem kleinen Ricardo mit auf den Weg geben?

Er soll nicht so werden wie ich (lacht). Aber ich fände es trotzdem lässig, wenn das Kind so wäre wie ich. Ich würde ihm dann schon sagen, dass die Schule wichtig ist. Oje: Wenn es genau so wird wie ich, wird es für die Mama hart.

Musste Ihre Mutter oft helfen?

Ja. Sie musste immer wieder mit dem Schulleiter reden. Ich ging ja in eine Art Sonderschule – sie musste oft schlichten, wenn ich nach Hause geschickt wurde.

Ihr Vater?

Der Vater hat immer gearbeitet. Jetzt tut er das nicht mehr. Das war mein Wunsch, mein Entscheid. Und es macht mich stolz. Er hat das verdient, auch wenn er sich dagegen sträubte.

Sie waren ein unruhiges Kind. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie Sie heute auf dem Platz wirken.

Ich habe mich heute tatsächlich beruhigt. Das entwickelte sich einfach so. Heute sage ich ja auch meine Meinung, wenn ich etwas nicht richtig finde. Und ich sage es auch, wenn es mir passt. Ich habe gerne ehrliche Menschen um mich. Falsche Leute sollen mich meiden.

Wie sind denn die Mitspieler in der Nationalmannschaft?

Die Leute hier sind super. Ich habe mit niemandem Probleme. Bis jetzt (lacht).

Sie schnupperten einst als Hausmeister in der Oerlikoner Eisbahn.

Das war meine erste Schnupperlehre. Die Schule vermittelte mir diese. Am zweiten Tag wurde mir langweilig, weil mein Kumpel nicht mehr kam. Also nahm ich den Gabelstapler, fuhr herum – und in eine Türe. Die war dann kaputt, der Chef stauchte mich schön zusammen. Natürlich entschuldigte ich mich dafür, aber ganz ehrlich: Solche Flausen habe ich manchmal noch heute im Kopf.

Haben Sie das Gefühl, Menschen, die sich weniger Gedanken machen im Leben, haben es einfacher? Beim Fussball sind Sie ja die Ruhe selbst. Und bringen seit Jahren Leistung.

Das weiss ich nicht. Vor dem Spiel bin ich schon angespannt, auch wenn es vielleicht anders und unbeschwert aussieht. Es ist einfach meine Art, ruhig zu spielen. Auf dem Platz bin ich ja immer gut drauf.

Es gab jüngst einige Probleme um die Nationalmannschaft. Wie haben Sie das alles erlebt?

Wir haben das alles aufgearbeitet. Darüber müssen wir jetzt nicht mehr reden. Reden wir über Fussball, Mann!

Wie sehen Sie Ihre eigenen Leistungen an der WM?

Ich finde, ich habe Leistung gebracht. Logisch ginge es noch besser. Es geht immer besser.

Haben Sie das Gefühl, das Schweizer Volk hat eine zu grosse Erwartungshaltung? Und ist zu wenig dankbar?

Das ist schwierig zu beantworten. Wir selbst wollen ja auch viel. Am liebsten würde ich im Final stehen und diesen gewinnen. Vielleicht sind die Anhänger trauriger und tragen dies länger mit sich herum. Aber: Es wäre mehr dringelegen.

Sie sind eine treue Seele, hatten mit Zürich, Wolfsburg und nun Milan erst drei Vereine.

Treu, was heisst das schon. Wenn man mich gut und korrekt behandelt, bin ich treu. Wenn man mir Wertschätzung gibt, bleibe ich. Sonst bin ich schnell weg.

Schätzt Milan Sie?

Bis jetzt schon. Gennaro Gattuso ist ein korrekter, ehrlicher Mensch, der Trainer liebt den Fussball. Aber man muss schon wissen: Italien ist eine ganz schwierige Liga, viele haben es hier nicht geschafft.

Paris St-Germain soll in diesem Sommer ein Thema gewesen sein.

Ja, das Interesse war da. Aber ich bin ja noch bei Milan. Ich spiele im San Siro, einem Weltklassestadion. In diesem Land mit diesen verrückten Fans.

Sie waren U17-Weltmeister. Damals sagte man, Sie könnten einst bei Real Madrid spielen. Machen Sie aus Ihrer Karriere zu wenig?

Wieso? Hallo? Milan bleibt Milan. Da kann jeder sagen, was er will. Glauben Sie mir, bei Milan wollen viele gerne spielen. Der Club hat so eine Aura. Sie werden sehen, was passiert, wenn wir wieder Champions League spielen.

Auf der linken Abwehrseite sind Sie weltweit einer der besten.

Man muss wissen: Damals wurde das vielleicht gesagt mit Real, aber es gab ja nie ein wirkliches Interesse. Es ist mir sowieso gleichgültig, was die Leute sagen. Ich bin zufrieden jetzt. Aber es ist schön, dass mir die Leute viel zutrauen. Man muss es wegen meiner Krankheit auch so sehen, dass ich jetzt fast schon zu viel geschafft habe. Das erreichen wenige. Vielleicht hat jemand Krebs gehabt und ist jetzt ein Topsportler. Aber mit meiner Krankheit ist meines Wissens niemand so weit gekommen wie ich.

An Krebs ist 2015 Ihre Mutter gestorben. Ist das noch sehr präsent?

Es muss weitergehen. Aber klar tut es noch weh, es wird immer wehtun. Es gibt ein Kapitel darüber im Buch. Ich persönlich hätte es gerne für mich behalten. Aber es ist gut, haben wir darüber geredet und kennt man von uns Rodriguez-Brüdern auch diesen Teil.

Der Bauchspeicheldrüsenkrebs, den Ihre Mutter hatte, kann vererbbar sein. Haben Sie Angst?

Angst habe ich nicht, so könnte ich nicht leben. Ich glaube an den lieben Gott. Wenn meine Zeit reif ist, ist sie reif.

Weshalb sind Sie auf Instagram?

Ich mache das für die Leute, die mich schätzen. Die gut zu mir sind, die für mich sind, die Fans von mir sind. Ihnen gebe ich etwas zurück. Es sollen mir auch nur diese Leute folgen, der Rest kann mich getrost in Ruhe lassen.

Wie sehen Sie Vladimir Petkovic?

Der Trainer macht einen guten Job, er führte die Schweiz zweimal nacheinander in die Achtelfinals einer Endrunde. Wir haben von den letzten 25 Spielen nur zwei verloren. Wenn die Resultate so stimmen, muss vieles stimmen. Ich denke, er hat sich im Vergleich zu früher etwas mehr geöffnet. Vielleicht wirkt er für die Medien nicht immer gleich, weil er manchmal mehr reden mag und manchmal weniger. Aber so bin ich ja auch. Heute zum Beispiel, da habe ich richtig Lust zum Reden.

Das spürt man. Was erwarten Sie von der Nations League?

Wir müssen nicht viel ändern, die Neuen werden schnell integriert sein. Wir müssen weitermachen wie zuvor, es war ja nicht schlecht. Island in St. Gallen wird spannend, weil es eben doch um etwas geht. Ich will jedes Spiel gewinnen, auch in der Nations League ganz vorne sein.

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