EISHOCKEY: «Sie spüren meine Unsicherheit»

Der Herisauer Daniel Stricker ist Profischiedsrichter in der höchsten Schweizer Eishockeyliga. Im Interview erklärt er, was ein Referee im Sommer macht und wie er mit Fehlentscheidungen umgeht.

Sergio Dudli
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Daniel Stricker hat als Profischiedsrichter auch im Sommer zu tun. (Bild: Urs Bucher (Kemptthal, 21. August 2017))

Daniel Stricker hat als Profischiedsrichter auch im Sommer zu tun. (Bild: Urs Bucher (Kemptthal, 21. August 2017))

Interview: Sergio Dudli

Der Sommer ist eigentlich nicht die Jahreszeit von Daniel Stricker – zumindest aus beruflicher Sicht. Der 42-Jährige verdient sein Geld als Eishockey-Profischiedsrichter. Bereits seit sechs Jahren widmet er sich voll und ganz dem Pfeifen auf dem Eis. Im Gespräch gibt Stricker Einblick in seinen Alltag im Sommer und erläutert seine Sicht auf den Beruf des Referees.

Daniel Stricker, was macht ein professioneller Eishockey-Referee im Sommer?

Ganz einfach: Zuerst erholen, Ferien machen und etwas Zeit mit der Familie verbringen. Die Saison beginnt für mich jeweils Mitte Juli und in der vergangenen Saison war sie für mich aufgrund der WM erst Ende Mai vorüber. Sobald ich etwas herunterfahren konnte, ging es wieder los mit Eis- und Fitnesstraining sowie unserem Trainingslager.

Wie sehen Ihre Vorbereitungen konkret aus?

Ich habe keinen vorgegebenen Tagesablauf und bin flexibel in meiner Trainingsgestaltung. So kann ich selber bestimmen, wann ich was und wie trainiere. Das erlaubt es mir, mein Trainingspensum um bestehende Fixtermine herumzuplanen. Das bedeutet aber auch, dass ich selber für meinen Formaufbau verantwortlich bin. Bis die Meisterschaft beginnt, habe ich zusätzlich sieben bis zehn Vorbereitungsspiele in den Beinen. Das ist optimal, um in die Saison zu starten.

Wie geht Ihr Umfeld mit Ihrem Beruf um?

Mein Umfeld unterstützt mich sehr gut, und es haben sich mit der Zeit viele Automatismen gebildet. Was mir wichtig ist: Wenn ich mir für etwas Privates Zeit nehme, hat das meinen vollen Fokus.

Was sind Entbehrungen, die Ihr Beruf mit sich bringt?

Es ist ein verpflichtender Beruf. Wenn an einem Samstagabend ein privater Anlass über die Bühne geht, findet der zu 99 Prozent ohne mich statt. Zudem sind die Spiele physisch und psychisch anspruchsvoll. Der Druck, der auf einem Schiedsrichter lastet, ist gross. Man muss lernen, mit Fehlern und Kritik umzugehen.

Wie wichtig ist dieser Umgang mit Fehlern?

Viele Menschen müssen am Montagmorgen früh anfangen zu arbeiten. Das gehört zu ihrem Beruf. So ist es bei mir mit der niedrigen Fehlertoleranz. Wenn du das Trikot anziehst und die Pfeife in die Hand nimmst, musst du dir des­sen bewusst sein. Viele Menschen sperren Unangenehmes in eine Schublade oder schieben die Probleme vor sich her. Ich habe gelernt, mit meinen Fehlentscheiden umzugehen und daraus zu lernen.

Was entgegnen Sie Kritikern?

Dass sie selber einmal die Rolle des Schiedsrichters einnehmen sollen. Damit möchte ich ihnen aufzeigen, dass man als Referee in Sekundenbruchteilen Entscheidungen fällen muss. Zudem kann es passieren, dass abseits des persönlichen Fokus etwas passiert – so sind Fehler nicht ausgeschlossen. Wenn sich jemand mit unserer Materie auseinandergesetzt hat, kann er mehr Verständnis für unsere Arbeit aufbringen.

Manchmal gibt es Spiele, in denen es einem Schiedsrichter nicht läuft. Welche Rolle spielen in solchen Momenten die Spieler und Trainer?

Sie spüren meine Unsicherheit. Menschen sind oft gnadenlos und wollen alles ausnutzen, um zu gewinnen. Es gibt für einen Sportler zwei Möglichkeiten: Entweder versucht er, dem Schiedsrichter auch noch zusätzlichen Druck aufzuerlegen, um möglicherweise davon zu profitieren – oder er gibt ihm die Chance, wieder ins Spiel zu finden, indem er den Referee seinen Job machen lässt. Von solchen Faktoren sind wir weit mehr abhängig, als dies die Öffentlichkeit wohl erkennt.

Was ist entscheidend, damit Ihnen ein Spiel nicht aus den Händen gleitet?

Das Achten auf Signale, welche die Spieler aussenden, sowie die Kommunikation. Du musst er­ahnen können, welcher Spieler auf welcher Temperatur läuft und was als Nächstes geschehen könnte. Wenn ich beispielsweise spüre, dass ein Spieler überhitzt, muss ich mit ihm kommunizieren und sagen: «Hey, komm runter. Du weisst, dass du dich am Limit bewegst.» Das Schlimmste wäre, wenn etwas geschieht, das ich nicht antizipiert habe.

Es gibt Heisssporne unter den Spielern und Trainern. Wie muss man diese anpacken?

Mit der Zeit weisst du, wie solche Spieler oder Trainer ticken. Ich stehe dann aber nicht mit der geladenen Pistole dort und warte, bis ich einen Spieler auf die Strafbank schicken kann. Solche Akteure sind oftmals jene, die sich am Limit bewegen. Da kann es passieren, dass sie auch einmal zu Unrecht auf der Strafbank landen – aber sie provozieren es auch. Das ist wie ein Motorradfahrer, der in jeder Kurve voll reingeht. Irgendwann liegt er am Boden.

Erklären Sie doch, was Sie mit «wie solche Spieler oder Trainer ticken» meinen.

Ein Trainer hat sich einmal während einer Partie unmöglich benommen und wurde entsprechend bestraft. Nach dem Spiel hat er mir aber zu meiner Leistung gratuliert und gesagt, er hätte nichts gegen mich persönlich. Er habe mit seiner Reaktion nur seine Mannschaft wecken wollen. Da denkst du dann: Jetzt hat der so ein Theater gemacht, aber dabei es ging gar nicht um mich.

Viele Spieler meinen, in der Schweiz werde im Vergleich zu internationalen Spielen zu kleinlich gepfiffen. Wie sehen Sie das?

International ist das spielerische Niveau höher als auf nationaler Ebene. Viele Fouls, die in der Schweiz vorkommen, sieht man international selten. So ist es nicht verwunderlich, dass es zu unterschiedlichen Strafenverteilungen kommt. Leider haben wir meiner Meinung nach hierzulande noch ein Defizit, was das Körperspiel betrifft.

Im Vergleich zum Fussball scheint es, dass es im Eishockey mit dem Referee gesitteter zu- und hergeht. Weshalb?

Eishockey ist schneller. Wenn mir ein Spieler etwas sagt, geschieht das beim Vorbeifahren. Im Fussball sind die Distanzen grösser und es dauert länger, bis ein Spieler beim Schiedsrichter ist. Das sieht dramatischer aus. Was die Kommentare gegen den Schiedsrichter angeht, glaube ich nicht, dass es grosse Unterschiede gibt.

Wie entgegnen Sie diesem «Trash Talk»?

Als Schiedsrichter darfst du dich verbal nicht auf das Level der Spieler begeben. Die Kommunikation mit ihnen ist ein schmaler Grat, da kann schnell etwas falsch verstanden werden. Es gab aber auch Situationen, wo sich ein Spieler immer und immer wieder bei mir beschwert hat und ich ihn fragte: «Soll ich das nächste Mal auch kommen, wenn du das Tor verfehlst?» Das hat er verstanden.

Teilen Sie die Meinung, dass Eishockey härter ist als andere Sportarten?

Das Einstecken im Eishockey ist anders. Die Spieler wollen Härte zeigen und nicht verweichlicht dastehen. Daher gibt es weniger Versuche, durch bestimmte Aktionen eine Entscheidung des Schiedsrichters zu seinen Gunsten zu erzwingen. Solche Schauspieleinlagen sind zum Glück verpönt.