Olympische Spiele
Die Karateka Elena Quirici ordnet ihrem Traum von Gold alles unter – und köderte mit 21'658 Franken Trainingspartner

Die Aargauerin Elena Quirici ist die erste, einzige und vorläufig letzte Schweizer Karateka bei Olympischen Spielen. Ihrem Ziel ordnete sie alles unter. Nun kann sie ihre Karriere mit einer Goldmedaille krönen.

Simon Häring, Tokio
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Krönt Elena Quirici ihre Karriere mit Olympia-Gold?

Krönt Elena Quirici ihre Karriere mit Olympia-Gold?

Ennio Leanza / KEYSTONE

Sie ist mehrfache Europameisterin, gewann schon WM-Bronze und hat das Schweizer Karate im letzten Jahrzehnt geprägt wie sonst niemand. In Tokio wird die Aargauerin Elena Quirici zur ersten, einzigen und vorläufig auch letzten Schweizerin bei Olympischen Spielen, denn in drei Jahren in Paris gehört Karate bereits nicht mehr zum Programm. Mit der Qualifikation, die erst Mitte Juni definitiv geschafft war, gehe zwar ein Traum in Erfüllung, sagt die 27-Jährige, «aber ich will mehr. Ich will Gold für die Schweizer.»

Diesem grossen Ziel hat Elena Quirici alles untergeordnet. Seit 2018 ist sie Berufssportlerin, trotz Sponsoren ist das Geld immer knapp. Auch deshalb wohnt Quirici noch bei ihren Eltern in Schinznach-Dorf. Den letzten Schliff für die Olympischen Spiele gab sich die 27-Jährige auf Gran Canaria, wo sie die klimatischen Bedingungen in Tokio simulieren konnte, zuvor weilte Quirici in Griechenland. Das alles geht ins Geld. Geld, das sie nicht hat.

 Quirici beim Training in Windisch mit ihrem Freund Raoul.

Quirici beim Training in Windisch mit ihrem Freund Raoul.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Zudem weilen jene Karatekas, die sich nicht für die Olympischen Spiele qualifizieren konnten, derzeit in den Ferien, oder trainieren nur reduziert. Quirici musste geeignete Trainingspartner deshalb mit Anreizen nach Gran Canaria ködern und übernahm Kost und Logis. Ob sie noch einen Obolus entrichtete, wollte sie nicht verraten. Das benötigte Geld sammelte Quirici auf der Crowdfunding-Plattform «I believe in you», das Spendenziel von 15'000 Franken übertraf sie mit 21'658 Franken deutlich.

Für Olympia qualifiziert – doch dann kam Corona

Die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr hat Quirici auch finanziell vor eine Herausforderung gestellt. Denn Geld ist mit Karate kaum zu verdienen. Als sie einmal einen Weltcup-Wettbewerb in China gewann, erhielt sie dafür 750 Franken. Beim Aufwand, den sie betreibt, ist das ein Tropfen auf den heissen Stein. Reisen und Hotels sind teuer, dazu entschädigt sie einen Karatetrainer und einen Fitnesstrainer.

Elena Quirici hatte sich bereits vor Ausbruch der Coronapandemie für die Olympischen Spiele qualifiziert, doch nach der Verschiebung wurden diese annulliert. Es begann eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Quirici musste ihren Platz unter den zwei Besten Europas im Limit bis 68 Kilo verteidigen. Dann wurde das als Qualifikationsturnier vorgesehene Weltcupturnier in Rabat auf Oktober verschoben, stattdessen diente jenes in Lissabon im Mai als Qualifikationsturnier. Doch dort verlor Quirici im Halbfinal.

Die erneute Qualifikation sollte gelingen

Nachdem sie bei den Europameisterschaften in der ersten Runde verloren hatte, blieb Quirici nur noch das Weltcupturnier in Paris, um sich doch noch für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Quirici musste sich zuerst in einem Turnier in den ersten Vier klassieren, um dann in einem Miniturnier jede gegen jede um die letzten drei Olympiatickets zu kämpfen.

Quirici mit dem Ticket für Tokio.

Quirici mit dem Ticket für Tokio.

Federico Pestellini/Freshfocus / Panoramic

Bis in den Halbfinal lief alles nach Plan, doch dann unterlag Quirici der Italienerin Semerano und musste einen Umweg nehmen, setzte sich aber gegen die Kroatin Lesjak durch und nahm damit die erste Hürde. Das darauffolgende Finalturnier der besten Vier wurde zu einer Gala. Quirici gewann alle drei Kämpfe und erfüllte sich den Olympia-Traum ein zweites Mal.

Olympia als Dessert

Kaum jemand musste sich die Qualifikation so sehr erdauern wie Quirici. Sie sagt: «Ich habe gezeigt, dass Träume in Erfüllung gehen können, wenn man nie aufgibt und daran glaubt, egal, wie schwer der Weg ist. Die harte Arbeit ist getan, nun möchte ich zeigen, was ich kann. Nach allem, was war, sind die Olympischen Spiele in Tokio für mich wie ein Dessert.»

Das heisst aber nicht, dass das Dessert nicht mit einer Medaille veredelt werden soll. Quirici sagt:

«Jede geht dorthin, um zu gewinnen, ich auch.»

Gekämpft wird am Samstag in zwei Fünfergruppen, die beiden Ersten pro Gruppe qualifizieren sich für die Halbfinals. Es ist ein Modus, bei dem Ausrutscher korrigiert werden können und der den Besten in die Karten spielt. Als Nummer 4 der Weltrangliste gehört Elena Quirici dazu. Es ist Zeit, dass sich ihre Investitionen auszahlen.

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