EISHOCKEY: Unverwüstlich trotzig wie ein verhagelter Kater

Statt mit «seinem» Biel um den Meistertitel zu kämpfen, steht Trainer Kevin Schläpfer mit Kloten vor dem tiefen Sturz in die Ligaqualifikation.

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Kevin Schläpfer dürfte eigentlich in Kloten gar nicht mehr im Amt sein. Nach der dritten Niederlage gegen Ambri am Ostermontag schien klar: Nun ist es vorbei. Wenn Kloten die Wende doch noch herbeiführen will, dann muss der Trainer entlassen werden.

Aber Kevin Schläpfer bleibt im Amt und steht vor der schwierigsten sportlichen Herausforderung. Um den Sturz in die Ligaqualifikation zu vermeiden, muss er dreimal hintereinander gegen Ambri gewinnen. Er hat mit Kloten noch nie dreimal hintereinander gewonnen. Und wenn er zu Hause in seinem Eigenheim in allerbester Lage in Sissach im Beisein seiner Freundin über die Situation nachdenkt, dann müsste er eigentlich depressiv werden: Er hat vor zweieinhalb Jahren den Job als Nationaltrainer nicht angenommen, um in Biel zu bleiben. Dort ist er kurz darauf gefeuert worden. Und nun feiert Biel gegen Lugano den grössten Erfolg seit dem Wiederaufstieg von 2008. Es ist «sein» Biel, das er über zehn Jahre lang als Sportchef und Trainer aufgebaut hat.

Aber Kevin Schläpfer ist weder depressiv noch mutlos. Mag sein, dass er nicht mehr so charismatisch wirkt wie in seinen besten Tagen als «Hockeygott» in Biel. Aber er strahlt etwas Unverwüstliches, Trotziges aus wie ein Kater, der nach einem Hagelwetter zersaust an der Haustüre kratzt und Einlass begehrt. Es hat in der modernen Geschichte unseres ­Hockeys noch keinen Trainer gegeben – und in der Privatwirtschaft wohl keinen Manager, der in einer so heiklen Situation so zuversichtlich und locker geblieben ist.

Normalerweise sind Trainer (und Führungskräfte) in der tiefen Krise für Medienvertreter nicht mehr zu sprechen. Bei Kevin Schläpfer gibt es kein «normalerweise». Er war im Erfolg anders. Und er ist es auch im Misserfolg. «Es hilft mir, dass ich so kritische Situationen schon erlebt habe», sagt er. «Wir lagen in Biel in einer Ligaqualifikation 0:2 zurück und haben uns gerettet.» Wenn er sagt, die Rettung in Kloten sei möglich, so ist das also nicht einfach dahergeredet. Er hat als Nottrainer eine solche Rettung bereits an vorderster Trainerfront organisiert.

Es scheint, dass Schläpfer seine Mistreiter durch seine Art beeindruckt. Zum Beispiel Felix Hollenstein, Klotens charismatischste Persönlichkeit. Captain von vier Meisterteams, später jahrelang Trainer und Trainerassistent, heute Juniorentrainer und Einflüsterer von Präsident Hans-Ulrich Lehmann. Eigentlich der Mann, der jetzt Kevin Schläpfer als Trainer ablösen müsste. Aber Hollenstein sagt: «Nein, das werde ich nicht tun. Unter keinen Umständen. Aber ich helfe, wo ich nur kann. Wenn mich Kevin Schläpfer bitten würde, ihn an der Bande zu unterstützen, dann würde ich es tun.» Klotens «Hockeygott» verneigt sich also vor Kevin Schläpfer und wäre bereit, von Thron herabzusteigen und sich in dessen Dienst zu stellen. Wahre Sportromantik. Die Helden Kevin & Felix als Schicksalsgemeinschaft auf der Kommandobrücke, wenn Kloten nach 56 Jahren in der höchsten Liga untergeht – zumindest wäre dieses Spektakel im Falle eines Falles selbst einer Schlussszene im Film «Titanic» würdig. Mit Blick nach Westen, in die über dem Flughafen untergehende Sonne. Geht Kloten unter, dann zumindest mit Stil.

Klaus Zaugg