EM-Viertelfinal
Vieles spricht für Denis Zakaria als Xhaka-Ersatz – doch eine Hypothek bringt er mit

Der Schweizer Captain fehlt im EM-Viertelfinal gegen Spanien. Was verändert sich dadurch im Spiel? Und ist das Fehlen von Xhaka überhaupt ein Problem? Eine Auslegeordnung vor dem grössten Spiel der Nati-Geschichte.

Christian Brägger und Etienne Wuillemin, St.Petersburg
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Überzeugte im Spiel gegen Wales nicht: Denis Zakaria hat noch etwas gut zu machen.

Überzeugte im Spiel gegen Wales nicht: Denis Zakaria hat noch etwas gut zu machen.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Der erste Schwall an Emotionen war kaum vorüber, als Granit Xhaka seinen älteren Bruder Taulant in der Schweiz anrief. Es sei zehn Minuten nach dem Schlusspfiff dieses grossartigen Sieges gegen Frankreich ein bewegendes Gespräch gewesen, erzählt der Spieler des FC Basel im Trainingslager in Crans Montana. «Schade ist Granit nun gesperrt, aber er glaubt daran, dass sie es gegen Spanien auch ohne ihn schaffen. Auch ich habe ein sehr gutes Gefühl, wenn sie mit so viel Herz und Leidenschaft spielen wie gegen Frankreich.»

Taulant Xhaka (Juni 2021)

Taulant Xhaka (Juni 2021)

Daniela Frutiger/
Freshfocus

Und natürlich machte sich Taulant seine Gedanken über einen valablen Ersatz für den Bruder:

«Du kannst ­Granit ersetzen, aber mit einem anderen Spielertyp. Zakaria hat andere Qualitäten. Er ist auch aggressiv, ist defensiv vielleicht etwas besser, aber er spielt weniger entscheidende Pässe.»

Schon sind wir mitten im Thema, das gerade diese Schweizer Mannschaft bewegt. Wer wird anstelle des gelbgesperrten, als unersetzbar geltenden Granit Xhaka im Viertelfinal gegen Spanien auflaufen?

«Die Jungs schaffen das – ich kehre dann im Halbfinal zurück», sagt Granit Xhaka.

«Die Jungs schaffen das – ich kehre dann im Halbfinal zurück», sagt Granit Xhaka.

Robert Ghement / Pool / EPA

Petkovic muss erstmals eine Lösung aus der Not finden

Nationaltrainer Vladimir Petkovic ist gefordert, er muss erstmals in diesem Turnier für sein Team eine Lösung aus der Not finden, hat erstmals nicht mehr die Qual der Wahl. Womit er automatisch bei Denis Zakaria hängen bleiben und diesen neben «die Lunge» Remo Freuler stellen müsste. Zakaria ist gewiss nicht der leitende Ballverteiler auf der Sechs wie der Schweizer Captain, vielmehr ein «Box to Box»-Spieler; aber einen wie Xhaka, der letztmals vor 37 Monaten ein Länderspiel verpasste, hat Petkovic ohnehin nicht nochmals im Kader. Und doch ist Zakaria die naheliegendste Variante, und das hat seine Gründe.

Denis Zakaria im Spiel gegen Wales am 12. Juni 2021.

Denis Zakaria im Spiel gegen Wales am 12. Juni 2021.

Dan Mullan / EPA Pool / Keystone

Für den Spieler Mönchengladbachs spricht die Robustheit und Erfahrung auf der internationalen Bühne. 33 Länderspiele bestritt er bisher, zudem 21 Europacuppartien. Und vor allem hat der 24-Jährige etwas gut zu machen. Bei seiner Einwechslung im bislang einzigen EM-Aufritt gegen Wales hinterliess er keinen guten Eindruck, dass die Schweizer ihre Stabilität nach der 1:0-Führung verloren, lag auch an ihm. Dabei ist Zakaria mit so viel Talent gesegnet, auch verkörpert er Gardemasse. Doch der Rucksack, den er mit sich trägt, ist schwerer geworden seit dem im März 2019 erlittenen Knorpelschaden, wegen dem er 246 Tage ausfiel.

Zakaria hat seither seine Leichtigkeit des Seins etwas verloren und es liegt gerade im Spiel gegen Spanien an ihm, den Gegenbeweis zu erbringen. Dass er eben doch in Form ist, dass er eben doch ein Versprechen für die Zukunft bleibt und Petkovic eben doch auf ihn zählen kann.

Noch nach dem Wales-Auftritt sagte Zakaria:

«Meine Rolle ist gerade nicht so einfach, es gibt viel Konkurrenz im Nationalteam, und ich komme noch immer aus einer langen Verletzung. Aber ich will da sein, wenn der Trainer mich braucht. Ich werde alles geben.»

So oder so: Es wird vor allem auch auf Remo Freuler ankommen, wie sich ­Zakaria neben ihm auf Platz fühlt.

Die Ohrfeige als Initialzündung für den Exploit

Am Mittwoch absolvierten die Schweizer in St. Petersburg ihr erstes Training vor dem Viertelfinal. Freuler war es ­danach vorbehalten, über die Emotionen der letzten Tage und die ersten Eindrücke nach dem Transfer in die russische Metropole zu reden.

«Seit Jahren hat die Schweiz auf ein solches Spiel wie gegen Frankreich hingearbeitet, der Sieg ist eine grosse Genugtuung», erzählte er. Und vielleicht habe es dafür ja auch die «Ohrfeige gegen Italien» gebraucht, um wieder auf den Boden der Realität zurückzukommen. Auf diesem Erfolg ausruhen will sich nun selbstredend niemand. Freuler sagt:

«Wir haben einen Tag lang darüber nachgedacht, was passiert ist - aber jetzt gilt der Fokus nur noch Spanien. Was wir natürlich mitnehmen wollen, ist die Energie aus dem Achtelfinal.»

Der 28-Jährige von Atalanta Bergamo ist einer der Gewinner seit dem Umbruch nach der WM 2018. In jenem Turnier spielte er keine Sekunde. Seither hat er sich in Position gebracht. Ist mit jedem Einsatz wichtiger geworden. Längst ist er gesetzt. Doch nun wird Remo Freulers (rechts) Rolle ausgerechnet jetzt, im grössten Spiel der Schweizer Fussballgeschichte so prominent sein wie noch nie zuvor. Dass er einer solchen gewachsen ist, zeigt Freuler Woche für Woche bei Atalanta Bergamo in der ­Serie A.

Remo Freuler im Match gegen die Franzosen (28. Juni 2021).

Remo Freuler im Match gegen die Franzosen (28. Juni 2021).

Claudio De Capitani / freshfocus

Die schlechten Erinnerungen an die Stadt – aber ein gutes Omen

Dass Xhaka gesperrt ist, realisierte Freuler erst während des Penaltyschiessens gegen Frankreich. «Ich konnte es gar zuerst gar nicht glauben. Jetzt ist es eben so, aber ich bin sicher, dass mein neuer Partner auch einen guten Job machen wird», sagt Freuler.

Die Schweizer spielten letztmals beim missratenen WM-Achtelfinal 2018 in St.Petersburg (0:1 gegen Schweden). Die Enttäuschung darüber hat Freuler auch abseits des Platzes hautnah erlebt. «Ja, wir haben schlechte Erinnerungen an diese Stadt. Aber nun können wir das ändern. Schliesslich hatten wir bisher auch schlechte Erinnerungen an die Achtelfinals – das kann ein gutes Omen sein.»

Vielleicht ist es das ja gerade wegen Xhaka. Man kann es auch so sehen: Seine Absenz wird dafür sorgen, dass jeder Schweizer noch bedingungsloser versucht, die eigenen Grenzen zu überschreiten – um dem Captain den Halbfinal zu ermöglichen. Ein Sieg gegen Spanien führt ohnehin eher über die Emotionen und die Leidenschaft, allein spielerisch ist dem Team von Luis ­Enrique kaum beizukommen.

Eines hat Remo Freuler gestern ziemlich rasch betont: «Wir wollen mehr.» Egal, wer sein Partner ist.

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