Analyse
Eishockey-Finale ZSC-Kloten: Opium für Zürcher Kapitalisten

Manchmal hilft uns ein Blick zurück, die Gegenwart zu verstehen. Im Frühjahr 1982 stiegen der SC Bern und der ZSC in die Nationalliga B ab. Spitzenhockey wurde nur noch auf dem Lande, in den Dörfern, in den Randregionen und tristen Vororten gespielt.

Klaus Zaugg
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ZSC-Keeper Flüeler retten gegen Kloten-Stürmer Brooks Laich (Archiv).

ZSC-Keeper Flüeler retten gegen Kloten-Stürmer Brooks Laich (Archiv).

Keystone

Die hoch angesehene, heute nicht mehr existierende Fachzeitung «Der Sport» lancierte eine Kampagne zur Aufstockung der Liga von 8 auf 10 Teams. Damit Bern und Zürich wieder am Kreislauf des Spitzenhockeys angeschlossen werden. Auf Aufschrei ging durchs Land. Sicher nicht! Die Gralshüter der Sportromantik setzten sich durch. Keine Aufstockung. Sport ist schliesslich nicht Big Business. Das Schweizer Eishockey verharrte weiterhin in der internationalen Bedeutungslosigkeit. Ein Meisterteam kostete 1,5 Millionen.

Erst seit Eishockey im Grossraum Zürich zum «Big Business» geworden ist, hat unser Hockey wieder Weltgeltung. Durch das Zusammengehen der Stadtklubs GC und ZSC sind am Ende des letzten Jahrhunderts die mächtigen ZSC Lions entstanden. Und seither gilt: Das wirtschaftliche und sportliche und Herz unseres Hockeys schlägt in Zürich. Oft wird vergessen, dass wir ohne die Nachwuchsorganisationen der ZSC Lions und der Kloten Flyers gar nicht mehr genug Spieler für zwölf NLA- und zehn NLB Teams hätten. In Zürich und Kloten werden rund 1000 Junioren ausgebildet. Mit den Spielern, die bei den beiden Zürcher Klubs gross geworden sind, könnten fünf Nationalliga-Teams zusammengestellt werden.

Natürlich wäre es politisch nett, wenn Servette das Finale bestreiten dürfte. Oder wenn es gar zu einem welschen Finale gekommen wäre. Die «Finalissima» mit Lugano und Ambri (1999) war eine Bereicherung unserer Hockeyfolklore. Nostalgiker freuen sich, wenn Davos um den Titel spielt. Und wenn der mächtige SC Bern meisterlich aufspielt, steht das Leben in der politischen Hauptstadt tagelang still.

Unser Klubhockey ist beispiellos erfolgreich. Die NLA hat mit 6872 Fans pro Spiel weltweit nach der nordamerikanischen Milliardenliga NHL (knapp 17 000 pro Partie) den höchsten Zuschauerschnitt und nach der NHL und der russischen KHL die höchsten Klubbudgets. Investitionsvolumen: Ein Meisterteam kostet inzwischen 15 Millionen. Die Erfolgsformel ist die Vielfältigkeit und die geografische Verteilung der Hockeyunternehmen im Land. Profihockey wird in den Bergen und in den urbanen Zentren des Flachlandes, in der Innerschweiz, im Tessin und im Welschland gespielt.

Aber dieses Hockey-Multikulti können wir uns nur leisten, weil Eishockey in Zürich erfolgreich ist. Investitionen ins Eishockey sind rationell nicht zu rechtfertigen. Am Ende des Tages sind es Emotionen, die einen Manager dazu bringen, die Unterschrift unter einen sechs- oder siebenstelligen Werbe- oder TV-Vertrag zu setzen. Die Entscheidungsträger der grossen Firmen, der Werbe- und Medien-Industrie sitzen in Zürich. Eishockey muss nicht in jedem Frühjahr in Zürich rocken und rollen. Aber in regelmässigen Abständen. Nur wenn Eishockey in dieser Stadt bei den Gesprächen in der Kaffeepause, beim Mittagessen, auf dem Golfplatz und beim Smalltalk vor und nach Verwaltungsratssitzungen ein Thema ist, wird ins Eishockey investiert, und wir sind dazu in der Lage, die Liga zu finanzieren. Wir sind darauf angewiesen, dass Eishockey das Opium der Zürcher Kapitalisten bleibt.

Wenn wir einen Wirtschaftswissenschafter beauftragen würden, uns zu sagen, was wir für das finanzielle Wohlergehen, für die Dynamisierung und Entwicklung unseres Hockeys machen sollen, dann würde er uns raten: Sorgt dafür, dass die ZSC Lions regelmässig um den Titel spielen und dass ab und zu das Playoff-Finale im «Millionen-Züri» gespielt wird. Und nun ist es so weit. Erstmals stehen die ZSC Lions und ihr «Juniorpartner», die Kloten Flyers, im Finale. Nur gut fünf Kilometer ist es vom Zürcher Hallenstadion zur Kolping Arena in Kloten.

Ob die ZSC Lions oder die Kloten Flyers nun die Meisterschaft gewinnen, ist unerheblich. Besser wäre ein Sieg der ZSC Lions. Weil sie das Zentralgestirn des Zürcher Hockeys sind und die Kloten Flyers in diesem Finale nur geliehene Bedeutung haben. Hiesse Klotens Finalgegner nämlich Servette, Davos, Lugano, Zug oder Gottéron, dann wären Interesse im Grossraum Zürich und nationale TV-Quoten vergleichsweise gering. Kloten hat, anders als die ZSC Lions, keine landesweite Strahlkraft. Dieses Zürcher Finale ist das Beste, was den ZSC Lions, Kloten aber eben auch unserem Eishockey sportlich, politisch und wirtschaftlich passieren konnte.