«Es gibt nichts, das dir hilft»

Im Buch «Leiden im Licht» erzählt die ehemalige Kunstturnerin Ariella Kaeslin ihre Lebensgeschichte – und wie schwierig es für sie als Spitzensportlerin war, nach dem Rücktritt ihren Platz im Alltag zu finden.

Stefan Klinger/Luzern
Merken
Drucken
Teilen

Frau Kaeslin, das vierte Kapitel des Buchs beginnt mit einem erschreckenden Zitat. Da heisst es von Ihnen in bezug auf den Oktober 2011, drei Monate nach Ihrem Rücktritt: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und nachher tot gewesen wäre, hätte ich den Knopf gedrückt.»

Ariella Kaeslin: Ich hatte damals keine Selbstmordabsicht, aber ich habe die Ungewissheit und das Unwohlsein nicht mehr ausgehalten. Ich wollte einfach, dass es wieder so wird wie vorher. Dass es normal wird. Dass ich wieder Emotionen habe. Ich habe da gerade eine Asienreise gemacht und genau gewusst, dass ich normalerweise vor Begeisterung ausflippen würde bei dem, was ich dort alles gesehen und erlebt habe. Aber es war einfach nicht so. Und ich wusste nicht, wie lange dieser Erschöpfungszustand andauern wird. Da bin ich sehr unruhig geworden.

Was hatte diesen Erschöpfungszustand ausgelöst?

Kaeslin: Es gibt zwar Förderprojekte bis zum Gehtnichtmehr, um junge Sportler zu unterstützen. Aber wenn du zurücktrittst, gibt es nichts, das dir hilft, ins normale Leben zurückzukommen. Da bist du dann für die Verbände nicht mehr interessant. Ich hätte nie gedacht, wie schwierig der Übergang ins normale Leben sein würde. Man sagt immer: Jetzt bist du frei und hast viel Zeit. Aber da sind dann so viele Kleinigkeiten im Alltag auf mich zugekommen, die ich erst einmal lernen musste.

Zum Beispiel?

Kaeslin: Ich habe gar nicht gewusst, was man als Otto Normalverbraucher isst, was man einkauft, was man redet unter Nichtsportlern, wenn du in der Gruppe zusammensitzt. Als Spitzensportler bist du immer in einem geschützten System. Da ist immer alles vorgegeben, nicht nur in Sachen Ernährung. Daher gehst du kopflos durch den Alltag. Du hast dir Regeln aufgebaut – wenn die dann weg sind, wirst du erschlagen vom Angebot.

Was heisst das konkret?

Kaeslin: Im Sport zum Beispiel war ich gewöhnt, weltweit zu den Besten zu gehören. Als ich es dann mit Volleyball versucht habe, war ich auf einmal eine der Schlechtesten. Vom Training, das ich mir gewünscht hatte, hätte ich in die oberste Liga gehen müssen. Aber wegen meines Niveaus musste ich in die unterste. Da haben wir nur einmal die Woche trainiert. Das hat mich nicht zufriedengestellt. In der Schule war es ähnlich.

Sie meinen, als Sie nach Ihrem Rücktritt versucht haben, die Matura nachzuholen?

Kaeslin: Ja. Vom Stoff her war ich völlig überfordert, weil ich damals überhaupt nicht aufnahmefähig war. Ich war ja seit der vierten Klasse nie länger als zwei Lektionen am Stück in die Schule gegangen – und plötzlich hatte ich acht Lektionen am Stück. Das hat mich überfordert. Vom Menschlichen her war ich dagegen unterfordert, weil ich wieder mit 16-Jährigen in eine Klasse gegangen bin.

Im Buch schildern Sie offen Ihren Umgang mit Antidepressiva. Haben Sie Ihre Krise ausgestanden?

Kaeslin: Am Anfang habe ich noch ziemlich negativ auf meine Karriere zurückgeblickt, aber jetzt sehe ich vielmehr das Positive. Ich sehe, wie ich an der Krise gewachsen bin. Mir geht es zwar wieder super gut, aber ich stecke noch immer im Prozess, da wieder herauszukommen.

Nehmen Sie noch Antidepressiva?

Kaeslin: Nein. Die habe ich nicht allzu lange nehmen müssen. Aber damals hatte es sie gebraucht, weil ich so ausgezehrt war, dass es nur dank der Medikamente möglich war, meinen Körper wieder dahin zu bringen, wie es eigentlich normal ist.

Sie sagen, Sie können nun das Positive an der Krise sehen. Was ist das?

Kaeslin: Dass ich mein Leben verlangsamt habe und toleranter mir gegenüber geworden bin. Das Selbstzerstörerische, das ich als Kunstturnerin hatte, habe ich jetzt nicht mehr. Das krasse Verhältnis zu sich selber, dass man dem inneren Zwang unterliegt, nie mit sich zufrieden zu sein.

Aktuell betreiben Sie Triathlon. Nur aus Spass an der Freude?

Kaeslin: Klar habe ich es noch immer in mir drin, mich verbessern zu wollen – aber nicht mehr um jeden Preis. Es hat lange gedauert, bis ich das gelernt habe. Denn während des Spitzensports hatte ich gelernt, meine Bedürfnisse zu unterdrücken – Hunger, Müdigkeit, Schmerzen.

Im Buch zeichnen Sie ein krasses Bild vom Alltag im Leistungszentrum in Magglingen, wo Sie als Kind unterdrückt wurden. Beschäftigt Sie das noch?

Kaeslin: Solche Leidenssituationen vergisst man schnell. Manchmal träume ich nachts davon. Aber dann wache ich auf und muss schmunzeln. Damals war das krass, aber heute geht's mir wieder gut. Mit 13 hast du halt noch nicht die Fähigkeit, diese Methoden zu durchschauen – heute könnte ich das.

Würden Sie das Buch als ein Aufklärungsbuch charakterisieren?

Kaeslin: In Gesprächen mit anderen Sportlern habe ich realisiert, dass auch andere Schwierigkeiten nach dem Rücktritt hatten, aber dass sich eben niemand traut, darüber zu sprechen. Gerade als Sportler willst du immer als stark und unzerstörbar angeschaut werden. Insofern möchte ich helfen, das Tabu zu brechen. Aber ich möchte auf keinen Fall pauschalisieren. Ich will meine Geschichte erzählen.