«Es geht weiter, wir stehen auf»

Das Aus im EM-Achtelfinal gegen Polen tut richtig weh. Für Captain Stephan Lichtsteiner steht fest: Er macht weiter. Die Schweiz startet in zehn Wochen in die WM-Kampagne – in Basel gegen den EM-Viertelfinalisten Portugal.

Andreas Ineichen/St-Etienne
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Trainer Vladimir Petkovic (rechts) und Captain Stephan Lichtsteiner während des Achtelfinals gegen Polen. (Bild: epa/Robert Ghement)

Trainer Vladimir Petkovic (rechts) und Captain Stephan Lichtsteiner während des Achtelfinals gegen Polen. (Bild: epa/Robert Ghement)

FUSSBALL. So will er den Schweizerinnen und Schweizern nicht in Erinnerung bleiben. Nicht als Teamleader, der mit der Nationalmannschaft das zweite Penaltydrama in zehn Jahren erleiden musste. 2006 scheiterten die Schweizer im WM-Achtelfinal an der Ukraine, am Samstagabend in St-Etienne im EM-Achtelfinal gegen Polen. Wieder war eine grosse Chance vertan, sich ein schönes Plätzchen in der Schweizer Sport-Historie zu sichern – trotz all der schönen Worte zur Selbstbeweihräucherung. Und nicht zuletzt: Es war nicht das Turnier des Stephan Lichtsteiner, der im Verein – fünfmal Meister mit Juventus Turin in Serie – seit einiger Zeit die besseren Leistungen bringt als im Dress mit dem Schweizer Kreuz. So will der leidenschaftliche Aussenläufer aus dem Kanton Luzern, der in seiner Karriere stets das Optimum aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat, nicht abtreten. Schliesslich kann er viel mehr. Und er ist mit seinen 32 Jahren in einer körperlich ausgezeichneten Verfassung.

«Rücktritt wäre schade»

Selbstverständlich hat sich Lichtsteiner anders ausgedrückt, als er nach dem 5:6 nach Penaltyschiessen gegen die Polen vor die Medien trat. Er, der das Captainamt vom nicht für die EM berücksichtigten Gökhan Inler geerbt und seine eigene Zukunft nach der EM offen gelassen hatte, sagte: «Es geht weiter, wir werden aufstehen. Es wäre ja schade, wenn ich jetzt aufhören würde.» Es seien ähnliche Gefühle, die seine Welt beherrschten wie vor zwei Jahren, als die Schweiz in der Verlängerung des WM-Achtelfinals gegen Argentinien 0:1 ausgeschieden war. «Wir sind ziemlich frustriert, weil bloss das Quentchen Glück fehlte. Aber deshalb sind wir auch stolz auf unser Turnier.»

Jetzt sind Lichtsteiner und Co. erst recht gewillt, sich für die WM 2018 in Russland zu qualifizieren. Und dann das nachzuholen, was seit 2006 gegen mehr – Argentinien – und weniger namhafte Gegner – Ukraine und Polen – verpasst worden ist, an den ersten Viertelfinals seit der WM 1954 teilnahmeberechtigt zu sein. Los geht's für die Schweizer am 6. September in der WM-Qualifikation gegen Portugal, den Favoriten der Gruppe B und den verpassten Viertelfinalgegner an der EM in Frankreich. Die Ungarn, die Färöer, Lettland und Andorra sind die weiteren Gruppengegner. Der Erste der neun Gruppen in Europa qualifiziert sich jeweils direkt, die acht besten Gruppenzweiten machen in einer Barrage die vier weiteren WM-Tickets aus.

Es ist davon auszugehen, dass Haris Seferovic auch in der nächsten WM-Kampagne eine wichtige Offensivkraft der Schweizer sein wird. Ihm ist an der WM nicht viel gelungen, ein Eintrag in der Torschützenliste fehlt dem Stürmer, weil er gegen Albanien und Rumänien ein paar erstklassige Chancen liegen gelassen hat. Und als ob dem nicht genug wäre, traf er gegen Polen in der 79. Minute noch die Latte. Der Siegtorschütze der Schweizer an der U17-WM von 2009 sagte hinterher: «Es ist ungerecht, dass wir verloren haben. Wir waren das deutlich bessere Team. Polen hatte ab der zweiten Halbzeit keinen Stich mehr.»

Mittelfeld zu wenig gefährlich

Das kann man durchaus so empfinden. Aber: Die Schweizer hätten schon vor der Pause uneinholbar im Rückstand liegen können – so sehr liessen sie sich von den Polen dominieren. Und als Rück- wie auch als Ausblick bleibt festzuhalten: Die Schweiz braucht – neben Traumtorschütze Xherdan Shaqiri dringend torgefährliche Mittelfeldspieler. Sonst wird die WM-Kampagne womöglich in einer Enttäuschung enden.

Alle EM-Infos auf unserem Special www.tagblatt.ch/euro2016

Bild: ANDREAS INEICHEN/ST-ETIENNE

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