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EM: Auf Formsuche

Das Schweizer Nationalteam hat mit Stephan Lichtsteiner und Ricardo Rodriguez zwei der weltbesten Aussenverteidiger auf dem Platz. Aber ihrem Ruf sind sie an der EM noch nicht gerecht geworden.
Andreas Ineichen/Montpellier
Bild: ANDREAS INEICHEN/MONTPELLIER

Bild: ANDREAS INEICHEN/MONTPELLIER

Es ist ein Phänomen, das nicht wirklich Freude macht, schon gar nicht den Schweizer Anhängern. Doch es ist an diesen Tagen wieder zu beobachten und nur schwer zu erklären. Es geht um Stephan Lichtsteiner, den Captain der Nationalmannschaft. Die Leistungen des 32-Jährigen bewegen sich bei seinem Arbeitgeber Juventus Turin seit Jahren auf einem höheren Niveau als im Schweizer Dress. Mit Juventus ist der rechte Aussenverteidiger eben zum fünftenmal in Serie italienischer Meister geworden, mit der Schweizer Auswahl ist er an der EM in Frankreich hingegen eher negativ aufgefallen.

Gegen zehn Albaner blieb er offensiv diskret und hätte sich nicht wundern dürfen, wenn der Schiedsrichter in der Schlussphase bei einem Zweikampf mit Ermir Lenjani auf Penalty entschieden hätte. Gegen Rumänien gab der Schiedsrichter dann zu Recht einen Elfmeter, als Lichtsteiner im eigenen Strafraum am Leibchen von Alexandru Chipciu zog. Das 0:1 brachte die Schweizer zwischenzeitlich aus dem Tritt, Lichtsteiner fand ihn gar nie und war mit dem erfolglosen Stürmer Haris Seferovic der Schlechteste. Woran liegt es? An der zusätzlichen Verantwortung durch die Captainbinde, die ihm nach der Nichtnominierung von Gökhan Inler übertragen wurde? Wohl eine Erklärung, die zu kurz greift. Denn Lichtsteiner hat schon vorher viel Verantwortung im Nationalteam übernommen. Das entspricht ihm, das gehört zu seinem Naturell.

Wenn Lichtsteiner in seiner eher grobmotorischen Art bei Juventus auf der rechten Seite rauf und runter rennt, hat er jederzeit ein Gefühl der Sicherheit – zu stabil ist die Defensive der Italiener, um durch die Läufe des Schweizers aus den Fugen zu geraten. Dieses Gefühl könnte ihm in der Nationalmannschaft fehlen, weil der Beitrag von Xherdan Shaqiri für die defensive Stabilität der Schweizer recht überschaubar ist.

Die EM als Schaufenster

Lichtsteiner steht im Herbst seiner perfekten Karriere. Er hat das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht und ausser vielleicht Stéphane Chapuisat oder Ciriaco Sforza hat kein anderer Schweizer Fussballer Ähnliches erreicht. Nun geht es für Lichtsteiner auch darum, sich an der EM in einem positiven Licht zu präsentieren. Sein Vertrag mit Juventus läuft noch bis zum Ende der nächsten Saison. Die Italiener würden ihn auch gerne behalten, doch ihr gleichzeitiges Interesse am Brasilianer Dani Alves macht einen Transfer wahrscheinlicher. Laut transfermarkt.ch liegt Lichtsteiners aktueller Marktwert bei rund sieben Millionen Franken. Interesse bekundet hat neben Chelsea und Paris St-Germain auch Inter Mailand.

«Das zieht einen runter»

Bei Ricardo Rodriguez, dem Schweizer Aussenverteidiger auf der linken Seite, liegt der Fall etwas anders. Auch er läuft seinem Leistungsvermögen hinterher. Bei ihm war dies allerdings schon in der abgelaufenen Saison mit Wolfsburg so. Der 23-Jährige zeigte zwar bei seinem zweiten EM-Auftritt gegen Rumänien eine Leistungssteigerung im Vergleich zur ersten Partie gegen Albanien. Aber ein Mann mit seinen Qualitäten kann und muss mehr Einfluss nehmen auf das Spiel der Schweiz.

Rodriguez ist ein begnadeter Fussballer. Der U17-Weltmeister kann alles, was ein moderner Aussenverteidiger mitbringen muss. Er sieht, was um ihn herum geschieht. Er hat die Technik, um die Mitspieler in Szene zu setzen. Er kann flanken. Und vor allem: Rodriguez ist torgefährlich. Er hat einen guten Distanzschuss, tritt gefährliche Freistösse und ist ein sicherer Penaltyschütze. Doch im Trikot des Nationalteams traf er in 39 Länderspielen noch nie.

Wolfsburgs Manager Klaus Allofs rechnet damit, dass Rodriguez trotz Vertrag bis 2019 nächste Saison einen neuen Arbeitgeber haben wird. Aber es sind nicht mehr die ganz grossen Namen, die sich um Rodriguez bemühen. Das Interesse von Real Madrid ist erloschen. Stattdessen buhlen «nur» noch Arsenal, die AS Roma oder Dortmund um ihm. Auch das verdeutlicht, dass der Schweizer eine schwache Saison hinter sich hat.

Einen grossen Einfluss darauf hat ein Schicksalsschlag. Im November ist die Mutter im Alter von erst 47 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. «Das zieht einen runter und beeinflusst die Leistung», liess sich Rodriguez nach dem einschneidenden Erlebnis zitieren. Es ist trotzdem nicht ausgeschlossen, dass die EM für Lichtsteiner und für Rodriguez doch noch zur grossen Bühne werden kann. Und auch für die Schweiz.

Alle EM-Infos auf unserem Special

www.ostschweiz-am-sonntag.ch/euro2016

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