EISHOCKEY-WM 2017: Weltmeister oder Absteiger

Die Schweizer Nationalmannschaft trifft in ihrem ersten Spiel morgen in Paris auf den Aufsteiger Slowenien. Die Schweizer haben reichlich Talent, aber auch Schwächen in vielen Bereichen.

Klaus Zaugg
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Rafael Diaz ist einer von sechs Schweizer Spielern, die schon 2013 dabei waren. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Rafael Diaz ist einer von sechs Schweizer Spielern, die schon 2013 dabei waren. (Bild: Georgios Kefalas/KEY)

Klaus Zaugg

Der Spruch stammt von Mark Streits Vater. Er pflegt vor einer WM auf Fragen nach dem Abschneiden der Schweizer zu antworten: «Man weiss nie, ob sie absteigen oder Weltmeister werden.» Es ist, ein bisschen zugespitzt, die ganze Wahrheit in einem Satz. Weltmeister ist die Schweizer Nationalmannschaft zwar nie geworden. Aber 2013 immerhin WM-Zweite. Abgestiegen ist die Schweiz zwar seit 1998 nicht mehr. Aber mehrmals geriet sie in Gefahr. An dieser Unberechenbarkeit hat sich nichts ge­ändert. Sie ist nach einer langen Phase mit einer gewissen Stabilität unter Ralph Krueger von 1998 bis 2009 seit dem WM-Silber von 2013 gar wieder grösser geworden. Das Schweizer Eishockey ist heute besser, die Spieler haben viel Talent, mehr als die meisten der Herausforderer aus der zweiten WM-Tableau-Hälfte. Aber dieses Talent kann nur mit entsprechender taktischer Disziplin umgesetzt werden.

Die Schweiz hat nach wie vor nicht genug Einzelspieler, die auf internationalem Niveau in der Offensive die Entscheidung, die Siege herausspielen. Die Schweiz muss die Erfolge immer noch ­herausarbeiten. Die Taktik hat das Primat über dem Spektakel. Dem Nationaltrainer kommt daher eine grössere Bedeutung zu als bei den grossen Nationen. Am weitesten haben taktische Meister wie Ralph Krueger und Sean Simpson die Schweiz gebracht. Und wäre Simpson auch ein Hockey-Diplomat wie Krueger, so wäre er noch heute im Amt.

In Moskau zeitweise in Abstiegsgefahr

Wo steht die Schweiz vor der zweiten WM mit Patrick Fischer? Der Nationalcoach versteht etwas von Taktik. Aber er vermag sein taktisches Konzept nicht so einzuschulen und durchzusetzen wie einst Krueger oder Simpson. Fischer ist ein sehr guter Kommunikator und als «Verkäufer» des Schweizer Eishockeys ein idealer Nationaltrainer. Aber ihm fehlt nach wie vor das Charisma, das nur Sieger haben – er hat als Trainer noch nie etwas gewonnen. Und so ist die Schweiz an der ersten WM unter Fischer vor einem Jahr in Moskau mit wildem «Pausenplatz-Hockey» knapp und erst im letzten Gruppenspiel an den Viertelfinals vorbeigeschrammt, schwebte aber zeitweise in Abstiegsgefahr. Es war ein «Scheitern mit Herz». Die Schweizer begeisterten mit mutigem, aber naiven und international nicht tauglichem Offensivhockey.

Fischer und seine zwei Assistenten Felix Hollenstein und Reto von Arx waren in ihrem Wesen und Wirken in manchen Phasen mehr Cheerleader als grosse Trainer. Diese Schwäche ist erkannt worden. Hollenstein und von Arx sind nicht mehr dabei. Nun steht Fischer mit dem Schweden Tommy Albelin ein erfahrener Taktiklehrer zu Seite, der in der NHL bei New Jersey als Spieler und Assistent das Defensivhandwerk von Grund auf erlernt hat. Das Schweizer Spiel ist inzwischen besser strukturiert und mahnte in der WM-Vorbereitung in lichten Momenten, etwa bei den zwei Siegen gegen Russland, an die Silbersaison 2013. Aber in der letzten Vorbereitungspartie beim 1:4 gegen Kanada war die Schweiz chancenlos. Das WM-Team 2017 ist nominell eines der schwächsten der Neuzeit. Im Vergleich zum WM-­Silberteam eine B-Auswahl. Von den «Silber-Helden» sind nur noch sechs dabei. Einzig Denis Malgin hat diese Saison regelmässig in der NHL gespielt.

Starke Goalies und belastete Leistungsträger

Es ist eine Schweizer WM-Mannschaft mit geringem offensivem Überraschungspotenzial, wenig Dynamik auf den Aussenbahnen, geringer Wasserverdrängung in der Abwehr und zwei starken Goalies, Leonardo Genoni und Jonas Hiller. Der Nationaltrainer wird seine zwei besten Verteidiger, Rafael Diaz und Philippe Furrer, mit mehr als 20 Minuten Eiszeit pro Spiel belasten müssen. Aber es ist auch eine Mannschaft, die, richtig gecoacht, immer noch genug Talent hat, um das Minimalziel Viertelfinals – dafür ist Platz vier in der Gruppe notwendig – zu erreichen. Die Einstellung der Spieler, die «Chemie» im Team stimmt.