NHL
Eine Begegnung mit dem «grossen alten Mann» der Schweizer Hockeys – Mark Streit

Ein bisschen Nostalgie. Ein bisschen Wehmut. Im Oktober 2005 war Mark Streit ebenfalls in New York City.

Klaus Zaugg
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Während seine Teamkollegen die Partie gegen die Rangers bestreiten trainiert der überzählige Mark Streit für sich.

Während seine Teamkollegen die Partie gegen die Rangers bestreiten trainiert der überzählige Mark Streit für sich.

Keystone

Der grosse Star der ZSC Lions, Captain und Leitwolf der Nationalmannschaft, versuchte, bei den Montreal Canadiens als erster helvetischer Feldspieler in der NHL einen Stammplatz zu erkämpfen. Gegen die Rangers durfte er in New York City damals nicht spielen.

Und jetzt ist ihm zwölf Jahre später am vergangenen Sonntagabend das gleiche Schicksal wiederfahren – erneut im Madison Square Garden. In den ersten beiden Saison-Partien gegen Buffalo (3:2) und Washington (1:6) kam Streit zum Zug. Aber gegen die Rangers (Montreal verlor 0:2) durfte er nicht mehr mitmachen. Was ist los?

Wer nicht spielt, steht in der NHL am Spieltag offiziell für Interviews nicht zur Verfügung. Aber Montreals Mediengeneral Dominick Saillant (er war 2005 auch schon dabei) ist gnädig und sagt: «Schau ob Du ihn irgendwo findest, dann kannst Du mit ihm reden.» Und so treffen wir uns nach zwölf Jahren am selben Ort im Madison Square Garden wieder. Sogar an der exakt gleichen Stelle unten beim Teambus.

Im Herbst 2005 waren Streit und Timo Helbling beim NHL-Saisonstart die einzigen Schweizer Feldspieler – und keiner von beiden hatte einen Stammplatz. Helblings Nordamerika-Abenteuer ging ein Jahr später nach nur elf NHL-Einsätzen zu Ende. Und in der NHL ins Tor getroffen hatte bis zu diesem Zeitpunkt erst ein einziger Schweizer: Reto von Arx für Chicago.

Aber zum Stammspieler hatte auch er es nicht geschafft. Erst Streit setzte sich durch. Er kam in seiner ersten Saison schliesslich zu 48 Einsätzen, ab Herbst 2006 war er NHL-Stammspieler.

13 Schweizer in der NHL

13 Schweizer haben vergangene Woche die NHL-Saison begonnen, mehrere sind bereits Dollar-Millionäre und Roman Josi ist soeben zum Captain aufgestiegen. Streit hat inzwischen 820 NHL-Partien bestritten und über 30 Millionen Dollar verdient. Sein Name ist auf dem Stanley Cup eingraviert. Er hat geheiratet und ist Vater einer Tochter geworden.

Aber die Frage steht im Raum: Ist es für Streit die Saison zu viel? Er nimmt es mit der Gelassenheit eines Champions, der nichts mehr beweisen muss: «Es gibt eigentlich nur zwei Arten, eine Karriere zu beenden. Entweder hört man viel zu früh auf und bereut es dann jahrelang wie Renato Tosio. Oder dann macht man ein Jahr zu viel und nimmt in Kauf, dass da und dort Kritik aufkommt.»

Streit wird im Dezember 40-jährig und hat nicht das Gefühl, dass es die Saison zu viel sein könnte. «Ich fühle mich sehr gut. Ich bin fit. In Montreal habe ich beim Ausdauertest vor der Saison das viertbeste Resultat erreicht und ich habe in den zwei ersten Partien ganz gut gespielt.»

Kein Einsatz gegen die Ranger

Warum durfte er gegen die Rangers trotzdem nicht ran? «Man hat mir gesagt, es sei nicht wegen meiner Leistung. Aber es sei das zweite Spiel in zwei Tagen und deshalb sei ich nicht in der Aufstellung.»

Er ist also geschont worden. Ein Tribut an das Alter? «Na ja, so viele Spieler, die diese Saison 40 werden gibt es in der NHL nicht. Ich bin immer noch ehrgeizig und möchte unbedingt spielen. Aber wenn ich nicht darf, dann ist es halt, wie es ist und ich habe keine schlaflose Nacht, weil ich mal nicht spielen darf.» Er rechnet damit, dass er im Laufe der Saison immer wieder mal eine Pause bekommt, sonst aber regelmässig spielen kann.

So oder so geht es ihm ja gut. «In Montreal spielen und leben zu können ist für meine Familie und mich super. Ich habe dort viele Freunde und Bekannte.»

Ob er aber auch bei einem anderen Klub, vielleicht in der windumtosten Prärie in Winnipeg oder in der Wüste von Arizona eine weitere Saison gespielt hätte, lässt er offen. «Ich bin glücklich, dass es mit Montreal geklappt hat. Was soll ich mir da Gedanken machen, was gewesen wäre, wenn?»

Wer nicht spielt, arbeitet

Wird es nun tatsächlich seine letzte Saison sein? «Eigentlich möchte ich offenlassen, wann ich aufhöre. Aber wahrscheinlich ist es die letzte Saison.» Eines ist für ihn sicher: «Ich werde sicher nicht mehr in der Schweiz spielen. Das würde mir höchstens harsche Kritik einbringen.» Sein Leben nach dem Spitzensport hingegen will Streit nach Abschluss seiner NHL-Karriere auf jeden Fall in der Schweiz, genauer in Bern, verbringen.

Zurück nach New York City. Im Jahr 2005 war der ehemalige SCB-Junior ein NHL-Neuling. Das Spiel durfte er damals nicht in voller Länge von der Tribune geniessen. Während seine Kollegen draussen auf dem Eis kämpften, musste er drinnen im Kabinengang bis ins Mitteldrittel hinein auf dem Standvelo strampeln. Das gehört zur Leistungskultur in der NHL.

Wer nicht spielt, muss arbeiten. Und so hat Mark Streit nun auch zwölf Jahre später die Vorstellung der Canadiens nicht oben auf der Tribune verfolgt. «Ich machte während des Spiels Krafttraining und sass auch noch auf dem Velo.» Ob Frischling oder bestandener Veteran – vor dem Gesetz der Leistung sind alle gleich. Standvelofahren im Madison Square Garden wie vor zwölf Jahren – als sei die Zeit für Mark Streit stillgestanden.