«Es gibt noch viel zu tun»

MÜLLHEIM. Der Gewinner des diesjährigen Straubenzeller Kulturpreises, Christoph Rütimann aus Müllheim, war schon als ganz junger Künstler besessen von der Malerei. Und doch konnte er lange nicht malen – bis er die Hinterglasmalerei für sich entdeckte.

Brigitte Schmid-Gugler
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Reflexe von Licht und Raum in den Hinterglasmalereien von Christoph Rütimann. (Bild: Stefan Beusch)

Reflexe von Licht und Raum in den Hinterglasmalereien von Christoph Rütimann. (Bild: Stefan Beusch)

«The winner is…» Wie bei der Oscar-Verleihung liess Konrad Bitterli in der Kunsthalle Spannung aufkommen, bis er den diesjährigen Gewinner des Straubenzeller Kulturpreises beim Namen nannte. Als er sich dann aus dem versammelten Publikum herausschälte, las man etwas verwirrte Ungläubigkeit in seinen Augen. Später wird er berichten, er habe erst wenige Stunden vor der Preisverleihung von seinem Glück erfahren. Seither sind mehrere Wochen vergangen, Christoph Rütimann ist zu seiner Arbeit zurückgekehrt. In seiner unprätentiösen und unaufgeregten Art sagt er: «Es gibt noch viel zu tun.»

Rütimann ist eher ein Zweifler am Folgerichtigen, am «Beweis». Der Begriff fiel gegen Ende des Gesprächs, und es hätte, nur dieses Wortes wegen, nochmals alles neu geredet, neu nachgedacht werden können. Doch ein Nachmittag war vergangen, wir hatten in seinem Haus in Müllheim die «Linie» gezogen, die Linie der Kunst und des Denkens, seines Kunst-Denkens, das auch – etwa in seinen Videos «Handläufe» – gern mal gegen die Mauer prallt und ihn auch in der Frage «Wie kann man malerisch an die Wand kommen?» lange umtrieb.

Hinterglasfragerei

Kein Ankommen könnte herzlicher sein. Christoph Rütimann und seine Frau, die Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse, stehen gemeinsam an der Türe, mit dabei der schafwollige Hund Miklós. Unumständlich ist man mittendrin im Reden von der Sprache – ein «Die» genügt, um der Welt auch ein «Das» abzuringen und sie gemütlich im Neutrum spazieren zu führen. Und ein Blick aus dem Fenster – Rütimann/Gahse bewohnen das alte Pfarrhaus in Müllheim – genügt, um auch das Transit-Dorf in einen grösseren geographischen Kontext zu stellen. Auf dem Esstisch ausgebreitet die letzte Reihe von jüngsten Tuschezeichnungen. Präzis durchkomponierte, sich verdichtende, huschende, auflösende und wieder rhythmische Strukturen. In Zeit, Ort und Raum hineingeborene Bildtopographie.

Rütimann ist, in allen seinen bespielten Disziplinen, hemmungslos im Hinblick auf die Frage: Was. Ist. Er ging – als Zürcher – im bündnerischen Schiers zur Schule, der Vater hatte eine Stelle als Lehrer dort. Nach dem Lehrerseminar wechselte er an die Kunstgewerbeschule Luzern; er wurde Zeichnungslehrer, unterrichtete etliche Jahre und stellte sich endlich seiner (un)wägbaren Renitenz: Was. Ist.

Weit über die Schweiz hinaus bekannt war der 1955 Geborene schon zu Beginn der 90er-Jahre, als er an der Biennale in Venedig in der Kirche San Staë seine schräge Geschichte mit der «Schiefen Ebene» aus Gips aufbaute. Daneben standen monochrome, über drei Meter hohe Bildtafeln, hinter Glas gemalt.

Rückbezüglich

Die Arbeit, die im Kunstmuseum St. Gallen gezeigt wird und dem Künstler zwanzig Jahre später den Straubenzeller Kulturpreis bescherte, besteht aus drei Hinterglasmalereien. Lange stellte er seine früher ausschliesslich monochromen Malereien – hinter dem Glas als Spiegelungen sowohl der Farbe als auch des Raumes – einfach schräg gegen die Wand. Erst mit dem Keilrahmen ging er einen Schritt weiter und bearbeitet nun malerisch die Innenflächen dieses Sandwiches, also aufgezogene Leinwand und Glasscheibe.

In seinem labyrinthischen Atelier, bestehend aus mehreren verschachtelten Räumen – die auch Denkräume sind –, einem ehemaligen Stallgebäude, wo irgendwo hoch oben einige seiner Installationsboote herausschauen, stehen und liegen übereinandergestapelt auch die berühmten Waagen. Auch sie ein untrügliches Zeichen des Gewichtemessens – von Welt und deren Widerstand. Und dann sind da auch viele der Hinterglasmalereien – wie Christoph Rütimann sagt, «die einzige Art für mich, an die Wand zu kommen». Die Fotografie war gerade daran, Aspekte der Malerei für sich neu zu übersetzen. Für Rütimann kam erst mal die Frage: «Chi ha detto che il giallo non è bello?», eine in die Luft geworfene Provokation, die in eine Befreiung mündete. Der Künstler hatte für diese 1983 entstandene 35teilige Arbeit die Kamera am Rande eines leuchtenden Rapsfeldes immer wieder hochgeworfen und den Selbstauslöser betätigt. Die Kamera übernahm dabei die Funktion des Pinsels.

«Wer hat gesagt, dass das Gelb nicht schön ist?» sollte der Beginn einer langjährigen Auseinandersetzung mit Farbe und der Frage sein: Was. Ist. Malen. «Malerei hat für mich ausschliesslich mit Farbe zu tun», sagt er, «und gar nichts mit Zeichnen oder Be-Zeichnen.» Er geht die Malerei wie die Rückfrage auf eine nicht richtig verstandene Antwort an. Klopft jede Beweisführung auf ihre Lücken ab. Er liest viel Wissenschaftliches. Fragt, wie unser Hirn funktioniert. Wie «unser Auge eine Offerte annimmt». Reflektiert seine Arbeit über die Kunstgeschichte.

Selber steckte er 1996, weil er letztlich mit den günstig erstandenen Kunstbänden nichts anzufangen wusste, sie in die Waschtrommel und entwickelte daraus den berühmten «Waschsalon». Er sei eigentlich ein ganz «normal Schauender», sagt Christoph Rütimann, und er meint es durchaus so, wie er es sagt.

Bis 24.2. www.heimspiel.tv