Englisch ist keine Kunst

FRAUENFELD. Kinder und Kunst und Englisch: Passt das zusammen? Sehr gut, sagt Nicole Strässle.

Dieter Langhart
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Was sie macht, gibt es so noch nicht. Artwords nennt Nicole Strässle ihr Projekt, und wie es sich für junge Menschen gehört, hat sie dafür eine Homepage eingerichtet: schlicht, einladend, informativ.

Nicole Strässle ist 27. Zur Welt kam sie in Argentinien, ihre Eltern sind Schweizer. Drei Jahre lebte sie dort, dann zog ihre Familie nach Houston, dann nach New York, und mit sieben Jahren kehrte sie zurück in die Schweiz. Angeblich habe sie mit neun schon kaum mehr Englisch reden können, sagt Nicole Strässle. In der Schule tauchte die nunmehr fremde Sprache wieder auf – und die Liebe zu Sprachen ist ihr geblieben; sie mochte Französisch ebenso wie Spanisch. «Ich mochte diese Sprachen nicht nur, sondern bin auch fliessend darin.» Ihre Stärke sind die Sprachen, ihre Vorliebe gilt der Kunst, und daraus entstand das Projekt.

Brücken zum Publikum

Nicole Strässle studierte an der PMS mit Schwerpunkt Kunst/Kultur/Schule und beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit mit Museumspädagogik und setzte das Thema bei Kuverum an der Fachhochschule Nordwestschweiz fort, die eine Ausbildung in Kulturvermittlung und Museumspädagogik mit konkreten Projekten verbindet. Sie machte ein Praktikum bei Franziska Dürr im Aargauer Kunsthaus, und da kam ihr die Idee zu Artwords. Im November schloss sie ihre Ausbildung in Aarau ab.

Kulturvermittlung schafft Brücken zwischen Kultur und Publikum. Längst haben Museen festgestellt, dass sie nicht nur Archiv sind, sondern lebendige Orte der Begegnung, des Lernens, des Verstehens. Auch das Kunstmuseum Thurgau gehört dazu.

Im letzten Sommer führte Nicole Strässle ihr Pilotprojekt durch, und dass da Richard Phillips auf Adolf Dietrich traf, traf sich gut für die junge Frau. Mit zwei Klassen, einer vierten Primar aus Winterthur und einer fünften der Swiss International School in Zürich, schaute sie sich die beiden Künstler genau an und arbeitete mit den Bezügen zwischen den Kunstwerken, die sich geradezu aufdrängten.

Wortkarten helfen beim Reden

Sie habe sehr gute Erfahrungen gemacht, sagt sie. «Die Kinder haben sich auf die Aufgaben einlassen können.» In Gruppen haben sie sich den Aufgabenkarten gewidmet, die Nicole Strässle vorbereitet hatte. Sie hatte zehn Themen aus dem Lehrplan ausgewählt und je 30 Wortkarten dazu hergerichtet: das englische Wort vorn, das deutsche auf der Rückseite.

Die Schüler begannen zu reden: über Hobbies etwa oder über Farben und die Karten vor den Bildern zu sortieren. Dann stellten sie einander vor, was sie herausgefunden hatten, und schrieben schliesslich eine Geschichte zu ihrem Bild (dies machen nur die starken Schüler) und malten im Atelier ihr eigenes Bild für Richard Phillips, inspiriert von Adolf Dietrich. Die Zeichnungen stellten sie in der Schule fertig.

Damit sie mit Artwords nicht kalt beginnen musste, hatte Nicole Strässle den Lehrkräften Vorbereitungsaufgaben geschickt. Und Ideen für die Nachbereitung nach der Stunde im Kunstmuseum. «So lässt sich eine starke Verbindung zum Alltag herstellen.»

Kinder können mehr

Erstaunlich, wie sich die Viertklässler zu reden getraut hätten, sagt sie, alles auf Englisch. «Wow, ich kann's», hiess es, und der Stolz war hörbar. Und die Stärkeren halfen den Schwächeren. «Die Kinder sollen Freude bekommen an der englischen Sprache, sollen in einer ungewohnten Umgebung erfahren, dass sie mehr können, als sie vermutet haben.»

Die Wortkarten hat Nicole Strässle bewusst universell gehalten, damit sie sich in jedem Museum einsetzen lassen, unabhängig von Künstler oder Ausstellung. «Erstaunlich, dass es das noch nicht gibt», sagt sie, denn Kunstvermittlung auf Englisch beginne meist erst an der Oberstufe, am Gymi. Dabei können Primarschüler bereits so viel.

Artwords nimmt noch keinen grossen Raum in Nicole Strässles Arbeit ein, die eine Primarklasse in Winterthur unterrichtet und im Kunstmuseum Thurgau seit 2010 als freie Mitarbeiterin arbeitet. Hat sie Angst, dass ihr Nachahmer die Idee stehlen? Ein bisschen, sagt sie. Sie kann sich vorstellen, das Angebot auszubauen, vielleicht Mitarbeiter zu suchen, sich mit andern Kulturvermittlern auszutauschen.

Kinder verbinden Kunst und Englisch im Kunstmuseum bei Richard Phillips und Adolf Dietrich. (Bilder: Nicole Strässle)

Kinder verbinden Kunst und Englisch im Kunstmuseum bei Richard Phillips und Adolf Dietrich. (Bilder: Nicole Strässle)