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Davos-Trainer Arno del Curto: «Ich bin immer noch ein Kindskopf»

Kein Trainer hat das Schweizer Eishockey in den vergangenen zwei Jahrzehnten so geprägt wie Arno Del Curto beim HC Davos. Seit 1996 steht er hinter der Bande der Bündner. Nun macht er sich Gedanken über den richtigen Zeitpunkt des Rücktritts.
Sergio Dudli, Davos
Arno Del Curto: «Nach jedem Meistertitel stellte ich mir die Frage: Wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Abgang?» (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Arno Del Curto: «Nach jedem Meistertitel stellte ich mir die Frage: Wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Abgang?» (Bild: Gian Ehrenzeller/KEY)

Lebende Legende, Kultfigur, Unikat – Arno Del Curto geniesst in Davos Heldenstatus. Seit über 21 Jahren steht der 61-Jährige an der Trainerbande des HC Davos. Er feierte sechs Meistertitel und brachte diverse Nationalspieler hervor. Trotz der Erfolge ist Del Curto ein einfacher Mann geblieben. Am Interviewtermin in den Tiefen des Davoser Stadions sitzt er mit Trainerhose und Badelatschen auf einer abgewälzten Couch. Die Brille sitzt weit vorne auf der Nase, die wachen Augen blicken über den Rand der Fassung. Mit Händen und Füssen sinniert Del Curto über den richtigen Zeitpunkt des Rücktritts, was er von jungen Menschen lernen kann und was dem Schweizer Eishockey zur Weltspitze fehlt.

Arno Del Curto, wer ist grösser: Sie oder der HC Davos?

Davos, keine Frage. Der Club hat eine hundertjährige Tradition, da waren im Verlauf der Gesichte schon ganz andere Kaliber am Werk als ich. Sowieso gibt es für mich nur einen Menschen, der unsterblich ist: Roger Federer. Und selbst er ist nur ein Mensch. Ein Einzelner kann gar nicht grösser sein als der HC Davos.

Trotzdem sind Sie nach bald 22 Jahren in Davos stark mit dem Club verknüpft. Was hält Sie hier?

Als ich 1996 hier anfing, haben wir begonnen, etwas mit jungen Spielern aufzubauen. 2002 folgte der erste Meistertitel, und wir haben den eingeschlagenen Weg aufgrund des Erfolgs fortgeführt. So habe ich immer wieder junge Spieler an die erste Mannschaft herangeführt. Sie sind der Grund, weshalb ich hier bin. Ich stand mehrfach vor dem Absprung, einem Angebot St. Petersburg hatte ich bereits zugestimmt. Aber immer im letzten Moment bekam ich ein schlechtes Bauchgefühl, weil ich meine Mannschaft und die Spieler, mit denen ich etwas aufbauen wollte, hätte verlassen müssen.

Also kettet Sie das schlechte Gewissen an Davos?

Ich habe diesen Instinkt, dass ich nicht einfach davonlaufen darf. Nach jedem Titelgewinn stellte ich mir die Frage: Wäre das nicht der richtige Zeitpunkt für einen Abgang? Aber dann holst du neue Spieler, machst ihnen Versprechungen und setzt dir gemeinsame Ziele. Da kann ich doch nicht einfach gehen. Dabei wäre es in diesem Geschäft eigentlich normal, dass du bei einem guten Angebot weiterziehst. Ich hätte hinstehen und sagen können: Sorry Jungs, ich weiss, ich habe euch etwas versprochen, aber so sieht’s aus. Aber ich kann das nicht.

Bereuen Sie es im Nachhinein, nie eine dieser Chancen wahrgenommen zu haben?

Es gab immer wieder Momente, in denen ich gedacht habe: Warum nur tust du dir das hier noch an? Ich bin wahrscheinlich ein hoffnungsloser Romantiker. Diese Loyalität, das Leben und Pflegen der alten Werte, ist einfach ein Teil von mir. Dass ich immer bei Davos geblieben bin, finde ich aber auch etwas Schönes.

Können Sie Davos noch verlassen?

Es gibt drei Szenarien. A: Ich gehe zu einem anderen Club. B: Ich werde mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt. C: Ich finde ab jetzt den richtigen Moment für den Abgang. Den könnte ich finden, zum Beispiel wenn wir mit dieser jungen Mannschaft eine sehr gute Saison spielen. Dann reden wir miteinander und ich sage: Ich übergebe jetzt das Zepter. Daran arbeiten wir.

Um so lange dabei zu sein, muss man hockeyverrückt sein. Sind Sie das?

Ich war es bis vor zehn Jahren. Das war Wahnsinn, da habe ich mich 24 Stunden nur mit Eishockey beschäftigt. Aber dann habe ich gemerkt, dass das nicht gut ist. Darunter leidet deine Energie, deine Kreativität und deine Vision. Wenn du auch mal etwas anderes im Kopf hast, verfügst du über mehr Kraft, den Spielern deine Werte zu vermitteln.

Warum können Sie jetzt besser abschalten? Ist es das Alter?

Nein, ich bin nicht älter, sondern weiser geworden. Ich bin immer noch ein Kindskopf, weil ich so viele junge Menschen um mich herum habe.

Was lernen Sie von den Jungen?

Ich sitze nicht jeden Tag in einer Beiz und rede über Politik. Ich bin immer von meinen Jungs umgeben. Dadurch sprichst du ihre Sprache, hörst ihre Musik, denkst wie sie. Von jungen Menschen umgeben zu sein, ist das schönste Geschenk, das dir das Leben machen kann. Und ich habe es bekommen. Das kann mir niemand nehmen. Gar niemand. Nicht einmal die vereinte Bundesversammlung.

Nach welchem Ideal im Eishockey streben Sie?

Nach einer Symphonie aus Lauf- und Passwegen, gepaart mit höchstem Tempo. Diese Umsetzung ist nicht einfach, aber danach strebe ich. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin ein Fantast. Aber solange ich nicht aufgebe, ist es halt so.

Im Sport entscheidet letztlich der Erfolg. Was ist für Sie Erfolg?

Wenn ich von meinem Team ein Match auf sehr hohem Niveau sehe, in dem mein Ideal umgesetzt wird. Und die Mannschaft dieses Level über einen langen Zeitraum konstant abrufen kann.

Und wenn das Niveau hoch ist, aber trotzdem jedes Spiel verloren geht?

Dann ist das ein Schönheitsfleck, der analysiert werden und irgendwann verschwinden muss. Wenn du oft verlierst, fehlt dir irgendwann der Glaube, das Ganze umsetzen zu können.

Hinter der Bande wirken Sie oftmals enthusiastisch. Woher kommt das?

Ich will immer das Beste haben: Spieler, die alles geben, die beste Mannschaft, das beste Eishockey. Wenn ein Spieler zum tausendsten Mal denselben Fehler macht, weise ich ihn aus dem Impuls heraus mit einer gewissen Energie und Leidenschaft darauf hin. Dabei will ich nur das Beste für ihn. Wenn ich einen zusammenstauche, tut mir das am meisten weh. Nach dem Spiel oder Training bin ich sofort bemüht, dass der Spieler wieder ein Lächeln auf dem Gesicht hat.

Stört es Sie, dass die Medien dieses emotionale Bild von Ihnen zeichnen?

Es hat mich gestört, mittlerweile stehe ich darüber. Es ist mir wurst, ich kann eh nichts dagegen machen. Da wird einfach ständig eine Kamera auf mich gerichtet. Wenn wir jeden Tag ein Spiel haben und ich nur in der allerletzten Minute im allerletzten Spiel ausflippe, kommt genau diese Szene im Fernsehen. Normalerweise hat man nur das Konforme, da werden solche Extreme gesucht.

Ist das mit ein Grund, weshalb man Sie selten in TV-Studios sieht?

Ja, ich habe einfach keine Lust, die Menschen zu belehren. Sie machen und sehen das, was sie wollen. Ich habe in Sendungen mitgemacht, weil ich dem Hockey durch meine Aussagen einen neuen Impuls geben wollte. Aber irgendwann merkst du, dass das nichts bringt.

Ist es nicht naiv zu glauben, dass ein Einzelner etwas bewirken kann?

Das ist es, aber gleichzeitig auch nicht. Wir müssen im Schweizer Eishockey etwas ändern. Es braucht mehr Spieler mit Weltklasse-Format. Wir müssen mit den Russen, Kanadiern, Tschechen, Schweden und Finnen auf einer Stufe stehen. Das muss doch für alle Beteiligten das Ziel sein.

Fehlt den Schweizer Spielern der Biss?

Ein Schweizer Spieler sollte die gleiche Einstellung haben wie ein Sidney Crosby oder ein Lionel Messi. Aber unserer ­Gesellschaft geht es gut, das macht es schwieriger. Ein Alexander Owetschkin ist wahrscheinlich irgendwo in der russischen Pampa aufgewachsen und hatte nichts ausser einem Puck und einer vereisten Kuhweide. Das ist in der Schweiz gar nicht möglich. Für Owetschkin gab es nur den Sport. Die Schweizer Spieler müssen deshalb so geführt werden, dass sie sich trotz diesen anderen Umständen dieselbe Klasse aneignen können.

Kurz vor dem Ende des Interviews betritt die Lebenspartnerin von Arno Del Curto zusammen mit dem gemeinsamen Hund den Raum. Die anschliessend gestellte Frage leitet der Davos-Trainer an sie weiter.

Ist es einfach, mit Arno Del Curto zusammen zu sein?

Partnerin: Es ist einfach und schön mit Arno. Natürlich haben wir unsere Konflikte, aber die gibt es überall. Zu Hause ist er ruhig, lieb und gemütlich – also überhaupt nicht der Mensch, der er hinter der Bande ist.

Täte es ihm nicht gut, etwas davon mit auf das Eis zu nehmen??

Nein. Arno ist einfach so, wie er ist – und das ist gut so.

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