ERFOLGREICH: Tausendsassa im Sand

Seit bald zwei Jahrzehnten arbeitet Nationalcoach Angelo Schirinzi am Aufschwung des Schweizer Beachsoccers. Mit Erfolg. In der Nacht auf morgen trifft das Team an der WM im Viertelfinal auf den Iran.

Fabian Ruch, Nassau
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Der Schweizer Routinier Dejan Stankovic im Vorrundenspiel gegen Senegal. (Bild: Alex Grimm/Getty (Nassau, 1. Mai 2017))

Der Schweizer Routinier Dejan Stankovic im Vorrundenspiel gegen Senegal. (Bild: Alex Grimm/Getty (Nassau, 1. Mai 2017))

Fabian Ruch, Nassau

Die Szene spielt am Traumstrand vor dem grossen Atlantis-Hotelkomplex auf den Bahamas. Die Schweizer Beachsoccer-Nationalmannschaft bestreitet ihr Training nach Abschluss der Vorrunde, die Stimmung ist locker nach den drei Siegen auf dem Weg zu Rang eins in der Gruppe A. Trainer Angelo Schirinzi lacht viel. Er trainiert mit, kein Gramm Fett ist am durchtrainierten Körper zu erkennen. Der 44-Jährige könnte zwar der Vater von einigen seiner Akteure sein, sieht aber nicht wirklich älter aus als die meisten Spieler.

Schirinzi ist «Mister Beachsoccer». Und zwar nicht nur in der Schweiz. Sondern auf der ganzen Welt. An der WM in Nassau, wo sich die globale Sandfussballerfamilie gerade trifft, kennt er jeden, alle wollen mit ihm sprechen. Und was am Strand unter praller Sonne auf den ersten Blick wie Aktivferien aussieht, ist das Resultat harter Arbeit. Seit bald zwei Jahrzehnten orchestriert Schirinzi mit Besessenheit den Aufschwung des Schweizer ­Beachsoccers. Er ist international anerkannt, schreibt offizielle Fifa-Bücher, gibt Lehrkurse auf allen Kontinenten. Das wichtigste Projekt des Tausendsassas ist aber immer noch die Schweizer Auswahl. «Wir haben eine gute Vorrunde gespielt», sagt er nach den Siegen gegen Gastgeber ­Bahamas, Ecuador und Senegal. «Aber wir wollen und können mehr, wir haben erst unser Minimalziel erreicht.»

Die zwei Topstürmer

Im Viertelfinal heute trifft die Schweiz auf den Iran, natürlich war Schirinzi auch dort bereits einmal zu Ausbildungszwecken. 2001 war das, und ein wenig neidvoll blickt der Basler schon auf die Entwicklung im Riesenland. «Im Iran sind die besten ­Beachsoccerspieler richtige Stars», sagt er, «dem Verband steht deutlich mehr Geld als uns zur Verfügung.» Rund 15 Millionen Menschen verfolgten im Iran am Montag das letzte Vorrundenspiel gegen Nigeria, als sich der Favorit erst im Penaltyschiessen die Viertelfinalqualifikation sicherte. «Der Iran spielt bisher an dieser WM sicher weit unter den Möglichkeiten», sagt Schirinzi, «aber wir wissen um die Stärke des Teams.» Ein 50:50-Spiel erwartet er im Viertelfinal, und natürlich setzt er in der Offensive vor allem auf das Sturmduo von Weltklasseformat aus dem Aargau. Routinier Dejan Stankovic und Youngster Noel Ott zählen zu den fünf bis zehn stärksten Sandfussballern weltweit. Gegen ­Senegal leistete es sich Schirinzi, den flinken Ott zu schonen, weil dieser bei einer weiteren Verwarnung im Viertelfinal gesperrt ­gewesen wäre. «Der Poker ging zum Glück auf», sagt Schirinzi.

Die Schweizer hätten lieber mit Ott als Gruppenzweiter gegen das starke Italien gespielt als ohne Ott gegen Iran. Schirinzi ist ein akribischer Planer, und derzeit sieht es im WM-Fahrplan ausgezeichnet aus. Die Top­favoriten Brasilien, Portugal und ­Italien sind alle in der anderen Ta­bleauhälfte, im Halbfinal würde auf die Schweiz der Sieger der Partie zwischen Paraguay und Tahiti warten. «Das sieht alles gut aus», sagt Schirinzi, «aber wir denken jetzt überhaupt nicht an den Halbfinal oder noch weiter. Sonst verlieren wir gegen den Iran garantiert.»

Schirinzi ist freundlich, kann aber auch streng sein

Selbst wenn Schirinzi stets freundlich und optimistisch wirkt, kann er durchaus mit Strenge und Autorität führen, wenn es sein muss. So hat er einige Akteure im Nationalteam ausgemustert, weil diese zu divenhaft unterwegs waren. Nun ­stehen ihm vielleicht nicht alle besten Schweizer Spieler zur ­Verfügung. Aber die beste Mannschaft. So sagt er es. Und diesen Teamgedanken lebt er vor. «Wir können hier auf den Bahamas Geschichte schreiben», sagt der Coach, der in Nassau von seiner Frau und drei von vier Töchtern begleitet wird. 2009 stand er bereits einmal, eher überraschend, in einem WM-Final, damals verlor die Schweiz gegen Brasilien, auch auf Sand Rekordweltmeister. Nun, acht Jahre später, könnte Schirinzi seine beeindruckende Trainerkarriere auf den Bahamas krönen.