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EM wird nicht zum erhofften Lichtblick

Hooligans, Attentat, Demo-Krawalle: Rund um die Europameisterschaft in Frankreich regiert derzeit nicht König Fussball, sondern die rohe Gewalt. Die politische Nutzniesserin der Vorkommnisse ist Marine Le Pen. Eine Hoffnung für Frankreich bleibt – auf dem Spielfeld.
Stefan Brändle/Paris

Zum Glück hat Frankreich noch Dimitri Payet. Der Mittelfeldspieler hat Frankreich zu seinen zwei ersten Siegen an der Fussball-EM verholfen. Die grossen Fernsehketten tun alles, um den von der französischen Südseeinsel La Réunion stammenden Spieler zum neuen Nationalhelden zu stilisieren. Und die Franzosen applaudieren noch so gerne. Aber zugleich sind sie nicht ganz bei der Sache; anders als an der WM 1998 in Frankreich, als die Mannschaft um Zinédine Zidane die Nation im Verlauf des Turniers mehr und mehr mitgerissen hatte, beherrscht Fussball derzeit keineswegs die Tischgespräche.

EM wird selbst zum Problem

Die EM erweist sich auch nicht als Lichtblick in einem düsteren sozialpolitischen Umfeld, sondern wird selber zum Problem. Seit dem Turnierbeginn vor einer Woche, verfolgen die Franzosen aus nächster Nähe – weil live am TV und Internet –, wie sich diverse gesellschaftliche Spannungen in einer wahren Gewaltorgie entladen.

Am Samstag knöpften sich russische Hooligans aus Fanclubs oft rechtsextremer Prägung in Marseille englische Anhänger vor. Schockierend war die Brutalität der Attacken. Ein Russe trug an seinem Gürtel eine Videokamera, mit der er filmte, wie er in die Köpfe am Boden liegender Engländer trat, als wären es Fussbälle.

Am Montagabend ermordete ein Banlieue-Jihadist westlich von Paris ein Polizistenpaar in einem stillen Einfamilienhausquartier. Bevor er neutralisiert wurde, schaltete er sich über eine Live-App fast eine Viertelstunde lang ins Internet und rief dazu auf, aus der Fussball-EM «einen Friedhof» zu machen. Seine Stimme war völlig ruhig, als hätte er nicht soeben einer Frau die Kehle durchtrennt.

Am Dienstag kam es in Paris am Rande einer Grossdemonstration gegen Frankreichs neues Arbeitsrecht erneut zu heftigen Krawallen. Vermummte griffen CRS-Bereitschaftspolizisten mit Fusstritten, Eisenstangen und Asphaltbrocken an – und filmten das Ganze. Einige schlugen mit Vorschlaghämmern undurchsichtige Schutzscheiben des Kinderspitals Necker ein. Im Operationssaal dahinter musste für mehrere Kinder die Anästhesie abgebrochen werden.

Was die Nation verstört, ist die rohe Gewalt. Bedenklich ist auch, dass der Fussball kein verbindendes Element mehr zwischen den Banlieue-Zonen und dem übrigen Frankreich darstellt. 1998, als Frankreich im Stade de France Weltmeister geworden war, schwelgte die Nation im Gefühl des «black-blanc-beur». Heute wirft Stürmer Karim Benzema, wegen der Sextape-Affäre nicht ins Nationalteam berufen, den Trainern Rassismus vor. Und für Paul Pogba, der im Spiel gegen Albanien zur Pressetribüne hin den «Effenberg» gemacht hat, tritt der selbst erklärte Rassismus-Bekämpfer Nicolas Anelka ein. Von Szenen der Verbrüderung wie mit den Albanern in der Schweiz können die Franzosen nur träumen. Die gesellschaftliche Öffnung des WM-Jahres 1998 weicht diffusen Ängsten.

Front National profitiert

Die Frage sei nicht, ob es ein neues Attentat gebe, sondern wann, erklärt Premierminister Manuel Valls. Die Langzeitfolgen dieses schwer fassbaren Gefühls der Bedrohung sind schwer messbar. Auf jeden Fall äussern sie sich auch politisch. «Wir stellen fest, dass die Leute beginnen, die liberale Demokratie in Frage zu stellen», so Jérôme Fourquet vom Umfrageinstitut Ifop. «Sie fragen sich: Müssen wir uns an die Spielregeln halten, wenn andere sie nicht befolgen? In den Umfragen fällt eine Sicherung nach der anderen – bis hin zur Todesstrafe.» Im Hinblick auf die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2017 meint Fourquet: «Erste Profiteurin dieses Klimas ist der Front National.»

François Hollande wird von den meisten Franzosen nicht mehr für fähig gehalten, die Nation vor dem Abgleiten in düstere Zeiten zu retten. Dann muss es eben ein anderer richten. Fürs erste ruht die Hoffnung der verunsicherten Nation, dass die Wende zum Besseren möglich ist und vielleicht nur einen Auslöser braucht, auf Dimitri Payet.

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