ENTTÄUSCHUNG: Ratloser Hussein

Der Thurgauer Kariem Hussein zeigt im WM-Vorlauf das schwächste Rennen in diesem Jahr. Nur dank viel Glück erreicht er in London doch noch den heutigen Halbfinal über 400 m Hürden.

Raya Badraun, London
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Raya Badraun, London

Nach dem Rennen stand Kariem Hussein in der Mixed Zone hinter bunten Absperrungen. Er stützte sich ab, den Kopf hielt er gesenkt. In diesem Moment wusste er nicht recht, was er sagen sollte. «Ich bin ratlos, habe keine Erklärung für das, was passiert ist», sagte der Thurgauer schliesslich. Vor ein paar Tagen war er nach London gereist, um den WM-Final über die 400 m Hürden zu erreichen. Doch nun kam er bereits im Vorlauf ins Rudern. Sein Lauf war kontrolliert, locker. Doch er lief kraftlos über die Hürden, ohne Aggressivität, ohne Anzeichen für einen Angriff. Auch auf den letzten Metern konnte er den grossen Rückstand auf seine Gegner nicht mehr wettmachen.

Erst nach 50,12 Sekunden erreichte er schliesslich die Ziellinie. Damit war er zehn Hundertstelsekunden langsamer als Mitte Mai beim Diamond-League-Meeting in Shanghai, wo er seinen bisher schwächsten Auftritt in dieser Saison hatte. Danach lief er immer Zeiten unter 50 Sekunden. Bei Athletissima Lausanne deutete er mit 48,79 Sekunden gar an, was alles möglich wäre. Von diesem Hussein, der vorne mitlaufen kann und in den wichtigen Rennen über sich hinauswächst, war gestern jedoch nichts zu sehen.

Vor dem Lauf übergeben

Seinen enttäuschenden Auftritt konnte er sich kurz danach nicht recht erklären. Er zuckte nur ratlos mit den Schultern. «Eigentlich habe ich mich super gefühlt – auch im Kopf», sagte der 28-Jährige schliesslich. Hussein war nie einer, der Ausreden für schwache Auftritte sucht, dem Wetter die Schuld gibt oder der Bahn. Nur am Rande erwähnte er deshalb, dass er sich vor dem Rennen übergeben musste. Aus Nervosität wohl. «Das passierte mir noch nie bei einem Wettkampf», sagte der Hürdenläufer. Dabei war er bei anderen Rennen auch schon nervöser.

Fahl sah Hussein in diesem Moment aus, müde. Nicht wie einer, der heute Abend um 21.20 Uhr Schweizer Zeit zum Halbfinal starten und eine Bestleistung aufstellen wird. Die nächste Runde schien in diesem Moment ohnehin unglaublich weit weg. Der Ostschweizer befand sich unmittelbar nach dem Rennen in der Schwebe, nicht wissend, wie es nun weitergeht für ihn. Nur die ersten vier Hürdenläufer pro Vorlauf schafften es direkt in den Halbfinal. Hussein musste als Nummer fünf seines Laufes die restlichen Ergebnisse abwarten – und zittern.

Hussein hat Glück im Unglück

Dass er am Ende doch noch den Halbfinal erreichte, hatte Hussein nur der Konkurrenz zu verdanken. Der Este Rasmus Mägi, der im gleichen Vorlauf gestartet wäre, verzichtete auf seinen Einsatz. Zudem wurden gleich zwei Läufer, die in dieser Saison deutlich besser waren, disqualifiziert. Dazu gehörte der Jahresschnellste Kyron McMaster von den Britischen Jungferninseln, der einen Fehlstart provozierte. Auch die Weltnummer sieben Michael Stigler wurde ausgeschlossen. So rückte Hussein als Letzter in den Halbfinal nach. Wie er das schwache Abschneiden verkraftet, wird sich heute zeigen. Klar ist jedoch, dass es eine deutliche Steigerung, wenn nicht sogar eine Bestleistung braucht, um den Final doch noch zu erreichen. «Nun beginnt es wieder bei null», sagte Hussein. Und verschwand aus der Mixed Zone.