«Es folgt ein Jahr der Experimente»

Das 2014 umstrukturierte Schweizer Langlaufteam hat eine beachtliche Weltcup-Saison hinter sich. Disziplinenchef Hippolyt Kempf spricht vom «harten Schnitt», der dem Team gutgetan habe. Nun fordert er «Mut zum Experiment».

Ralf Streule
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«Ich bin mit der Saison zufrieden – natürlich fehlt das Sahnehäubchen»: Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf bei Swiss-Ski. (Bild: ky/Marcel Bieri)

«Ich bin mit der Saison zufrieden – natürlich fehlt das Sahnehäubchen»: Hippolyt Kempf, Disziplinenchef Langlauf bei Swiss-Ski. (Bild: ky/Marcel Bieri)

Herr Kempf, WM-Silber und sieben Weltcup-Podestplätze, das hört sich gut an. Dennoch ist es – auf hohem Niveau – ein Rückschritt für den Schweizer Langlauf. 2013 gewann Dario Cologna WM-Gold und -Silber, in Sotschi 2014 zweimal Gold, 2011/12 gab es dank ihm zwanzig Weltcup-Podestplätze. Wie zufrieden sind Sie mit der Saison?

Hippolyt Kempf: Man muss sich nur die Gesamtrangliste im Weltcup anschauen: Wir haben viele Athleten und Athletinnen näher an die Besten der Welt gebracht. Jonas Baumann, Roman Furger oder Nathalie von Siebenthal liefen in die Punkte, Toni Livers zeigte eine starke Saison. Ich bin zufrieden. Natürlich fehlt das Sahnehäubchen: WM-Gold oder die Finalqualifikation im Sprint. Doch Dario hat die Zielvorgabe mit der Medaille erfüllt. Und er war nahe an einer zweiten.

Bei Cologna war eine Sprintschwäche auszumachen. Das zeigte sich in Schlussphasen von Rennen, aber auch in den Sprint-Wettkämpfen.

Kempf: Da gibt es drei Erklärungen: Je älter ein Sportler wird, desto mehr muss er für die Sprintfähigkeit arbeiten. Zweitens ist Colognas Fussverletzung noch nicht restlos auskuriert, dazu blieb im Sommer 2014 schlicht zu wenig Zeit. Zudem war im Training die Intensität höher, darunter litt die Schnelligkeit wohl etwas. Bei Punkt zwei und drei setzen wir an.

Das Training wurde von Ivan Hudac neu konzipiert. Er ersetzte Trainerin Guri Hetland – was zunächst ziemlich umstritten war. Wie hat sich der Wechsel ausgewirkt?

Kempf: Der Schnitt war hart, vieles wurde reorganisiert, Coaching-Abläufe wurden neu definiert – das alles ist gut verlaufen. Auch als der Weltcup-Start unter den Erwartungen verlief, fiel das Team nicht auseinander, wurde jedes Wochenende eingespielter.

Man hatte sich erhofft, dass Cologna unter Hudac nicht mehr denselben Sonderstatus einnimmt wie zuvor und dass sich so das Teamgefüge verbessert. Ist dies passiert?

Kempf: Dario hat weiterhin einen sehr hohen Stellenwert im Team. Er ist unterdessen aber nicht mehr der Star, sondern der Kopf einer Mannschaft. Das hat Hudac erreicht. Ich habe noch nie eine so gut funktionierende Mannschaft gesehen wie in Falun an der WM. Dario übernahm Verantwortung, was sich zum Beispiel in der Staffel zeigte, als die Medaillen schon weg waren, er aber alles gab, obschon für ihn noch Rennen bevorstanden.

Man versprach sich von Hudac auch neue Impulse.

Kempf: Diese Erwartungen haben sich erfüllt. Zum Beispiel, was die Trainingssteuerung betrifft, hat Hudac hervorragende Arbeit geleistet. Einige Löcher, die sich nach dem Trainerwechsel ergaben, sind aber noch nicht aufgearbeitet – zum Beispiel in Sachen Endschnelligkeit. Es geht hier aber nicht darum, einen Trainer gegen den anderen auszuspielen. Beide haben grosse Fähigkeiten.

Hudac scheint introvertierter als Hetland, in der Aussenwirkung war die Norwegerin präsenter.

Kempf: In der Inszenierung nach aussen haben wir – verglichen mit den vergangenen Jahren – Potenzial, das ist richtig.

Im kommenden Winter folgt eine Saison ohne Grossanlass. Wie wirkt sich das auf die Planung aus?

Kempf: Vor WM und Olympischen Spielen müssen bewährte Muster und Erfolgsrezepte abgerufen werden – deshalb ist jetzt der Moment für Experimente im Training. Das kann vieles sein: längere Pausen, neue Trainingsmethoden, neue Kraftformen, neue Zyklen, was auch immer. Ich will, dass meine Leute in den kommenden Wochen überlegen, was sie im Training ausprobieren könnten. Mut zum Risiko, neue Erkenntnisse sind das Ziel. Auf Dauer gewinnt man dabei. Ich hatte selber einst zu wenig Mut zur Veränderung: Ich versuchte nach dem Olympiasieg in Calgary 1988 (in der Nordischen Kombination, Red.) immer wieder, Altes zu perfektionieren. Doch erst eine Umstellung brachte mich wieder vorwärts. Ältere können sich Fragen zur Trainingsintensität stellen, Junge können mit Formen wie Höhentraining experimentieren.

Zunächst ist aber eine Ferienpause angesagt, nehme ich an.

Kempf: Nach den Schweizer Meisterschaften vom Wochenende in Kandersteg werden die meisten Läufer noch weitere Rennen bestreiten, unter anderem in Skandinavien. Nach den Ostern ist dann Ruhe angesagt. Und Mitte Mai beginnt das Sommertraining mit der Saisonplanung und Leistungstests.