ERFOLGSGESCHICHTE: Auf der Überholspur

Als Kind lebte Salomé Kora mit ihrer Familie fünf Jahre in Afrika und machte nur wenig Sport. Heute gehört die St. Gallerin zu den schnellsten Sprinterinnen der Schweiz.

Raya Badraun
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Salomé Kora feierte bei Athletissima Lausanne einen Schweizer Rekord mit der Staffel. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Salomé Kora feierte bei Athletissima Lausanne einen Schweizer Rekord mit der Staffel. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

Raya Badraun

Eine Hundertstelsekunde. Das ist nichts – und doch so viel. Ein Hundertstel trennt Salomé Kora im Sprint von der WM in London. Ihre Bestzeit von 11,27 stellte sie vor einer Woche am nationalen Meeting in Bulle auf. Damit war sie 18 Hundertstel schneller als 2016. Und heute bei der Galà dei Castelli in Bellinzona will sie noch schneller sein. Was Kora in den vergangenen Jahren erreicht hat, ist beeindruckend. Mit einem atemberaubenden Tempo hat sie sich den grossen Schauplätzen der Leichtathletik angenähert. An den Olympischen Spielen in Rio war sie und an die WM, die im August in London stattfindet, wird sie es auch schaffen. Wenn nicht alleine, dann zumindest mit der 4 × 100-m-Staffel. Stephan Keller, ihr erster Trainer beim LC Brühl, hat solche Auftritte vor Jahren prophezeit. Da war Kora noch Neuling und hatte kaum Trainingsstunden in den Beinen. Über die Worte ihres Trainers hat sie nur gelacht. ­Keine Sekunde glaubte sie daran. Wie sollte sie auch?

Damals war sie bereits 17 Jahre alt. Es gibt zwar Quereinsteiger, die noch älter sind. Doch diese wechseln meist von anderen Sportarten zur Leichtathletik. Kora gehörte nicht zu ihnen. Sie war keines dieser Kinder, das ­immer in Bewegung war und ­beschäftigt werden musste. ­Während ihre beiden jüngeren Schwestern draussen herumtobten, blieb sie lieber in ihrem Zimmer und las Bücher. Ein bisschen tönt ihre Geschichte deshalb wie ein Märchen, das vor über 23 Jahren im westafrikanischen Benin ihren Anfang nahm.

«Mit dem Minimum zufrieden sein»

1991 lernten sich ihre Eltern in Benin kennen. Salomés Mutter war damals Krankenschwester und arbeitete in einem Missionsspital. Dort machte Daniel Kora eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Die beiden verliebten sich und bekamen – zurück in der Schweiz – mit Salomé die erste von drei Töchtern. Jahre später zog es die Familie wieder nach Afrika, wo sich die Eltern in der humanitären Hilfe engagierten. Sie bauten mehrere Ambulatorien, später auch Mädcheninternate und Metzgereien. Salomé Kora war beim Umzug sieben Jahre alt. Vereinzelt kann sie sich noch an dieses Leben auf dem afrikanischen Kontinent erinnern, das so ganz anders war und grösstenteils draussen stattfand. «Wir lernten, mit dem Minimum zufrieden zu sein», sagt sie. Ihren Eltern ist sie bis heute dankbar, dass sie auch diese Seite ihrer Herkunft kennen lernen und auch erleben durfte. Nach fünf Jahren kehrte die Familie schliesslich in die Schweiz ­zurück, wo sie sich in Arnegg ­niederliess. Manchmal vermisst Kora in der Schweiz die Lockerheit. «Mein Vater nimmt vieles leichter und mit Humor», sagt sie. In einem Interview mit dieser Zeitung sagte er einst: «In meiner Heimat lacht man auch, wenn man verliert.» Er selbst spielte Volleyball. Seine älteste Tochter hingegen konnte mit Ballsport­arten nur wenig anfangen. Am Sporttag jedoch, wo sie sich in der Leichtathletik messen konnte, da blühte Kora auf. Dank eines Schulkollegen kam sie schliesslich zum LC Brühl, wo ihr Trainer früh ihr Potenzial erkannte. Leicht fiel ihr das Training jedoch nicht. Sie musste zuerst lernen, sich durchzubeissen. Immer wieder fand sie damals Ausreden, warum es nicht ging. Ein Grund, aufzuhören, war es jedoch nicht. Denn Kora sah, wie sie sich verbesserte, schneller wurde und vorne dabei sein konnte. Zuerst regional, dann national.

Selbstvertrauen ist zurück

Ihre Leistungskurve zeigte stets nach oben – bis im vergangenen Winter. Anders als früher konnte sie sich im Vergleich zum Vorjahr nicht steigern. Daraufhin bekam sie Zweifel, verlor den Glauben. Immer öfter reiste sie mit Angst an die Wettkämpfe – was es nur noch schlimmer machte. Auch im Sommer wurde es nicht viel besser. Erst nach einem Gespräch mit ihrer Mentaltrainerin ging der Knopf auf. «Ich brauchte jemanden, der mir sagte, dass ich es kann», sagt Kora. Das Selbstvertrauen ist bei ihr nicht einfach da. Damit es wächst, braucht sie Erfolge, die ihr Sicherheit geben. Stellt sie dann jedoch eine starke Zeit auf, folgt gleich die nächste – unabhängig von der Tagesform. So war es auch in diesem Sommer mit dem Höhepunkt in Bulle, wo sie beinahe die WM-Limite unterboten hatte.

Über eine andere Bestzeit hat sie sich jedoch mehr gefreut: den Schweizer Rekord mit der 4 × 100-m-Staffel bei Athletissima Lausanne. «Es ist sehr speziell, als Team etwas zu schaffen und zusammen zu feiern», sagt Kora. Die Staffel ist ihr wichtig. Denn mit ihr kann sie an Olympischen Spielen teilnehmen – und nach London an die WM reisen. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sie das auch als Einzelsportlerin schafft.