NLA
Der EHC Biel – das pflegeleichteste Team der National League?

Inzwischen passt offenbar nicht einmal mehr Reto Berra, der WM-Silberheld und aktuelle Torhüter von Fribourg-Gottéron, ins ganz besondere Klima auf dem Hockey-Planeten Biel.

Klaus Zaugg
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Ein mildes Klima mit einem familiären Umgang ist in Biel wichtig, Captain Mathieu Tschantré sagt: «Wir achten darauf, dass sich alle wohlfühlen. Das war schon immer so und gehört zu unserem Klub.»

Ein mildes Klima mit einem familiären Umgang ist in Biel wichtig, Captain Mathieu Tschantré sagt: «Wir achten darauf, dass sich alle wohlfühlen. Das war schon immer so und gehört zu unserem Klub.»

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Ein Wunder, fast wie damals, als Jesus übers Wasser schritt: Antti Törmänen, 49, hält sich mit Biel in der Spitzengruppe über Wasser. Ja, der EHC Biel ist das einzige Spitzenteam, das im September die Erwartungen erfüllt hat. Biels finnischer Trainer geht also auch in seiner dritten Saison nicht unter. Das ist das Wunder im goldenen Bieler Hockey-Herbst. Zuvor hatte der finnische Nonkonformist spätestens in seiner dritten Saison seine Autorität eingebüsst. In Bern konnte er sich nicht einmal als Meistertrainer im Amt halten.

Ein wenig mag es an der Architektur des Stadions liegen. An den breiten, geräumigen Garderobengängen, durch die kein kalter Luftzug streicht. Aber der wichtigste Grund, warum es in keiner anderen Arena so angenehm ist, nach einer Partie mit Spielern zu plaudern, ist das besondere, milde Klima in diesem Hockeyunternehmen. Auf allen Ebenen. Von Manager Daniel Villard über Sportchef Martin Steinegger bis zu den Spielern, prägt eine sympathische Bescheidenheit das Auftreten. Arroganz ist in Biel gänzlich fremd.

Spieler blühen wieder auf

Biel – das pflegeleichteste Team der Liga? Ja, mit ziemlicher Sicherheit ist es so. Eine Mannschaft für Antti Törmänen. Und mit einem Blick zurück erkennen wir, dass Biel dem ehemaligen Sportchef und Trainer Kevin Schläpfer viel verdankt, aber Kevin Schläpfer diesem Hockeyunternehmen wohl noch mehr. Die «trainerfreundlichen» Bieler. Das sieht auch Mathieu Tschantré, 35, so. Er ist seit zwölf Jahren (!) Captain und für die Pflege des «Kabinen-Klimas» zuständig. «Ich denke schon, dass wir leicht zu führen sind. Wir befolgen die Anweisungen des Coaches.» Kein Wunder, dass im milden Bieler Klima Spieler wieder aufblühen.

Damien Brunner hat hier seine Spielfreude wiedergefunden. Luca Cunti ist auf dem Weg dazu. Marc-Antoine Pouliot auch. Yannick Rathgeb kann nach seiner Heimkehr aus Nordamerika in Biel der beste Offensiv-Verteidiger mit Schweizer Pass werden. Er hat schon zwei Tore erzielt. «Gut spielen ist nur möglich, wenn man sich wohlfühlt», sagt Tschantré. «Wir achten darauf, dass sich alle wohlfühlen. Das war bei uns eigentlich schon immer so und gehört zu unserem Klub. Spieler, die neu zu uns kommen, sagen mir immer wieder, dass es in Biel ganz anders ist.»

Biels Absage: Berra könnte nicht zum Team passen

Eine gute Stimmung – im Hockeyjargon «eine gute Chemie» – ist das Resultat der richtigen Zusammensetzung der Mannschaft. Talent ist ein Faktor. Die Persönlichkeit ein mindestens so wichtiger. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit mag es illustrieren.

Sportchef Martin Steinegger sucht einen Nachfolger für den 37-jährigen Torhüter Jonas Hiller. Der ehemalige NHL-Titan hat seinen Rücktritt per Saisonende angekündigt. Gottérons Reto Berra, 32, war ein Kandidat für die Nachfolge. Zumal der WM-Silberheld eine durchaus erfolgreiche vierjährige Vergangenheit mit Biel hat (2009 bis 2013). Tatsächlich hat Steinegger mit ihm verhandelt. Das wird offiziell von allen Seiten bestätigt. Reto Berra hat sich schliesslich gegen Biel und für den Verbleib bei Gottéron entschieden.

In Tat und Wahrheit war es anders herum: Biel hat Reto Berra abgesagt. Nicht wegen überzogener finanzieller Forderungen. Finanziell sei man sich einig gewesen. Sondern wegen dem Gefühl, er könnte nicht mehr zur Mannschaft passen. Diese Version wird offiziell – natürlich – dementiert. Inoffiziell hingegen sehr wohl gleich von mehreren Seiten ausdrücklich bestätigt. Um im Sportbusiness ein ganz besonderes Klima, ein Stück leistungsfördernde Romantik, zu erhalten, braucht es eben hin und wieder mutige Entscheidungen.

Gästefans als Kostenfaktor

Gross ist die Aufregung, weil es im neuen Hockey-Tempel in Lausanne im Stehplatz-Gästesektor nur rund 180 Plätze gibt. Aber das ist die neue Zeit. Der Gästesektor ist ein (zu grosser) Kostenfaktor geworden und wird in absehbarer Zeit aus den Stadien verschwinden. Die gesetzlichen Grundlagen haben sich verändert. Die Klubs werden heute für die Sicherheitskosten vom Staat nach dem Verursacher-Prinzip zur Kasse gebeten. Je mehr Polizisten im Einsatz stehen, desto höher die Kosten. Sie liegen pro Saison im sechsstelligen Bereich, Tendenz steigend. Je weniger Gästefans zum Spiel kommen, desto geringer das Konfliktpotenzial, desto kleiner das Sicherheitsrisiko, desto geringer die Kosten. Um die Sicherheitskosten zu senken, wird es bald in den meisten Stadien keine Stehplatz-Sektoren mehr für Gästefans geben. Wer auswärts sein Team unterstützen will, muss sich ein Sitzplatzticket kaufen.
Kategorisch schliesst diese Entwicklung unter den gegebenen Umständen eigentlich nur SCB-Manager Marc Lüthi aus: «Die Gästefans gehören zu unserer Eishockeykultur.» Der SCB hat die höchsten Zuschauerzahlen ausserhalb der NHL (im Schnitt etwas mehr als 16 000) und lebt wie kein anderer Klub von den Kunden im Stadion. Eine Hege und Pflege der ganz besonderen Stimmung, ein hoher Erlebniswert der Spiele ist von zentraler Bedeutung. Da gehört der Gäste-Stehplatzsektor dazu.

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