Er geht für die Kunst über Leichen

WEINFELDEN. Diese Frage liegt der jüngsten Produktion der Bühni Wyfelde, «Mörder sind auch Künstler», zugrunde: Geht ein echter Künstler für seine Kunst freiwillig in den Tod? Die Antwort nach 90 vergnüglichen Minuten lautet: Nicht nur er.

Christof Lampart
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Die Figuren ins Groteske überhöht: Die Bühni Wyfelde mit «Mörder sind auch Künstler». (Bild: Reto Martin)

Die Figuren ins Groteske überhöht: Die Bühni Wyfelde mit «Mörder sind auch Künstler». (Bild: Reto Martin)

Selbst grosse Schauspielhäuser, die für aufwendige Produktionen über eine grosse Drehbühne verfügen, dürften schwerlich an die raumnutzende Effizienz herankommen, die gegenwärtig im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden in «Mörder sind auch Künstler» eindrucksvoll demonstriert wird. Denn Bühnenbauer Peter Affeltranger ist es unter der Regie von Volker Langeneck gelungen, die frei nach Woody Allens Filmkomödien-Klassiker «Bullets over Broadway» (1994) adaptierte Bühnenfassung «Mörder sind auch Künstler» an nicht weniger als zehn Orten aufleben zu lassen.

Wohlverstanden: Das New York der «Roaring Twenties» feiert auf nicht weniger als neun Mini-Bühnen und einem grossen Bildschirm fröhliche Urständ. Nachtklub, diverse Wohnungen, Bar, Garderobe, Proberaum oder Parkbank – sie alle sind äusserst geschickt – sozusagen im Setzkastensystem – verschachtelt auf der Bühne untergebracht worden.

Filmästhetik adaptiert

Doch das ist nicht nur geschickt – es stellt auch grosse Herausforderungen ans Publikum, denn nicht nur der Handlungsorte sind viele, zahlreich sind auch die auftretenden Personen, es sind deren 17. Und da kaum eine der Szenen länger als fünf Minuten dauert, gönnt das Stück, in dem – kurz zusammengefasst – ein Killer seinen künstlerischen Genius entdeckt und ein Theaterautor realisiert, dass er in Tat und Wahrheit eine künstlerische Null ist, den Besuchern kaum eine Atempause.

Die Weinfelder Inszenierung macht sich mit ihren vielen kurzen Dialogen und schnellen «Schnitten» sozusagen eine Filmästhetik zu eigen. Diese Hektik, diese Spannung ist also im Grunde genommen gewollt, doch ist damit noch lange nicht gesagt, dass man als Zuschauer dieses Drehen am visuellen und dramatischen Overkill auch ohne weiteres aushalten kann, ohne irgendwann den Faden zu verlieren.

Glänzende Ensembleleistung

Doch es gelingt. Denn zum einen sind die Figuren klar angelegt. Der Mafiaboss ist skrupel-, der Killer gnaden- und das Blondchen vom Dienst geistlos et cetera. Das schafft zum einen Struktur und Vertrauen und überhöht zum anderen die einzelnen Figuren ins Groteske, was insbesondere für den Theaterautor David Shayne (Samuel Mosimann) gilt. Denn egal, ob er gerade zu Recht erfolglos oder zu Unrecht erfolgreich ist, Shayne ist immer irgendwie an der Grenze zum Überschnappen.

Stark glänzen an diesem Premierenabend an Silvester die «Bühni»-Urgesteine Thomas Götz als reflektierender Killer Cheech und Heinz Wiederkehr als Theateragent Julian Marx. Köstlich überdreht gibt Eva Wechsler die Olive, während Ingrid Isler gekonnt die abgeklärte Eden Brent verkörpert. Geradezu perfekt gibt Mara Fässler die Vorstellung der wieder aufblühenden alternden Diva Helen Sinclair.

Auch bewähren sich Kurt Lauper (Warner Purcell), Bernhard Scherrer (Nick Valenti), Helena Steinmann (Ellen) als Darsteller glaubhafter Nebencharaktere sowie, in kleineren Rollen, Eliane Novelli, Pascal Christen und Peter Kull.

Das Publikum dankte den Aufführenden mit einem langen und herzlichen Applaus. Denn sie hatten an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen, dass alle – also nicht nur Mörder – Künstler sind.