Es geht um jedes Gramm

Abspecken vor dem Wettkampf: Das gilt besonders für die Tauzieher. An der WM, die am Wochenende in Appenzell stattfindet, ist bereits das offizielle Wiegen eine Attraktion. Hier machen sich die Teilnehmer so leicht wie nur möglich.

Matthias Hafen
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Entscheidender Moment: Der Tauzieher hofft beim Wiegen auf einen möglichst tiefen Wert. (Bilder: Michel Canonica)

Entscheidender Moment: Der Tauzieher hofft beim Wiegen auf einen möglichst tiefen Wert. (Bilder: Michel Canonica)

TAUZIEHEN. Das traditionelle Prozedere ist streng geregelt. Zuerst werden die Teilnehmer gewogen, anschliessend gestempelt. Und erst dann werden sie den Zuschauern in der Arena präsentiert. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Hier ist nicht etwa von einer Viehschau die Rede, sondern von der WM im Tauziehen. Die Achterteams treten in verschiedenen Gewichtsklassen gegeneinander an. Bei der Einteilung vor dem Wettkampf ist deshalb jedes Gramm entscheidend. Schönheit spielt keine Rolle.

Ganze Kerle mit Ecken und Kanten, von denen man glaubt, sie seien aus einem Stück Holz geschnitzt, sind dennoch die Ausnahme im Teilnehmerfeld. Viele Tauzieher, die sich an diesem Morgen um 8 Uhr in der Turnhalle Wühre wiegen lassen, sind hager, sehen aus wie Ruderer. Egal, ob sie aus England, Holland, Südafrika oder China kommen. Bei den teilnehmenden Frauen das gleiche Bild: In diesem Sport braucht Klasse offensichtlich nicht zwingend Masse.

Mit der Einstellung eines Profis

«Tauzieher sind Athleten, keine Pläuschler», sagt Tony Martin, Vizepräsident des internationalen Verbands (Twif). Der Engländer überwacht das offizielle Wiegen mit der Ernsthaftigkeit, als wäre es ein Profisport. Doch selbst traditionelle Tauzieh-Nationen wie England oder Holland stellen an der WM in Appenzell Amateurteams. Geld ist wenig im Spiel, Manipulation daher praktisch ausgeschlossen. Zumal die Zeiger der zahlreichen Waagen gnadenlos genau sind. Die Athletinnen und Athleten lassen jedoch nichts unversucht, vor dem Wiege-Termin noch das eine oder andere Gramm zu schinden. Saunabesuche sind besonders beliebt. Verbands-Vizepräsident Martin musste lachen, als er am Vorabend diverse Teilnehmer in dicken Pullovern durch Appenzell joggen sah. «Sie schwitzen jeden Tropfen Wasser aus ihren Körpern, damit ihr Nationalcoach bei der Mannschaftseinteilung mehr Spielraum erhält», sagt Martin.

Der Coach stellt für jede Gewichtsklasse ein Achterteam zusammen, das dem maximal zulässigen Gewicht am nächsten kommt. Denn je mehr Gewicht am Seil hängt, desto schwieriger hat es der Gegner. Entsprechend werden die Tauzieher am Wettkampftag am Oberschenkel gestempelt. Bei den tiefsten Kategorien – 580 kg bei den Männern und 500 kg bei den Frauen – können einige Kilogramm mehr oder weniger entscheidend sein für den Ausgang einer Begegnung.

Schwitzen bis zum Umfallen

Aus diesem Grund steht auch das aktuelle Wiege-Prozedere in der Kritik, das den Athleten zwei Tage Pause gibt zwischen dem Balanceakt auf der Waage und dem Auftritt in der Arena. Zuvor wurden die Tauzieher jeweils am Wettkampftag gewogen. Das hatte zur Folge, dass einzelne völlig dehydriert zum Ziehen antraten – bis Teamärzte Alarm schlugen.

Nun kann zwischen Wiegen und Wettkampf wieder angefuttert werden, was vorher abgespeckt wurde. Das ist an diesem Morgen in der Wühre offensichtlich. Auf dem Vorplatz sitzen die gewogenen Tauzieher mit dicken Butterbroten und Süssgetränken in der Hand. Ihre WM-Kämpfe finden am Samstag und am Sonntag statt. «Die Differenz zwischen Wiegen und Wettkampf kann in einem Team bis zu zwanzig Kilogramm ausmachen», sagt Markus Alpiger, Leistungssportchef der Schweizer Delegation. Er schlägt vor, das Wiegen auf den Vorabend des Wettkampfs zu verlegen.

Betrachtet man das Frauen-Team von Chinesisch Taipeh, relativiert sich der Knatsch um die Gramme wieder. Die Tauzieherinnen aus Asien laufen wie eine Kindergartenklasse durch die Sporthalle Wühre – in Reih und Glied und alle mindestens einen Kopf kleiner als der Rest. Wie soll diese Equipe an der WM nur einen Zug für sich entscheiden können?

Schadenfreude über das Gewicht des Teamkollegen? (Bild: Michel Canonica)

Schadenfreude über das Gewicht des Teamkollegen? (Bild: Michel Canonica)

Chinesische Tauzieher vor dem Gang zur offiziellen Waage. (Bild: Michel Canonica)

Chinesische Tauzieher vor dem Gang zur offiziellen Waage. (Bild: Michel Canonica)

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