Es ist Zeit, dass St. Gallen weiterkommt

Leitartikel

Patricia Loher
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In der Rückrunde muss beim FC St. Gallen etwas gehen. Die Mannschaft ist gut genug, um sich vom Abstiegskampf fernzuhalten und mindestens Rang fünf zu erreichen. Es liegt nun an Trainer Joe Zinnbauer, das Maximum aus diesem Team herauszuholen. Der 46-jährige Deutsche muss den Beweis erbringen, dass ihm Präsident Dölf Früh während der lange enttäuschenden Vorrunde zurecht derart beharrlich zur Seite gestanden ist.

Damit die Diskussion um die Erwartungen nicht gleich wieder aufkommt: Der FC St. Gallen muss nicht die Europa League erreichen. Aber er muss dem Publikum vermitteln, dass er zumindest alles dafür tut. In St. Gallen geht es noch immer vor allem um Leidenschaft und um Kampfgeist. Im vergangenen Jahr gelang es St. Gallen lange nicht, die Anhänger zu fesseln. Und das hatte nicht nur mit den Resultaten zu tun, sondern primär mit Konzeptlosigkeit und fehlender Ausstrahlung.

Zinnbauer hat mit Tranquillo Barnetta einen 75-fachen Schweizer Internationalen erhalten, eine Identifikationsfigur, die der Mannschaft auch neben dem Platz helfen kann. Hinzu kam in dieser Woche der Transfer des ehemaligen Bundesligaspielers Sejad Salihovic, was im Umfeld eine kleine Euphorie ausgelöst hat. Natürlich, Barnetta und Salihovic allein werden St. Gallen nicht aus der gefährlichen Zone führen. Aber die Ostschweizer verfügen mit Albian Ajeti über einen der talentiertesten Schweizer Stürmer, den der FC Basel einst gerne behalten hätte. Sie haben mit Toko einen umsichtigen, kampfstarken Captain in ihren Reihen, der früher bei den Grasshoppers Leistungsträger war. Karim Haggui bringt Bundesligaerfahrung mit, der U21-Internationale Martin Angha und Barnetta ebenfalls. Alain Wiss und Andreas Wittwer sind ebenso routinierte Super-League-Spieler wie Marco Aratore. Hinzu kommen talentierte Akteure wie Gianluca Gaudino, Silvan Hefti oder Roy Gelmi, die sich weiterentwickeln können. Und vergessen wir nicht: Danijel Aleksic und Yannis Tafer haben in den vergangenen Monaten ihr Potenzial kaum noch ausgeschöpft. Dabei wären sie zwei wunderbare, kreative Fussballer, die St. Gallen ebenfalls weiterbringen könnten. Das Spielermaterial also passt. Zumindest auf dem Papier.

Doch die Mannschaft muss sicherer werden. Sie muss ein Rückgrat erhalten, an dem nicht mehr gerüttelt werden darf. In den sechs Spielen vor der Winterpause kehrte die Hoffnung zurück, dass der FC St. Gallen seinen Weg doch noch finden könnte. Nachdem Zinnbauer auf eine Dreierabwehr umgestellt und zumeist denselben Leuten vertraut hatte, stabilisierte sich das Team. Es gewann an Sicherheit. Doch das Eis ist noch immer dünn. Fünf Punkte sind kein beruhigendes Polster. Entscheidend wird sein, wie St. Gallen morgen in Vaduz auftritt. Gewinnen die Ostschweizer gegen die Liechtensteiner erstmals überhaupt in der Super League, könnte das eine befreiende Wirkung haben. Verliert St. Gallen erneut, kommt wieder Unruhe auf.

Die Augen werden in den nächsten Wochen vor allem auf Barnetta gerichtet sein. Kein St. Galler war in jüngerer Vergangenheit auf internationaler Ebene erfolgreicher als er. Natürlich ist der 31-Jährige deshalb St. Gallens neuer Hoffnungsträger. Nur: Das Publikum weiss sehr wohl, dass er allein es nicht wird richten können. Er braucht um sich eine funktionierende Mannschaft, eine Mannschaft mit einem Plan. Sonst steht auch er auf verlorenem Posten. Das Wichtigste aber bringt Barnetta ohne Zweifel mit: Herzblut für den Club. Der FC St. Gallen wird für ihn nicht bloss ein Arbeitgeber sein. Barnetta weiss um die Bedeutung dieses Vereins für die Region. Die Erwartungen werden einem wie ihn, der an fünf grossen Turnieren und in der Bundesliga engagiert war, nicht zu schaffen machen.

Zinnbauer hat die Instrumente in der Hand, um St. Gallen in der fünften Saison nach dem Aufstieg einen Schritt weiterzubringen. Es ist an der Zeit.