Elf verschiedene Viererketten

Was haben wir geseufzt, den Kopf geschüttelt und die Hände verworfen. Jiri Koubsky, der einstige Leistungsträger und umsichtige Abwehrchef, hat der ersten Mannschaft und den Anhängern des FC St. Gallen in der vergangenen Saison arg zugesetzt.

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Was haben wir geseufzt, den Kopf geschüttelt und die Hände verworfen. Jiri Koubsky, der einstige Leistungsträger und umsichtige Abwehrchef, hat der ersten Mannschaft und den Anhängern des FC St. Gallen in der vergangenen Saison arg zugesetzt. Der Tscheche war nach fünf Jahren in der Ostschweiz langsamer geworden, er verlor trotz 194 cm Körpergrösse überraschend viele Zweikämpfe in der Luft, ihm gelang kaum ein Treffer – und wenn er traf, dann ins eigene Tor. Es waren wenige, die Koubsky nachweinten, als er sich im Sommer Slavia Prag anschloss.

Im Frühling 2011 jammert St. Gallen erneut: Es beklagt das Fehlen eines Abwehrchefs wie Koubsky einer war. Ihm unterliefen zwar zunehmend Fehler, doch hielt er die Verteidigung zusammen. Aufsteiger St. Gallen beendete die Saison 2009/2010 auf dem beachtlichen sechsten Rang. Vor allem dank der Abwehr, die mehrheitlich von Marc Zellweger, Lukas Schenkel, Fernando und Koubsky gebildet wurde.

Übrig bleibt Schenkel

Von diesen vier Verteidigern ist einzig Schenkel als Stammspieler übriggeblieben – und kaum mehr wiederzuerkennen. Neben Koubsky war Schenkel solid und in der Aufstiegssaison vielleicht gar der überragende St. Galler Spieler. Zweikampf- und kopfballstark, zuverlässig, kompromisslos. Er zählte zu den besseren Innenverteidigern des Landes.

«Die vergangene Saison bestätigen und mich weiterentwickeln,» so formulierte Schenkel seine Ziele für die Meisterschaft 2010/2011 auf der Homepage des FC St. Gallen. Diese Vorgaben wird er nicht erreichen. Schenkel ist zwar weiterhin Stammspieler, der leidenschaftlich ackert und rackert, doch seit Koubsky weg ist, gehen ihm Sicherheit und Stabilität weitgehend ab. Ihm fehlt ein Chef an seiner Seite. Für diese Aufgabe war Tim Bakens vorgesehen, doch der Holländer genügt selbst minimalen Ansprüchen nicht. Fünf Innenverteidigerpaare – Lang–Schenkel, Imhof–Schenkel, Bakens–Schenkel, Bakens–Lang und Schenkel–Gonçalves – haben die Trainer Uli Forte und Jeff Saibene bislang schon ausprobiert. Den besten Eindruck hinterliess Lang–Schenkel, überzeugen konnte aber kein Duo.

Die Abwehr als Baustelle

Sich aus sportlichen und finanziellen Gründen von Koubsky zu trennen war richtig. Geradezu fahrlässig war aber, dass die Vereinsführung ihn nicht adäquat ersetzte. Sie unterlag dem folgenschweren Irrtum, Bakens sei Koubskys idealer Nachfolger. Seit Saisonbeginn ist die Abwehr des FC St. Gallen eine Baustelle. Ein Verbund, der stets verändert auftritt und in keiner Besetzung ein Bollwerk darstellt.

Mit neun Spielern haben Forte und Saibene bislang elf verschiedene Viererketten gebildet, von Martic–Bakens–Lang–Fernando bis Dunst–Lang–Schenkel–Hämmerli. Wie soll da die Abstimmung klappen und sich eine Hintermannschaft einspielen können? Da verwundert es nicht, dass St. Gallen mit 52 Gegentreffern in 27 Spielen die zweitschlechteste Abwehr der Super League hat.

Andreas Werz

Der nächste «Freistoss» erscheint am Mittwoch, 27. April.

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